Ich hatte diesen Sommer das vielleicht etwas seltsame Ansinnen, nach Brighton zu fahren. Das englische Seebad hatte ich zuletzt in den 90ern gesehen, damals sehr gemocht und hatte attraktive Phantasien darüber, am sonnigen Strand zu sitzen, die kleinen Einkaufsgässchen zu erforschen und auf dem geschmacklich etwas zweifelhaften, aber irgendwie auch beeindruckenden Pier zu spazieren. Mein Freund konnte diesen Plan nicht ganz nachvollziehen, aber letztlich ist für seine Reisebereitschaft ausschlaggebend, ob es am Zielort ein für ihn interessantes Konzert gibt – und er fand eines.

Seit vielen Jahren schon veranstaltet David Gedge in dem Club Concorde2 nämlich eine Mischung aus Festival und Bekanntentreffen namens „At the Edge of the Sea“. Jedes Jahr mit dabei sind seine Bands The Wedding Present und Cinerama, andere bucht er dazu. In vergangenen Jahren erstreckte sich die Veranstaltung über zwei Tage, 2016 blieb es aus terminlichen Gründen bei einem.


An dem Samstag, an dem das Event stattfinden sollte, gingen wir mit bemerkenswert wenig Vorwissen zum Veranstaltungsort: Wir hatten eine Liste des Lineups, von dem wir allerdings die meisten Bands nicht kannten, außerdem gab es eine Start- und Endzeit, 15 und 22 Uhr. Wer wann spielen würde, hatten wir nicht in Erfahrung bringen können, also kamen wir eben schon um kurz nach 3 – nicht, ohne uns unterwegs darüber zu freuen, dass die Veranstaltung innen stattfinden würde, denn das Wetter in Brighton variierte an diesem Nachmittag zwischen Sturm und Sturzregen.

Bei unserem Eintreffen zeigte sich schnell, wie das „Festival“ funktionieren würde: Das Concorde2 ist ein langgetrecktes Gebäude direkt an der Uferpromenade. Der Eingangsbereich mündet direkt in eine Bar, dort war eine kleine Bühne aufgebaut. Durchquerte man diesen Raum, gelangte man in die eigentliche Halle, in der sich die reguläre Bühne befand. Zetteln, die an der Wand hingen sowie Bildschirmen im Barraum konnte man entnehmen, wer wann spielen würde, wobei die Bands immer abwechselnd auf der großen und der kleinen Bühne spielen sollten – und zwar nahtlos.


Bei unserem Eintreffen befand sich in der Bar bereits Band Nummer 1, Collectress. Das Frauenquartett trug offenbar unechte Plastikbrillen, hatte sich bunte Papierpunkte auf die Haut geklebt und trug auffällige Krägen. Bei seiner Musik handelte es sich zunächst um Instrumentalstücke an Klavier, Geige und Cello, später kam auch Gesang dazu. Obwohl der Veranstaltungsort „Bar“ darunter litt, dass ständig Gäste durch die quietschende Eingangstür ein- und ausgingen, zeigte sich die Band erleichtert darüber, dass die Zuhörer so leise waren – sie hatten anscheinend damit gerechnet, mit ihrer leisen Musik gegen laute Gespräche anspielen zu müssen. Die Band aus London hat ein erschienenes Album, "Mondegreen" und ein noch unveröffentlichtes, "Different Geographies", die meisten gespielten Lieder dürften von letzterem gestammt haben.


Offenbar hatte auch jede Band den Auftrag bekommen, ein The Wedding Present-Lied zu covern, was, wie sich noch zeigen sollte, nicht in jedem Fall erfüllt wurde. Collectress entschieden sich für „My Favourite Dress“.

Setliste:

Maus Werk
Streets
Limited
My Favourite Dress (The Wedding Present Cover)
She Must
Woodenheart
Roaming


Band Nummer 2 war eine Überraschung, denn es handelte sich bereits um Cinerama, mit denen wir viel später gerechnet hatten. Es hatte sich also gelohnt, annähernd pünktlich zu erscheinen, denn wie ärgerlich wäre es gewesen, um 16 Uhr einzutreffen und eine der beiden Hauptbands bereits verpasst zu haben! Während wie den spärlichen Vorab-Informationen auf der Website des Concorde2 entnommen hatten, dass die Band die erste Seite ihres Albums „Disco Volante“ spielen würde, handelte es sich hierbei offenbar um eine Falschinformation. Die Band spielte sich stattdessen eine halbe Stunde lang durch ein buntes Song-Sortiment.


David Gedge nutzte seinen ersten Auftritt als Gastgeber auch dafür, zum einen die Bands, die uns noch bevorstanden, vorzustellen. Zwei davon setzten sich hierbei aus Cinerama-Mitgliedern, die bereits mit ihm auf der Bühne standen, zusammen: Astrid Williamson & Terry de Castro sowie Such Small Hands. Die Bandvorstellung klärte für uns auch die Frage, ob nur wir keine der Bands des Festivals, außer denen von David Gedge, kannten. Offenbar ging es den anderen Anwesenden genauso. Animal House bekamen beispielsweise dafür Applaus, dass sie aus Australien angereist waren.


Zum anderen erklärte Gedge den weiteren Ablauf: Anscheinend hatte es bei früheren Versionen des „Festivals“ auch einen DJ-Teil gegeben, dieser falle aber nun aus, weil sowieso alle Teilnehmer zu alt zum Tanzen seien (tatsächlich waren die meisten Zuschauer in den Vierzigern). Deshalb gebe es nur „Bands, Bands, Bands“, aber auch die (anscheinend) übliche Verlosung. Für diese stellte Gedge eine Testpressung des neuen The Wedding Present-Albums zur Verfügung.

Setliste:

Starry Eyed
Lollobrigida
I Wake Up Screaming
Two Girls
Health and Efficiency
The One That Got Away


Weiter ging es in der Bar mit den punkigen Bar Creeps, wir nutzten deren Auftritt allerdings, um schnell etwas zu Essen zu besorgen, denn außer Pub-Getränken hatte das Concorde2 in dieser Hinsicht nichts zu bieten. Auch in dieser Hinsicht war dieses „Festival“ anders als erwartet, denn offenbar wurde nicht damit gerechnet, dass ein Besucher das Bedürfnis verspüren würde, zwischen 15 und 22 Uhr etwas zu essen. So kämpften wir uns durch Sturm und Regen zu einem Supermarkt und erwarben einige Backwaren.

Später auf Facebook konnte man sehen, dass Bar Creeps bei ihrem Auftritt vollen Einsatz gezeigt hatten: Der Sänger wälzte sich, das eher unpassende Ambiente der Bar und die frühe Uhrzeit dabei ignorierend, singend auf dem Boden.

Setliste:

Human Remains
The Dog And The Wolf
Jennifer Unit
Trauma Team
Like You Better
KKK
Down Down
Grey
Joey Smokes
Calico
Battle Axe
Troll
Dancing On My Own


Bei unserer Rückkehr standen bereits Astrid Williamson und Terry de Castro auf der Bühne im großen Saal. Beide waren vorher mit Cinerama aufgetreten, Terry kam dabei nur für „The One that got away“ auf die Bühne, um einen Pfeif-Part zu übernehmen – laut David Gedge gibt es wenig Künstler, die in der Lage sind, auf einer Bühne akkurat zu pfeifen.


Das Duo spielte gemeinsam „Murder Ballads“, bei denen es sich vielfach um Klassiker handelte. Die meisten davon kannte ich, etwa „Long Black Veil“ von Nick Caves Cover-Album „Kicking Against the Pricks“. Überraschend hatte sich auch Duran Durans James Bond-Song „A View to a Kill“ in die Setliste geschlichen. Zu „Morning Dew“ erklärte Terry, es handele sich eigentlich weniger um eine Murder Ballad als eine Genocide Ballad. Terry und Astrid hielten sich auch an die Regel, dass ein The Wedding Present-Lied zu covern sei, und hatten sich, ihrem Thema entsprechend, für „Kennedy“ entschieden.

Setliste:

...
Bang Bang my Baby shot me down (Nancy Sinatra Cover)
The Long black veil (Johnny Cash Cover)
?
Summer Wine (Lee Hazlewood Cover)
A view to a Kill (Duran Duran Cover)
Morning Dew (Grateful Dead Cover)
Kennedy (The Wedding Present Cover)


In der Bar war nun mit Such Small Hands eine Künstlerin an der Reihe, die wir ebenfalls schon mit Cinerama auf der Bühne gesehen hatten – als Keyboarderin. Sie verriet uns während ihres Sets außerdem, dass sie bei der nächsten Tour von The Wedding Present als Vorband dabei sein würde.

Bis dahin hat sie hoffentlich auch ihre Nervositätsprobleme im Griff, denn sie musste "Legs" zweimal und eines einmal neu anfangen, weil sie aus dem Takt gekommen war beziehungsweise den falschen „backing track“ gewählt hatte – sie sang jeweils über bereits vor-aufgenommene Synthesizer-Klänge aus dem Laptop, so dass es keine Band gab, die improvisieren und einen Fehler hätte auffangen können.


Die wiederholten Neuanfänge mit anzusehen, war mitleiderregend, die Künstlerin selbst meinte, sie könne ihre eigene Nervosität nicht erklären, sonst sei sie gar nicht so. Hoffen wir es für die nächste The Wedding Present-Tour.

Setliste:

Ghost
Legs
Rachel
?
The Deep
Psycho


Auf der großen Bühne war es nun Zeit für das Quartett Animal House. Die gut gelaunten Musiker mögen offensichtlich Kostüme und hatten sich teilweise mit gestreiften Sträflingshemden sowie roten Stirnbändern ausstaffiert, die Bühne war zusätzlich mit Plastikpalmen dekoriert. Ihr Musik klang nach „Allright“ von Supergrass. Man entschuldigte sich dafür, kein The Wedding Present-Lied eingeübt zu haben, „because we kind of suck“. Na gut.

Setliste:

Heavy
SCMC
Friend
Heaven
Annabel
Every Sunday
Casey
Sour
Hot Bodies


Zurück in der Bar, stand nun die Birminghamer The Church of Elvis auf der Bühne. Genauer gesagt war es ein Trio, aber die Dame an der Cachon bemerkte ich sehr spät… Laut der Facebook-Seite der Band ist man normalerweise zu viert und sind ihre Lieder normalerweise wohl deutlich anders instrumentiert. Man hatte für das Festival spezielle, instrumental reduzierte Versionen eingeübt. Für und klang das, was wir hörten, nach New Model Army. Allerdings litt das Set unter technischen Problemen und damit verbundenen häufigen Unterbrechungen.

The Church of Elvis hielten sich an die Cover-Regel und spielten „Bewitched“. Ansonsten dürfte die ursprüngliche Songauswahl, die man der ausliegenden Setliste entnehmen konnte, etwas unter den Unterbrechungen gelitten haben.

Setliste:

New Me
Comfort Blanket
Down
Bewitched (The Wedding Present Cover)
Seven Circles
Black
Jennifer
GB USofA
Sleepwalking
Submarina


Band Nummer 8 waren die Waliser Melys. Auch diese Band hatte ich vor dem Festival nicht gekannt, sie ist aber immerhin bekannt genug, eine Wikipedia-Seite zu haben – und war anscheinend ein Liebling des verstorbenen Musikkritikers John Peel.

Nach  verschiedenen Veröffentlichungen und auch Preisen in den späten Neunzigern und den frühen Nullerjahren hat die Band sich im letzten Jahrzehnt umorientiert, die beiden Hauptmitglieder Andrea Parker und Paul Adams führen gemeinsam ein Restaurant. Vor Ort in Brighton wurde uns gesagt, es handele sich um den ersten Auftritt von Melys in sieben Jahren, tatsächlich war aber auch das letzte Konzert 2009 schon ein Reunion-Auftritt nach einer fünfjährigen Pause.


Man merkte den Walisern nicht an, dass sie im Grunde keine Band mehr sind, ihr Indie Pop machte Spaß, und es war schön, die seltene Gelegenheit zu haben, Melys kennen zu lernen. Am besten kam "Chinese Whispers" an.

Dass einige ihrer Lieder auf Walisisch sind, merkte ich erst, als ich die Setliste zu Gesicht bekam. Aber man konnte auch ohne Vorkenntnisse erahnen, woher die Band kam, weil eines der Mitglieder ein walisisches Fußballtrikot trug und die Bühne von einem Verkehrsschild mit der Aufschrift "Llif Flood" geziert wurde, auf dem Andrea bei einem Lied auch trommelte.


Bei der folgenden Band konnte man Andrea Parker und Paul Adams übrigens mit ihren Teenager-Töchtern im Publikum sehen.

Setliste:

Painfully Thin
Eyeliner
Skating
Adrift
Diwifr
Chinese Whispers
I Don’t Believe In You
Baby Burn
Un Darllenwr Lwcus
Disco Pig


Zurück in der Bar konnten wir uns nicht wirklich auf das Set von Mermaid Noises konzentrieren. Band Nummer 9 des Tages bestand aus einer Frau, die Gitarre spielte und sang, sowie einem Mann, der dazu Kontrabass spielte. Das Ganze wirkte wenig spannend – ein Song drehte sich um einen kürzlichen Umzug – so dass wir schnell wieder in den großen Raum abwandelten und dort – auf dem Boden sitzend, man wird ja nicht jünger - auf die nächste Band warteten.


Diese war zumindest semi-bekannt, laut offizieller Ankündigung handelte es sich um „Yan & Noble & The Hired Help“ - es handelte sich um Jan Scott Wilkinson und Martin Noble von British Sea Power, sowie offensichtlich drei Freunde von ihnen. Warum nicht gleich die ganze Band, die sogar aus Brighton stammt, gekommen war, bleibt unbekannt. David Gedge erwähnte bei der Bandankündigung, dass er British Sea Power schon jahrelang habe engagieren wollen, also dürfte er besonders froh über den Auftritt gewesen sein.


Auch das Publikum hatte sich auf British Sea Power gefreut, rief laut "Easy! Easy! Easy!" und forderte damit den Song "No Lucifer" ein, aber vergeblich. Das Quintett spielte eine bunte, rockige Mischung aus Liedern von British Sea Power und anderen Künstlern, besonderen Spaß hatte man dabei an Iggy Pop-Songs. Jan Scott Wilkinson, der auf Socken auftrat, kann übrigens perfekt in der einen Hand ein Bierglas und in der anderen das Mikrophon halten.


In einem Set mit so vielen Coverversionen musste natürlich auch The Wedding Present berücksichtigt werden - ihr gecovertes Lied hieß "The Answer is No".

Setliste:

Blue Thunder (Galaxie 500)
?
Remember me (British Sea Power)
A Light Above Descending (British Sea Power)
Funtime (Iggy Pop)
The Answer is No (The Wedding Present)
Atom (British Sea Power)
Success (Iggy Pop)


Die letzte Band in der Bar waren Jonny 8 Track, für uns die elfte Band des Tages. Drei junge Männern saßen auf Hockern und spielten Gitarre. Ich muss zugeben, dass zu diesem Zeitpunkt meine Aufnahmefähigkeit schon arg strapaziert war und ich mich kaum an den Auftritt erinnern kann.

Setliste:

Can You Repeat That Please?
The Water And The Trees
Do What You Want
Crazy
Your Heart Will Break Like Old Bamboo
All America Taught Me


Endlich war die Zeit für den Headliner gekommen, wobei zunächst die Verlosung der Album-Testpressung stattfand. Andrea von Mely bekam die Aufgabe der Glücksfee und las die Siegerlosnummern jeweils auf Walisisch vor - zum Glück gab es auch eine Übersetzung. Wir hatten leider nichts gewonnen.


Dann betraten The Wedding Present die Bühne und machten das Dutzend voll. Als Hauptact war für die Band als einzige eine volle Stunde Spielzeit veranschlagt worden. Das Quartett wurde gelegentlich von Astrid Williamson ergänzt, die gelegentlich Keyboard spielte und manchmal am Schlagzeug "mitspielte".


Die Band präsentierte einen Song vom demnächst erscheinenden Album "Going, Going...", aber auch ihre erste Single von 1985, "Go Out and Get 'Em Boy". Dazwischen deckte sie viele ihrer Albumveröffentlichungen mit je einem Song ab und coverte darüber hinaus "Whole Wide World" von Wreckless Eric, wobei David Gedge anmerkte, auch dieser Künstler stamme aus der Nähe von Brighton, und er hoffe, ihn bei einem zukünftigen Termin dieses Festivals verpflichten zu können.

Unsere Vorab-Information, dass die erste Seite von "Saturnalia" gespielt werden würde, entpuppte sich als falsch. Letztendlich war "Seamonsters" mit drei Liedern das am besten repräsentierte Album. Das Album "Valentina" gibt es in zwei unterschiedlichen Fassungen der beiden Bands von David Gedge, daher wurde der Song "Mystery Dates" im Grunde zweigeteilt und hälftig in den Versionen von Cinerama und The Wedding Present vorgetragen.


Zwischendurch erschallte aus dem Publikum der Ruf "I love you, Gedge!", worauf David Gedge erwiderte, man könne ihn "David" oder "Mr. Gedge" nennen, nicht aber Gedge, so habe ihn seit der Grundschule niemand mehr genannt - was zu großer Heiterkeit und weiteren Zurufen ("I love you Dave!") führte.


Bei einem Festival, das von Herrn Gedge kuratiert wird und bei dem jede Band ein Lied von ihm covern soll, überrascht es wenig, dass The Wedding Present beim Publikum am besten ankamen. Neben uns bildete sich sogar ein beachtlicher Ü40-Moshpit. Der letzte Song "Take Me!" kulminierte in einer minutenlangen instrumentalen Krachorgie und beendete das At the Edge of the Sea Festival 2016 fulminant.

Setliste:

Fleshworld
Bird's Nest
Spangle
A Million Miles
What Have I Said Now?
Mystery Date
Snake Eyes
Broken Bow
Corduroy
Go Out and Get 'Em Boy
Drive
Whole Wide World (Wreckless Eric Cover)
Octopussy
Take Me!

Ich muss sagen, dass Herr Gedge die Idee, bei seinem Festival alles außer den Bands wegzulassen, vielleicht nochmals überdenken sollte. Wenn man sich wirklich alle 12 Auftritte hintereinander ansieht, schlaucht das schon ziemlich. In vergangenen Jahren, als die Veranstaltung zwei Tage dauerte, es zwischendurch auch DJs und Bingo gab, war das vermutlich entspannter. Vielleicht hörte man damals auch nicht bereits den Soundcheck der nächsten Band, wenn die vorherige noch spielte. Außerdem plädiere ich für die Anschaffung eines Food Trucks.

Dennoch eine lustige Veranstaltung, die sich sehr persönlich anfühlte, und bei der man tatsächlich durchs Fenster das Meer sehen konnte. Der Termin für 2017 steht übrigens bereits fest, und auch die ersten Bands: The Wedding Present und Cinerama...

Der letzte Tag des A Summer’s Tale Festivals begann für uns mit einem weiteren Workshop, für den wir uns vorab angemeldet hatten: dem Cake Pop Workshop. Dieser Kurs entpuppte sich als deutlich interaktiver als der Cocktail-Workshop des Vortags: Nur in den ersten Minuten saßen wir an der langen Tafel, anschließend bereitete jeder Teilnehmer unter Instruktion der Kursleiterin, die parallel auch das Café-Zelt des Festivals betrieb, seinen eigenen Cakepop zu. Das geht so:


Zunächst braucht man einen trockenen Kuchen, zerbröselt diesen und mischt ihn mit einer Mischung aus Butter, Frischkäse und eventuell Nutella (Frosting) zu einem recht festen Teig. Aus diesem formt man die Kugeln. Die Enden der Cakepop-Stiele werden in flüssige Kuvertüre getaucht und dann auf die Kugeln gesteckt, dann müssen diese erst einmal gekühlt werden. Dann wird die ganze Kugel mit Kuvertüre bestrichen und beliebig mit Zuckerherzen, Krokant oder anderen Dekomaterialien verziert. Der fertige Cakepop wird dann nochmals gekühlt und ist dann fertig.


Im Rahmen des Workshops stand für den Kühlprozess nur ein Getränkekühlschrank zur Verfügung, Zuhause wäre es einfacher, mit dem Gefrierschrank zu arbeiten. Da unser Workshop der letzte des Festivals zu diesem Thema war, hatte die Leiterin sich bereit erklärt, mehr Teilnehmer als sonst aufzunehmen. Das war natürlich nett von ihr, machte das Arbeiten aber auch etwas eng. Dennoch, alles wurde gut erklärt und jeder konnte seinen Cakepop vollenden.


Am Ende des Workshops aßen wir unsere Werke auf und gingen über das wir am Vortag sehr gut gefüllte Gelände zum Zeltraum, wo als nächstes The Slow Show auf dem Programm standen. Die britische Band hat ihr zweites Album bereits vollendet, aber noch nicht veröffentlicht, weshalb klar war, dass wir einige Songs der Setliste nicht kennen würden.


Es war erst 3 Uhr nachmittags, wir hätten der Band einen späteren Slot gegönnt. Tatsächlich meinte Sänger Rob Goodwin gleich zweimal, die Band hätte zu dieser Zeit gar nicht mit viel Publikum gerechnet – es gab kein Gedrängel, aber das Zelt war doch gut gefüllt.  Der Sound des Auftritts war, insbesondere zu Beginn, suboptimal – während mir das Schlagzeug durch sämtliche Knochen wummerte, konnte ich die Trompeterin zwar sehen, aber nicht hören. Immerhin konnte man die wunderbare Stimme von Goodwin gut hören.

Manche Songs wurden als neu und mit Titel angekündigt, andere ließen sich aufgrund von Textzeilen identifizieren, so dass wir letztlich doch eine Setliste zusammen bekamen. Die neue Platte „Dream Darling“, die im September erscheint, klingt vielversprechend und wird wie die erste Fans von The National gefallen. Das fanden offenbar viele im Publikum, denn die Begeisterung war spürbar und es gab viel Applaus. Goodwin, der barfuß herumlief, kommentierte das erst mit „What a lovely way to wake up“ (Um halb vier? Musiker!), später sagte er noch „We didn't expect this it's been beautiful“.


Setliste:

Long Way Home
Dresden
Augustine
Breaks Today
Hurts
Ordinary Lives
Paint You Like a Rose
Strangers Now
Dry My Bones
Flowers to Burn
Bloodline

Während „Bloodline“ noch ausklang, sprintete ich schon zum Wissenszelt, das ich bislang nur von außen kannte. Dort fand als nächstes der Workshop „Matcha Tea Tasting“ statt, aber anders als bei den anderen besuchten Workshops hatte ich es hier nicht auf die Online-Anmeldeliste geschafft. Also musste ich per Anstehen versuchen, an einen der Restplätze zu kommen.

Grundsätzlich finde ich das Vorgehen der Festivalmacher, nicht alle Plätze für Voranmeldungen zur Verfügung zu stellen, vernünftig, denn sonst könnte man sich vor Ort und spontan für gar nichts mehr entscheiden. Das lange Schlangestehen ohne Gewissheit, noch einen der verbleibenden Workshop-Plätze ergattern zu können, machte aber natürlich wenig Spaß – insbesondere, wenn es nicht von Erfolg gekrönt wurde. Eine bessere Lösung dafür fällt mir aber auch nicht ein.


Ich hatte Erfolg: Als eine der letzten Teilnehmerinnen durfte ich das Workshop-Zelt betreten und mitmachen. Die anderen Teilnehmer saßen bereits in Fünfergruppen an Tischen. Die Workshopleiterin, die selbst Tee-Sommelier ist und einen Onlineshop betreibt, erklärte zunächst Allgemeines zum Thema Matcha und dazu, was beim Kauf zu beachten ist. Dann durften die Gruppen nacheinander vier verschiedene Sorten zubereiten und probieren. Qualität und Preis steigerten sich dabei von Sorte zu Sorte.

Auch dieser Workshop war interessant und lehrreich. Ich denke auch, dass nun viele Teilnehmer (ich eingeschlossen) im Shop der Leiterin einkaufen werden.


Mein Freund besuchte parallel den Auftritt von Adam Green auf der Konzertbühne. Er hatte folgendes zu berichten:

Die Macher des A Summer's Tale Festivals hatten nicht richtig aufgepasst, denn sie hatten zwar Adam Green gebucht, zeigten im Rahmen ihrer Filmvorführungen aber nicht dessen aktuelles Werk "Aladdin". Also stellte der Singer/Songwriter gleich zu Beginn seines Auftritts fest, dass er Aladdin sei, was auch seine Verkleidung erklärte, und eröffnete sein Set mit "Fix My Blues", einem von drei Songs aus dem Soundtrack. Später erfuhren wir noch, dass der Film das Beste sei, was Green in seinem bisherigen Leben geschaffen habe und dass man sich "Aladdin" auf seiner Homepage ansehen könne. Wer weiß, wie oft Green noch begeistert "Summer's Tale! Summer's Tale! Summer's Tale!" skandiert hätte, wenn auch noch sein Film auf dem Festival gezeigt worden wäre?


Im Flugzeug habe  er, so berichtete Adam Green weiter, ein Bier getrunken, was seinem Sitznachbar offenkundig missfallen habe. Seine Ansagen, sein Herumgehampel, -gehopse und -gelaufe auf der Bühne lassen vermuten, dass es nicht bei einem alkoholischen Getränk geblieben ist. Der Flug von New York nach Hamburg währt schließlich auch seine Zeit und diese will überbrückt werden. Seine Lieder dauern nie besonders lang, so dass ein Song den anderen jagte: "Bluebirds", "Novotel", "Gemstones" - es ging quer durch Adam Greens Diskographie. Alles weltweite Hits, wenn Green oder ich eine Wunderlampe besitzen würden.


Beim A Summer's Tale Festival passt eigentlich alles, selbst die Ordner sind unglaublich nett. Und so hob einer von ihnen zahlreiche jüngere Kinder über die Absperrung, so dass sie auf dieser sitzen und sich das Konzert des wunderlichen Mannes in seiner seltsamen Aufmachung ansehen konnten. Gut, dass die Kleinen noch kein Englisch verstehen, denn als nächstes folgte der Moldy Peaches Song "Who's Got The Crack?", den Green allein mit seinem Gitarristen, der bei einem bandinternen Wettbewerb gewonnen haben musste, denn als einziger musste er keine lustige Kopfbedeckung tragen, vortrug. Anschließend wurde ein Publikumswunsch erfüllt - und auch "No Legs" war nichts für Kinderohren: "There's no wrong way to fuck a girl with no legs, just tell her you love her as she's crawlin' away. There's no wrong way to fuck a bitch with no faith, now you'll never be sad again." Nur bei diesem Lied griff der Sänger selbst zur Gitarre, zweifelnd, ob er es mit seiner gebrochenen Hand spielen könne. Vermutlich waren dies die einzigen zwei Minuten des Auftritts, bei denen er ruhig auf einer Stelle stand.


Selbstverständlich durften weder "Friends Of Mine" noch "Emily" in der auf einen Festivalauftritt gekürzten Setliste fehlen. Am meisten Begeisterung erntete jedoch "Jessica", in das Adam Green noch "Kokomo" von den Beach Boys und sein "Never Lift A Finger" einflocht. Das letzte Lied des Konzertes, "Dance With Me", sollte für Adam Green und seine Band auch das letzte des Sommers sein, denn nach Film, Album und Festivalauftritten stehen nun erst einmal Ferien auf dem Programm. Aber für Ende des Jahres kündigte der Singer/Songwriter bereits neue Konzerte in Deutschland an.


Setliste:

Fix My Blues
Bluebirds
Chubby Princess
Novotel
Me From Far Away
Buddy Bradley
Gemstones
Who's Got The Crack? (The Moldy Peaches Song)
No Legs
Friends Of Mine
Never Lift A Finger
Emily
Jessica
Dance With Me


Nach kurzer Pause auf der Tribüne und einem Hanuta zur Stärkung fanden wir uns gleich wieder vor der Konzertbühne ein, wo nun Olli Schulz auftreten sollte. Man sah verschiedene Musiker auf der Bühne herumschrauben und –werkeln, eine davon offenbar Kat Frankie. Ein Mann mit Krücken erinnerte mich an Gisbert zu Knyphausen und war es dann auch – offenbar hatte Olli außer Joko, Klaas und Jan Böhmermann alle seine Promifreunde dabei.

Tatsächlich betrat Olli die Bühne und erklärte erst einmal, er wolle die Dinge heute umdrehen und die Bandmitglieder zu Beginn des Auftritts vorstellen. Es kamen Ben Lauber (Schlagzeug), Arne Augustin (Keyboard), Dennis Becker (Gitarre, von Tomte, mit frotzliger Bemerkung Ollis zu Thees Uhlmann), dann Gisbert von Knyphausen und Kat Frankie, die beide ebenfalls Gitarre spielten – Gisbert im Sitzen.


Der Auftritt lässt sich im Nachhinein nur schwer wiedergeben, weil Schulz unglaublich viel, meist sehr Lustiges, redete, aber alles ging sehr schnell und hatte auch selten eine klare Struktur. Gleich eingangs machte er sich über das Festival als „Festival für Ältere“ lustig, kam darüber aufs Hurricane und darauf, dass man als Musiker bei solchen Festivals immer fälschlicherweise davon ausgehe, dass die Menge völlig begeistert vom eigenen Auftritt sei. In Wahrheit seien die jungen Leute aber nur so von dem Festival und dessen diversen Möglichkeiten, Spaß zu haben, beeindruckt, dass sie jedem zujubeln würden.


Für uns als die gesetzte Generation bot Olli dagegen zu „So lange einsam“ eine Rückenübung als Publikumstanz an. Zu „Phase“, das er mit denselben Tönen eröffnen ließ, die auch wahlweise „Die Reklamation“, „Fred vom Jupiter“ und „Ça Plane Pour Moi“ einleiten können (Schulz erklärte, er habe auch mal einen solchen Song machen wollen), folgte dann ein Sprung ins Publikum, ein lange Spaziergang und eine Kletterübung am Mischpult. „Phase“ wurde dabei unterbrochen durch ein U2-Medley und schließlich diverse andere Hits der 80er. Den amüsiert-ratlosen Musikern auf der Bühne merkte man dabei an, dass sie auch keine Ahnung hatten, was als nächstes kommen würde.

Auch zu den anderen Liedern wurde viel erzählt, teils mit mehr und teils mit weniger Zusammenhang zum Song. Zu „Spielerfrau“ verzettelte sich Schulz in einer langen Geschichte über besagte Figur, bevor er schließlich wieder in den Refrain zurück fand.


Ein wenig ernst wurde es dann bei „Als Musik noch richtig groß war“, als Schulz erzählte, dass ihn bei solchen Auftritten viele nur aus dem Fernsehen kennen würden und gar nicht wüssten, wie lange er schon Musik mache – und dass diese ihm von allen Projekten am wichtigsten sei. Dann ging es aber gleich wieder ins Unernste, und er wünschte uns viel Spaß mit der ihm auf der Bühne nachfolgenden „Andie MacDowell“ (statt Amy MacDonald).


Genen Ende verpasste dann Kat Frankie beim ersten Versuch ihren Einsatz zu  „So muss es beginnen“ und „musste“ zur Strafe für Olli „die Tina Turner machen“ – was bedeutete, dass Schulz vorne die Lippen bewegte und Kat Frankie hinten ein paar Takte aus „What’s Love got to do with it“ sang. Sie war es auch, die das Konzert als letzte Musikerin auf der Bühne beendete, indem sie, wie es auch auf der Platte ist, die letzten Zeilen von „Feelings aus der Asche“ sang. Olli Schulz rauchte zu diesem Zeitpunkt bereits seine Nach-Auftritts-Zigarette, die ihm die Bühnenhelferin Sabine bereits vorsorglich angezündet hatte.

Olli Schulz ist zweifellos ein großartiger Entertainer und ein spontaner und sympathischer Mensch. Nur schade, dass es alte Songfavoriten wie „Nimm mein Mixtape Babe“ oder „Dann schlägt dein Herz“ nicht mehr in seine Setlisten schaffen.

Setliste:

Ab jetzt tut's nur noch weh
So lange einsam
Passt schon
Ich kenn da ein
Phase
Wenn es gut ist
Old Dirty Man
Spielerfrau
Als Musik noch richtig groß war
So muss es beginnen
Feelings aus der Asche


Weiter ging es für uns mit Boy im Zeltraum. Das Hamburg-Züricher Duo ist normalerweise, wie das Wort „Duo“ nahe legt, zu zweit. Beim Festival hatten sie aber eine männliche Band dabei. Während Valeska Steiner den Haupt-Gesangspart übernahm, manchmal den Tamburin schwang und gelegentlich zur Gitarre griff, spielte Sonja Glass meistens Bass, seltener Gitarre und sang bei den Refrains mit. Die beiden waren wohl schon eine Weile vor Ort, denn Valeska erwähnte, sie seien morgens Kanufahren gewesen.


Dem normalerweise recht harmlosen Radiopop der Band tat die musikalische Live-Verstärkung durchaus gut, alles klang viel kräftiger, insbesondere bei "Boris" und "This Is The Beginning". Auch dass sich im Zelt viele junge, weibliche und textsichere Fans eingefunden hatten, die für extrem gute Stimmung sorgten, ließ das Konzert zu einer angenehmen Überraschung werden.


Die beiden Lieder „This is the Beginning“ und „Little Numbers“ kamen am besten an und lösten regelrechte Mitsingchöre aus – offenbar sind Boy um einiges bekannter als ich dachte. Per Google habe ich mittlerweile erfahren, dass ihre Lieder bereits sowohl als Fernsehsendungs-Musik als auch als in einem Lufthansa-Werbespot zum Einsatz gekommen sind.

Setliste:

We Were Here
Waitress
Hit My Heart
Drive Darling
New York
Boris
Oh Boy
Hotel Room
This Is The Beginning
Little Numbers
No Sleep


Bei uns ging es gleich weiter mit Radiopop, denn auf der Festivalbühne stand nun eine Sängerin, bei der ich ebenfalls ihre Bekanntheit im deutschsprachigen Raum völlig falsch eingeschätzt hatte: Amy MacDonald. Die junge Schottin sieht, wenn man ihre Musik nicht kennt, aus wie eine Rockerin, mit schwarz gefärbten Haaren, schwarzer, enger Kleidung und einem komplett tätowierten linken Arm. Dazu im starken Kontrast steht ihre Musik, die noch poppiger daherkommt als die direkt davor gesehenen Boy: Ich musste manchmal an Schlager denken, selten gar an Volksmusik, öfter auch an Country.


Dabei ist Amy an sich höchst sympathisch, fragte zunächst besorgt, ob wir ihren schottischen Akzent überhaupt verstehen könnten und reagierte äußerst mitleidig, als nach nur einigen Songs völlig unerwartet ein gewaltiger Regenschauer aufs Publikum niederprasselte – wobei sie auch meinte, dass dieser in ihrer Heimat kaum auffallen würde, weil dort das Wetter im Grunde immer so sei. Zu „Slow It Down“ übte sie zunächst mit dem Publikum einen Mitsingchor ein und stachelte uns dann an, die Mitsinger vom Vorabend in Frankreich zu übertrumpfen.

Wie viele Künstler vor ihr sprach auch Amy die politische Situation an, in ihrem Fall das Thema Brexit – sie erwähnte, dass Schottland anders als England für „Remain“ abgestimmt habe und sie hoffe, dass es einen Weg für ihr Land geben würde, Mitglied der EU zu bleiben – was zu viel Applaus führte. Das Lied „The Rise and Fall“ von ihrem neuen Album wurde eigentlich schon vor Jahren geschrieben, Amy meinte aber, dass nun fast so klänge, als habe sie es speziell zum Thema Brexit verfasst.


Auch wenn uns Amys Musik nicht wirklich packen konnte und außerdem das Wasser auf uns niederprasselte, weshalb wir noch vor dem Ende beschlossen, Richtung Zelt abzuwandern, muss man doch zugeben, dass viele Erwachsene und Kinder ausgelassen in den Pfützen tanzten, natürlich am meisten zum Hit „This is the Life“.

Setliste:

Next Big Thing
Spark
Dream On
Mr. Rock & Roll
Slow It Down
Pride
Love Love
Don't Tell Me That It's Over
The Rise and Fall 
This Is the Life
Life in a Beautiful Light
Prepare to Fall
Let's Start a Band

Damit waren wir beim letzten Konzert des Festivals angekommen. Nun gut, Headliner des Abends waren eigentlich natürlich Parov Stelar, aber wegen akutem Desinteresse an Electroswing sparten wir uns diesen Auftritt.


Im Zeltraum spielte somit unser Headliner des Abends, der englische Protestsänger Billy Bragg. Mit „How are you, Scheiße Wetter“, begrüßte Bragg ein von Beginn an begeistertes Publikum, hielt einen gespielt wütenden Monolog drüber, dass Deutschland bei den olympischen Spielen soeben Großbritannien in der Disziplin "dancing horses" geschlagen hätte (inklusive Dressurpferdimitation)und hatte zunächst die Bühne allein für sich und seine Gitarre. Zunächst gab Billy Bragg den wütend-schrammelnden Protestsänger, der nahezu jedes seiner Lieder mit mahnenden Worten einleitete. Nach drei Liedern betrat jedoch für „Nobody Knows Nothing Anymore“ ein junger Mann, der uns als CJ vorgestellt wurde, die Bühne, und begleitete Bragg an der Pedal Steel-Gitarre in ruhigere Gefilde.


Ein weiteres wichtiges Crew-Mitglied befand sich am Bühnenrand und bediente den Wasserkocher. Herr Bragg braucht beim Singen offenbar stets Zugriff auf heißen Tee. Als er den ersten Schluck davon nahm, behauptete er, es handele sich um ein spezielles Gebräu für Musiker namens „Throat Coat“: „It makes you think that you can sing in tune. It was recommended to me by Morrissey!“

„Nobody Knows Nothing Anymore” widmete Bragg passenderweise der politischen Situation in England, die nachfolgende Woody Guthrie-Coverversion „I Ain't Got No Home“ erinnerte ihn an seinen Glastonbury-Auftritt aus diesem Jahr, während dem das Brexit-Votum bekannt wurde. Laut Bragg habe sich dadurch die Stimmung in Glastonbury merklich verändert, als gäbe es nun tatsächlich kein Zuhause mehr.


Mit einem weiteren Cover, „Why We Build the Wall” von Anaïs Mitchell, deren Musik er ausdrücklich empfahl, nahm er Bezug auf Donald Trumps Pläne, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu errichten – und bedauerte, dass es den Briten nun nicht mehr möglich sei, auf die dummen Amerikaner herabzusehen, denn seien es dieselben Gefühle und der Wunsch nach Abschottung, die auch den Brexit möglich gemacht hätten. 

Bei „Handyman Blues“ gab es eines der wenigen unpolitischen Stamenents des Abends, Bragg forderte die Menschen nämlich dazu aus, sich den Dingen zu widmen, die sie gut könnten, und für andere jemand anderen zu finden, der sie schneller und besser erledigen könne. Nachdem anschließend alle bei „Shirley (Greetings To The New Brunette)” mitgesungen hatten, kam zu „I Keep Faith“ Braggs wichtigsten Anliegen zur Sprache: Er sei der Meinung, dass die aktuellen Probleme der Welt hauptsächlich dem Zynismus geschuldet seien. Menschen glaubten, sie könnten sowieso nichts ändern und würden passiv. Genau das müsse sich aber ändern und er sei deshalb hier, um uns aufzurütteln.


Nach „There Is Power in a Union” verließ Bragg die Bühne ziemlich sang- und klanglos, kehrte aber quasi aus einen halben Meter Entfernung schon wieder um und spielte die Zugabe „A New England“, die nun endgültig vom gesamten Zelt mitgesungen wurde.

Setliste:

Accident Waiting to Happen
To Have and to have not
The Milkman of Human Kindness
Nobody Knows Nothing Anymore
I Ain't Got No Home (Woody Guthrie cover)
Way over yonder in the minor key
Sexuality
Why We Build the Wall (Anaïs Mitchell cover)
Levi Stubbs' Tears
Handyman Blues
Shirley (Greetings To The New Brunette)
I Keep Faith
There Is Power in a Union

A New England

Es fehlt noch ein Fazit zum Festival als Ganzes: Leider war das Wetter beim A Summer’s Tale 2016 bei weitem nicht so gut wie im Vorjahr, das einem des öfteren sehnsüchtig ins Gedächtnis kam, wenn man mit kalten oder nassen Füßen frierend vor der Festivalbühne stand. Dennoch war die Veranstaltung auch in ihrer zweiten Auflage gelungen, zumal in vielen sinnvollen Bereichen nachgebessert worden war: Es gab viel mehr Workshops, ausreichend Fressstände und jede Menge interessante Programmpunkte. Das musikalische Lineup hätte noch einen Tick spannender sein können, wobei uns selbst beim gemeinsamen Nachdenken nur wenige Bands einfielen, die einerseits auf das Interesse der anvisierten Besuchergruppe stoßen würden, andererseits aber auch keine Hurricane-artigen Massen ins Naturschutzgebiet locken würden.