We Hate It When Our Friends Become Successful

U.
Man kennt das ja in Indie-Musikhörer-Kreisen: Egal, welche Band im Umfeld gerade angesagt ist, der coolste Gesprächspartner ist immer der, der zur ach so tollen neuen Band sagen kann: “Also früher, da waren die gut! Jetzt ist das doch alles sehr kommerziell geworden…“

Im allgemeinen belächele ich diesen Standpunkt als Bestandteil der offensichtlichen Profilneurose des Sprechers, denn was ändert der Bekanntheitsgrad einer Band schon an der Qualität ihrer Musik? Klar, man kann eine Platte auch tothören, aber wenn man (wie die meisten mir bekannten Menschen) das reguläre Radio meidet, tut man das freiwillig. Natürlich ist es schön, sich als „Entdecker“ einer tollen neuen Band zu fühlen, aber gerade einer „kleinen“, lieb gewordenen Gruppe muss man doch jeden Erfolg gönnen, den sie erreichen kann.


Und wieso erzähle ich das alles? Nun, ich war gestern abend bei Polarkreis 18. In der ausverkauften Frankfurter Batschkapp. Präsentiert von hr3.

Rückblende: Eines Abends im Frühjahr 2007 informierten mich gleich meine beiden persönlichen Musikberater kurz nacheinander per E-Mail darüber, dass ich mir doch mal Polarkreis 18 anhören solle. Ich tat es, und das Album klang toll. Im Juni besuchte ich einen Auftritt der Band im Frankfurter Cooky’s – es war voll, aber das ist in diesem Lokal, wo die meisten Bands gar nicht vollständig auf die Bühne passen, immer so. Im Herbst 2007 wurden Polarkreis 18 von meinen Freunden von Sublime nach Regensburg eingeladen – und kamen auch. Ich besuchte ein weiteres volles Konzert in einem relativ kleinen Saal und war wiederum angetan von Band und Musik.

Der Rest ist dann wohl, wie man so schön sagt, Geschichte: Das Lied "Allein Allein" wurde im Oktober 2008 Teil des Soundtracks zum Film Krabat und erreichte in Deutschland Platz 1 der Single-Charts. Erst vor ein paar Tagen hat die Band zusätzlich mit "The Colour Of Snow" bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest den 2. Platz belegt. Polarkreis 18 sind also im Mainstream angekommen, und wie ich eingangs schrieb, stört mich das nicht.

Also beschloss ich, die Band ein drittes Mal live zu sehen, und so ging es gestern abend zum Konzert.

Der Misserfolg des Abends hat viel mit den räumlichen Gegebenheiten der Batschkapp zu tun: Bei ausverkauften Konzerten wird die Halle unglaublich eng, und die Konzertgäste drängeln sich an der Tür, wo sich eine Art Menschenpfropf bildet, während es weiter vorne durchaus erträglicher wäre – der Menschenpfropf verhindert jedoch, dass man dorthin gelangt. Wer nicht früh genug kommt, steckt im Gedränge fest und sieht auch denkbar wenig von der Bühne. Das habe ich nun schon bei einigen Konzerten so erlebt.


Eine neue Erfahrung war aber das gestrige Publikum: Im Gedrängel waren wir umgeben von Leuten, die die eher alternative Batschkapp vorher sicherlich noch nie von innen gesehen hatten. Man sah Anzüge, Faschingsperücken (es war ja Karnevalsdienstag) und zahlreiche Gruppen, die offensichtlich gemeinsam direkt aus dem Büro gekommen waren. Die Gäste um mich herum machten schlechte Witze, grölten „Allein Allein“ und erzählten sich von dem anderen Konzert, bei dem sie mal gewesen waren – Robbie Williams. Und neben uns standen zwei Mittvierzigerinnen, die trotz der Tatsache, dass man kaum atmen geschweige denn klatschen konnte, darauf bestanden, dass niemand versuchte, sich an ihnen vorbei zu quetschen.

Zugegeben, ich bin ein Snob. Aber solche Fans hat wirklich keine Band verdient. Am krassesten zeigte sich das nach dem letzten Lied der offiziellen Playliste, nämlich – natürlich - „Allein Allein“: Die Band verließ die Bühne vor den Zugaben für etwa eine Minute, aber um uns herum beschloss man in Scharen, unverzüglich zu gehen - Zitat: „Das Wichtige ist ja jetzt vorbei!“. Das hatte ich so noch nie bei einem Konzert erlebt.

Immerhin, der Massenaufbruch führte dazu, dass man die Zugaben, beginnend mit einer exzellenten Coverversion von „Such a Shame“, mit Luft zum Atmen und annähernd freier Sicht zur Bühne genießen konnte. Und hier wurde auch besonders deutlich, was ich bereits den ganzen Abend geahnt hatte: Das Konzert an sich war gut. Die Band hat offenbar nach wie vor riesigen Spaß an ihren Liveauftritten und gibt sich große Mühe. Es gab sogar (von mir bis dahin unbemerkte) schöne Lichteffekte.

Missgönnen kann man Polarkreis 18 den gegenwärtigen Erfolg also wahrlich nicht. Nur werde ich mir den Besuch des nächsten Konzertes vorab gut überlegen und zusätzlich alles meiden, das auf einer "hr3-Bühne" stattfindet. Und außerdem in zukünftige Musikgespräche vielleicht manchmal einwerfen, wie schön die kleinen Konzerte damals doch waren …

Link: Die etwas andere Meinung

Ergänzung: Die hier verwendeten Fotos hätte ich aus meiner Position auf keinen Fall machen können - sie stammen von der Homepage der Band und zeigen deren Auftritt in Aschaffenburg.

Hotel Angst

U.
Letzten Sommer war ich für eine Woche in Ligurien. Als wir nach einer endlos erscheinenden Hinfahrt schließlich bei der 10 000-Einwohner-Stadt Bordighera die Autobahn verließen und eine steile Serpentinenstraße Richtung Küste fuhren, passierten wir am Straßenrand eine Reihe von imposanten Jugenstilvillen. Auf einer besonders prächtigen, die aber extrem verlassen wirkte, stand in riesigen Buchstaben das Wort "ANGST".


Diese Kombination von Pracht, Verfall und einem unheimlichen Namen haftete gut im Gedächtnis. Wir kamen in den folgenden Tagen noch öfter an der Villa vorbei und machten schließlich am Abreisetag Fotos von dem Gebäude, das in Ruhe betrachtet noch prächtiger, aber auch noch verlassener wirkte.

Zurück daheim musste ich noch öfter an das Haus denken und stellte dank Internet fest, dass ich bei weitem nicht die erste war, die fasziniert von Villa Angst war.

Die Geschichte des Gebäudes (und auch des Ortes Bordighera) ist folgende: 1855 erschien in Großbritannien ein italienischer Liebesroman namens „Il Dottor Antonio“ von Giovanni Ruffini, der bei vielen wohlhabenden Engländern den Wunsch auslöste, an die Riviera zu reisen. Sie kamen in Scharen und blieben monatelang, so dass zeitweise mehr Engländer als Italiener in Bordighera lebten - mich erinnerte diese Information sofort an die in der italienischen Landschaft herum staksenden Briten aus Zimmer mit Aussicht.

Die Zeit schreibt: "1904 ist Bordighera eine Art Paradies der Engländer. Alles ist englisch, alles auf Engländer ausgerichtet, und alles kommt von der Insel, sogar die Spaghetti, die, wie sich ein damaliger Beobachter mokiert, »kalt serviert« werden. Es gibt englische Ärzte, englische Makler, Schafwollprodukte aus Yorkshire, es entstehen die ersten Lawn-Tennis-Clubs. Alles gedeiht zum Besten, und das Dorf ist auf dem Weg, zu einer neuen Perle des frühen internationalen Tourismus zu werden" (Quelle).


Die Nachfrage nach Luxus war also vorhanden, und ein schweizerischer Hotelier namens Adolf Angst begann schon im Jahr in Jahr 1887 mit dem Bau eines besonders modernen, wunderschönen und mit allen Annehmlichkeiten ausgestatteten Hotels: Es gab in allen Zimmern fließendes warmes Wasser und elektrisches Licht, 100 Angestellte kümmerten sich um 200 Gäste. Hotel Angst verfügte über eine mehrsprachige Bibliothek, einen Bridge Club und einen Friseur.

Im Jahr 1900 kündigte sogar Queen Victoria einen ausgedehnten Besuch im Hotel an, was sicherlich den Höhepunkt der Geschichte von Villa Angst bedeutet hätte. Der Ausbruch des Burenkriegs führte aber dazu, dass die Königin ihre Italienreise verschieben musste, die letztendlich niemals stattfand.


Im frühen 20. Jahrhundert ging es dann schon bergab mit dem Hotel: Zunächst schränkte der italienische Staat die Glücksspielkonzessionen ein, so dass spielfreudige Touristen fortan nicht mehr ins nahe bei Bordighera gelegene San Remo, sondern lieber nach Monte Carlo oder Nizza reisten. Dann kam der Erste Weltkrieg, und das Haus diente als Lazarett, anschließend eröffnete das Hotel zwar wieder, doch die alten aristokratischen Gäste waren fort. Das Etablissement passte nicht mehr zu den Bedürfnissen der Zeit, und der Beginn des Zweiten Weltkrieg brachte ihm schließlich den Todesstoß.

Und nun gammelt das einst so hochmoderne Hotel seit Jahrzehnten gut sichtbar vor sich hin und macht dabei in Kombination mit seinem Namen einen attraktiv-unheimlichen Eindruck irgendwo zwischen The Shining und Titanic. Kein Wunder, dass es viel fotografiert wird und es sogar schon einen Roman inspiriert hat.

Nun sieht es aber so aus, als würde dem Haus eine glückliche Zukunft unter neuem Namen bevorstehen, denn laut einer Website wird es von einer Firma namens Bizzi & Partners in Stand gesetzt und 2011 als „Angst Hotel and Residences“ wieder eröffnen. Besonders einladend klingt das ja immer noch nicht ...


Bilderlinks:

Fotogalerie auf der Website der Stadt Bordighera
Tolle Flickr-Galerie von jemand, der offenbar mehrmals ins Hotel eingebrochen ist

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