Das Ende des Kapselmonopols

U.
Belichtungsbedingt schlechtes Foto, dafür mit ein bisschen Elmo

Wie viele Menschen in meinem Bekanntenkreis besitze ich eine Nespresso-Kaffeemaschine. Neben vielen Vorteilen - relative niedriger Anschaffungspreis für ziemlich unempfindliche Geräte, mühelose Espressozubereitung (je nach Gerät inklusive Milchschaum), problemlose Haltbarkeit der Kaffeekapseln - spricht auch so einiges gegen diese Maschinen:

  • Die Kaffekapseln sind relativ teuer und nur über spezielle Boutiquen und den Onlineshop erhältlich, nicht im Lebensmittelhandel. No-Name-Kapseln gibt es, anders als bei Padsystemen, nicht.
  • Sie bestehen aus Aluminium  und werden zumindest in Deutschland nicht separat gesammelt, was eine Rohstoffverschwendung darstellt
  • Man wird mit der Anschaffung der Maschine Dauerkunde von Nestlé, einem nicht gerade sympathischen Konzern
Möglicherweise gibt es für alle diese Probleme nun eine Lösung, denn als ich am Samstag einkaufte, lachten mich aus dem Kaffeeregal im Supermarkt die oben gezeigten Kapseln an.

Es gibt also doch ein Alternativprodukt! Ein Zehnerpack kostete jeweils 2,99 Euro, was gegenüber den Original-Nespressokapseln eine Ersparnis von 6 bis 10 Cent pro Kaffee bedeutet. Und die Kapseln bestehen, anders als die von Nestlé, aus Pflanzenfasern, sind also kompostierbar. Wohl deshalb nennt sich der Hersteller, bei dem es sich um den Ex-CEO von Nespresso handelt, "Ethical Coffee Company", denn es handelt sich keineswegs um Fair Trade-Kaffee. Um die Kapseln legal auf den Markt zu bringen, mussten übrigens 1700 Patente umgangen werden.

Hier habe ich einen Bericht über die neuen Kapseln gefunden, wobei die dortigen Kommentare hinsichtlich "Passform", Haltbarkeit und Geschmack der Nachahmungen mich nicht gerade optimistisch stimmen. Ein eigenen Geschmackstest steht aber noch aus.


Morgen ist Mützchentag (mit Update!)

U.

Morgen ist der 21. November und damit der Tag, an dem meine mit Liebe gestrickten Wollhütchen in den Handel kommen.

Obwohl die deutschen Stricker und Strickerinnen lange hinten lagen, haben sie kurz vor dem Einsendeschluss noch kräftig aufge- und überholt, was zu folgendem Endergebnis führte:

  • Deutschland: 191 222
  • Österreich 55 734
  • Schweiz 45 015

Ganz geheuer ist mir Deutschlands haushoher Sieg, nachdem die Tendenz so lange anders war, ja nicht. Hat Innocent vielleicht Mützchen, die in anderen Ländern übrig waren - in Großbritannien findet die Aktion ja bereits seit acht Jahren statt - zugeschossen? Egal, denn es bedeutet, dass das deutsche Spendenergebnis, wenn ich mich nicht verrechnet habe, bei knapp 60 000 Euro liegt.

Zu erwähnen wäre noch, dass ich als Antwort auf meine Mützchensendung diese nette Postkarte erhalten habe, was ich sehr aufmerksam fand.

Und Nein, obwohl es langsam sicherlich danach aussieht, werde ich weder von Innocent noch von Rewe gesponsort. Noch von sonst jemand, wenn wir schon mal dabei sind.


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Update:

Heute nach dem Büro war ich im Rewe um die Ecke und wollte nach einem Blick ins Smoothie-Regal schon wieder enttäuscht abdrehen. Dann ging ich aber doch noch näher an die Theke heran und entdeckte in den hinteren Reihen Bommel! Etwa jeder zwanzigste Smoothie trug eine Wollmütze, und drei habe ich mir ausgesucht und gekauft. Wer 21 gestrickt hat, darf das.


Alles voller Mädchen: Hundreds in der Frankfurter Brotfabrik

U.
"So bekommt man also diese Brotfabrik voll", dachte ich mir gestern Abend überrascht, als wir beinahe pünktlich zum Konzert des deutschen Elektroduos Hundreds eintrafen. Momentan finden mehr und mehr Konzerte in diesem Konzertsaal im abgelegenen Hausen statt, und egal, ob ich dieses Jahr nun bei Dear Reader,  Dan Mangan oder Gruff Rhys war: Die Zuschauerzahl schwankte stets nur zwischen "peinlich leer" und "sind ja doch noch einige gekommen". Gut, von gequetschter Enge konnte man gestern - zum Glück - immer noch nicht sprechen, aber so voll hatte ich den Raum noch nie erlebt.


Und noch etwas fiel beim Blick auf die Zuschauer sofort auf: Junge Frauen waren heute ganz klar in der Mehrheit und stellten etwa zwei Drittel der Zuschauer(innen) dar. Während die "Vorband", der Solokünstler Touchy Mob, auftrat, quakten alle noch munter durcheinander, was nicht sonderlich schlimm war: Der extrem bärtige, extrem topfschnittige Künstler beeindruckte eigentlich nur durch den Kontrast zwischen seiner Optik (definitiv ein Folkmusiker) und seiner Musik (Synthesizergefrickel). Seine Lieder wirkten dabei so, als würde er sie soeben spontan komponieren. Lustig war allerdings die Selbstvorstellung: "Hallo, ich bin Touchy Mob und schlafe bei Hundreds im Bus!"


Hundreds selbst hatte ich dieses Jahr - damals glaube ich, ohne ihr Album zu kennen - bereits beim Maifeld-Derby gesehen und war angenehm überrascht von der gleichermaßen so "unkühlen" Elektromusik gewesen. Oft haben Synthesizer-lastige Bands in meinen Augen das Problem, dass ihre Musik live einfach sehr distanziert wirkt (um noch einen Link zu setzen: Ladytron wären ein Paradebeispiel) - bei Hundreds ist das nicht so.

Zu Beginn war vieles ähnlich wie beim Maifeld-Auftritt: Phillip eröffnete zunächst allein das Konzert mit „Intro“ (einer langgestreckten Variation von „Walking On Rails“) zu Evas gesampelter Stimme, dann betrat seine Schwester persönlich die Bühne und trug den gleichen, asymmetrischen Overall (Ob sie von denen wohl eine ganze Kleiderstange voll hat?) und darüber ihr gefaltetes Kapuzencape, das sie nach den ersten paar Liedern fortwarf. Philipp blieb hinter seinen Instrumenten und überließ die Publikumsbespaßung Eva. Allerdings waren die Geschwister Milner dieses Mal allein auf der Bühne: In Mannheim hatten sie zwei Schlagzeuger dabei gehabt. Hinter der Bühne wurden verschiedene Muster und geometrische Formen auf die Wand projiziert.

Vielleicht wegen der optischen Ähnlichkeit war ich zu Beginn des Auftritts ein wenig skeptisch: Die sicherlich einstudierten Barfußtänze kannte ich ja nun bereits, und da Hundreds erst ein Album veröffentlicht haben, war auch klar, dass die Setliste ähnlich sein würde. Musste man das wirklich zweimal sehen?


Man musste, denn dieser Abend entwickelte schon bald seinen eigenen Reiz: Dadurch, dass ich das Album mittlerweile recht gut kannte, konnte ich auch erkennen, dass die Live-Versionen verschiedener Lieder anders waren als auf Platte - zum Beispiel wurde „Grab The Sunset“ deutlich länger und beatlastiger dargeboten. Dann war da noch das intensiv (und schweigend) lauschende Publikum und die über die Begeisterung sichtlich gerührte Band. Live konnte man außerdem nochmals feststellen, dass Frau Milner wirklich gut singen kann. Und schließlich wurden mit "Please Rewind" und "Rabbits To The Roof" auch zwei Songs gespielt, die sich nicht auf dem Debütalbum befinden.

Bei der ersten Zugabe kam Eva zunächst allein auf die Bühne und nahm den bis dahin verwaisten zweiten Synthesizerplatz ein - so begleitete sie sich zu "Winding Road" selbst. Sehr schön war auch der Moment, als sich am Ende des als Piano-Ballade dargebotenen "Little Heart" Bruder und Schwester kurz gegenseitig ansangen.

Als nach der zweiten Zugabe endgültig Schluss war, konnte man sich am Merchandise-Stand unter anderem  - etwa drei Wochen vor dem Verkaufsstart - das neue Hundreds-Werk kaufen - bei dem es sich allerdings lediglich um Remixe und Coverversionen der Lieder vom Debütalbum handelt, die unter anderem Get Well Soon, Bodi Bill und Touchy Mob aufgenommen haben.



Intro
Please Rewind
Wait For My Raccoon
Machine
Fighter
I Love My Harbour
Rabbits To The Roof
Song For A Sailor
Happy Virus
Let's Write The Streets

Winding Road
Grab The Sunset

Little Heart

Mein erster Bubble Tea

U.
Kürzlich ging ich in meiner Mittagspause über eine der ruhigeren Seitenstraßen der Frankfurter Haupteinkaufsstraße Zeil. Dort kam ich an einem sichtlich neuen Geschäft vorbei, das wie eine Mischung aus Coffee Shop und Saftbar wirkte und irgendwie auf asiatisch machte. Ich blieb neugierig stehen und las, was dort verkauft wurde. Bubble Tea. Nie gehört.

Diese kleine Episode hätte ich sofort wieder vergessen, wenn in den folgenden zwei Tagen nicht erstens die Titanic über Bubble Tea gelästert hätte und zweitens der E-Mail-Newsletter des Journal Frankfurt von einem weiteren neuen Bubble Tea-Laden im Einkaufszentrum MyZeil berichtet hätte. Als ich zu googlen begann, stellte ich überrascht fest, dass in den letzten Monaten nicht weniger als fünf Geschäfte in Frankfurt neu eröffnet haben, um dieses mir unbekannte Getränk zu verkaufen.



Wikipedia half weiter: Bubble Tea stammt ursprünglich aus Taiwan und ist meistens tatsächlich Tee, manchmal aber auch ein Fruchtsaftgetränk (und selten auch Kaffee). Man kann es warm oder kalt genießen, mit oder ohne Milch, und die "Bubbles" sind Tapiokakugeln - die aber auch durch andere Dinge ersetzt werden können. Im Grunde können also wohl ziemlich viele Zutatenkombinationen unter diesem Namen verkauft werden. In jedem Fall handelt es sich aber um ein Getränk, das in irgendeiner Form kleine Kugeln enthält.

Nun denn, wenn halb Asien und die USA Bubble Tea toll finden, kann man ihn ja mal probieren. Also machte ich mich gestern auf den Weg in die Berger Straße, um die allerneueste Ladeneröffnung in Sachen Bubble Tea zu besichtigen: Coy & Dan's. Der Laden entpuppte sich als ziemlich klein und schien auch noch nicht gerade überlaufen zu sein. Das war auch ganz gut für mich, denn wie bereits angedeutet sind die Auswahlmöglichkeiten beim Bestellen von Bubble Tea ja nicht gerade gering, da muss in Ruhe überlegt werden.

Als Anfängerin hatte ich beschlossen, erst einmal mit einem möglichst einfachen Getränk einzusteigen, und entschied mich für einen Black Milk Tea. Dennoch musste ich noch etliche Fragen beantworten: Den Tee normal oder als Chai? Kalt oder warm? Mit Kuh- oder Sojamilch? So muss sich wohl ein lebenslanger Filterkaffee-schwarz-Trinker bei seinem ersten Starbucks-Besuch fühlen.

Nach meiner Entscheidung für die Optionen "normal", "kalt" und "Soja" musste ich ein wenig auf mein Getränk warten, das bei seiner Ankunft tatsächlich etliche braune Kügelchen enthielt. Ich nahm einen Testschluck, um zu ergründen, ob eine eigene Zuckerzugabe nötig sei, aber der Tee war bereits leicht gesüßt. Und so schritt ich schlürfend und testend die Berger Straße entlang.



Die Kügelchen hatten in etwa die Konsistenz von sehr unklebrigen Gummibärchen. Sie störten mich nicht, schmeckten auch nicht unangenehm, erschienen mir aber auch nicht als eine Getränkezutat, die in meinem Leben noch gefehlt hatte. Der Tee schmeckte ziemlich natürlich und gut.

Meine erste Bubble Tea-Erfahrung war also recht positiv. Vielleicht probiere ich in den nächsten Wochen einmal einen der anderen Läden aus und teste dann eine abenteuerlichere Teevariante. Vielleicht Jasmin-Grüntee mit Jelly-Mango? Wir werden sehen ...

Neulich beim Online-Lebensmitteleinkauf

U.
Lange Zeit habe ich die Briten beneidet. Sie können nämlich bereits seit Jahren mit völliger Selbstverständlichkeit ihren Wocheneinkauf im Internet bestellen. Er wird dann zu einem vereinbarten Termin nach Hause geliefert. Mir war völlig unverständlich, warum dieser einfache Service in Deutschland nicht angeboten wird. Amazon hatte vor einer Weile einen Versuch gestartet, der sich beim Ansehen des Angebotes als ziemlicher Mist entpuppte: Die allermeisten Produkte konnten nämlich nur per Post verschickt werden, was bei gekühlter Ware ja nicht sonderlich praktisch ist. Und wenn man nicht darauf achtete, alles beim selben Verkäufer zu bestellen, waren dazu auch die Lieferkosten exorbitant hoch.


Um so erfreuter war ich, als ich vor etwa einem Monat las, dass Rewe ein Pilotprojekt zum Online-Essenseinkauf startet - in Frankfurt! Man kann auf der Website eine Einkaufsliste anlegen, alles in einen virtuellen Warenkorb legen und anschließend in einem Wochenplan einen Liefertermin wählen. Die Waren werden zu den Supermarktpreisen nach Hause geliefert, bezahlt wird per Kontoabbuchung. Die Lieferung kostet beim ersten Mal nichts, anschließend 5 Euro. Waren, die nicht gefallen, kann man dem Lieferanten sofort wieder mitgeben, ebenso Leergut.

Das klang für mich alles sehr gut und musste ausprobiert werden. Leider folgte beim Stöbern im Online-Angebot dann die erste Enttäuschung: Rewe Online hat zwar viel, aber bei weitem nicht alles, was ich möchte. So gehören zum Online-Angebot weder die (in Rewe-Filialen erhältlichen) Fertiggerichte von Veggie Life noch die von Garden Gourmet, nicht einmal Räuchertofu kann ich finden. Bei Brot gibt es nur abgepackte Ware, nicht die frischen Selbstbedienungsbrötchen aus den Filialen. Komischerweise werden gefüllte Lebkuchenherzen (jaja, ich bin eine von denen, die das Zeug so früh kauft) von Bahlsen angeboten, aber nicht die von mir bevorzugte Rewe-Eigenmarke. Bei Frischwaren wie Salat oder Obst fühlte ich mich bei einer unbesehenen Bestellung zudem nicht ganz wohl - natürlich kann man einen hässlichen Salat bei Erhalt ablehnen, aber dann hat man eben vorerst keinen.

Und dann ist das Einkaufserlebnis am Computer einfach grundsätzlich anders. Vieles sieht man ja im Supermarkt und denkt sich beispielsweise "Oh, Chilis, ich könnte am Wochenende Penne Arrabiata machen!" - das fällt beim virtuellen Einkauf natürlich völlig weg, und so fiel es mir fast ein bisschen schwer, mir zu überlegen, was ich nun eigentlich kaufen wollte.

Nach etwas Nachdenken gelang es mir aber, eine Liste von Waren im Wert von 40 Euro zusammen zu stellen, als Liefertermin wählte ich Samstag zwischen 11 und 13 Uhr. Am Freitagabend erhielt ich eine Erinnerungsmail, in der auch stand, dass der Fahrer mich anrufen und mir den genauen Lieferzeitpunkt mitteilen werde. Das klang doch sehr gut.



Stimmte aber leider nicht. Von 11 bis 13 Uhr hielt ich mich zunehmend ungeduldig in meiner Wohnung auf und traute mich kaum, mir die Haare zu föhnen, geschweige denn in den Keller oder zum Altglascontainer zu gehen. Als 13 Uhr vorbei war, rief ich ärgerlich die Rewe-Hotline an (die vom Festnetz aus zwar ganz günstig, für Menschen ohne Festnetzanschluss aber exorbitant teuer ist) und verharrte fünf Minuten in der Warteschleife, in der mir dauernd derselbe, nervige Werbejingle vorgespielt wurde, aber sonst nichts passierte. Als ich entnervt auflegte, hatte ich einen Handy-Anruf verpasst. Ich rief zurück, und tatsächlich: "Mein" Fahrer kündigte an, er würde in zehn Minuten bei mir sein.

Immerhin das traf zu. Gegen 20 nach 1 kam ein mit Tüten in einer Kiste bepackter junger Mann die Treppe herauf und überreichte mir meine Einkäufe. Der Übergabeprozess entpuppte sich dabei als relativ kompliziert: Zunächst bekam ich die Waren, dann wurde mir erklärt, dass zwei meiner achtzehn bestellten Artikel nicht vorrätig gewesen wären und für diese möglichst ähnlicher Ersatz mitgebracht worden sei. Nur eines der beiden Ersatzprodukte (statt der Lieblingseissorte eine andere) sagte mir zu, das andere (Fruchtaromajoghurt statt Fruchtjoghurt) lehnte ich ab. So musste mein Einkaufsbon neu berechnet werden, dann übergab ich mein Leergut, was wiederum erfasst werden musste. Und am Ende quittierte ich den Endpreis meines Einkaufs.

Nach halb zwei konnte ich meine Einkäufe dann endlich wegräumen und bin mir jetzt unschlüssig, wie gut mir der lang ersehnte Online-Essenseinkauf nun gefällt. Sicherlich, der Lieferant hatte letztlich keine gewaltige Verspätung, aber da ich mir die Sache mit dem Anruf anders vorgestellt hatte, war ich dennoch etwas enttäuscht und dann wegen anderer unerledigter Aufgaben auch in ziemlicher Eile. Gut war, dass mir sperrige Sachen wie Wasser und Bier bequem ins Haus getragen wurden, weniger gut ist, dass ich manche Sachen gar nicht erst bestellen konnte.

Ich bin gespannt, ob sich im deutschen Markt hinsichtlich Lebensmittellieferungen nun endlich etwas tut. In diesem Artikel zweifeln Experten daran, dass sich solche Konzepte hierzulande durchsetzen können, aber so richtig glaube ich ihnen nicht. So viel anders als die Engländer sind die Deutschen in meinen Augen nicht.

Mehr Licht! - PeterLicht im Frankfurter Mousonturm

U.
Anlässlich meines nun bereits dritten PeterLicht-Konzerts im Mousonturm las ich mir gestern Nachmittag meinen Bericht vom letzten Mal durch und wurde dabei an einiges erinnert, dass ich sonst nicht mehr parat gehabt hätte: Dass es sehr warm war, das Publikum eher ergraut und die Stimmung in Bezug auf die Frage „Tanze ich oder höre ich zu?“ etwas unentschlossen aber überaus positiv.

All das passierte gestern Abend dann nochmals. Wie gehabt war das Fotografieren des Künstlers verboten, worauf per Aushang hingewiesen wurde. Und wie beim letzten Mal hätte man sich einen Großteil des Publikums auch bei einer Lehrerkonferenz vorstellen können - selten sah ich bei einem Konzert so viele graue Bärte und (männliche) Pferdeschwänze, meist als Teil glücklich umschlungener Paare. Und ja, die Temperatur bewegte sich auch dieses Mal Richtung Sauna.


Für den Beginn seines Auftritts hatte sich Herr Licht (mittlerweile ebenfalls bärtig) dieses Mal aber etwas Neues ausgedacht. Während 2008 die ersten Lieder in Dunkelheit vorgetragen worden waren, kam der Sänger gestern Abend zwar im Hellen, aber allein auf die Bühne. Er trug zunächst seinen ersten Text „Zahnpasta“ vor (auch vorgelesen wurde gestern wieder) und sang dann "Wir sollten uns halten" allein zur akustischen Gitarre. Für "Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses" kam dann der Pianist mit auf die Bühne, bei "Das Ende der Beschwerde / Du musst Dein Leben ändern" der Gitarrist, und erst bei "Es bleibt uns der Wind" erschienen auch der Bassist und der Schlagzeuger und spielten mit.

So weit, so gut, dachte man sich, jetzt, wo die Band vollständig war und die ersten älteren Titel gespielt waren, kann es endlich richtig los gehen, aber nach dem schönen "Das absolute Glück" ging es gleich wieder mit Liedern vom neuen Album Das Ende der Beschwerde weiter, das ehrlich gesagt nicht besonders spannend ist. Dann kam auch noch mit "Meerschwein" ein Nonsenstext, der in meinen Augen ebenfalls nicht die Qualität früherer Veröffentlichungen erreichte - dafür schien er aber kein Ende zu nehmen. Weiter und weiter ging die drei Seiten lange Geschichte, das Publikum lachte freundlich dazu, aber mein Zuhörerlebnis war eher unter "Qual" einzustufen. Ich mochte kaum glauben, dass ich vor Jahren freiwillig PeterLichts Wir werden siegen! Buch vom Ende des Kapitalismus gekauft und durchaus freudig gelesen hatte. Die Texte waren früher wirklich besser gewesen.

Weiter ging es wiederum mit Liedern vom aktuellen Album, dann folgten mit "Trennungslied", "Safarinachmittag" und "Die transsylvanische Verwandte" (vor der PeterLicht lange seine Gitarre stimmte und dann den Liedtitel mit Blick auf seinen schon lange wartend Glockenspiel spielenden Schlagzeuger als „Sehnenscheidenentzündung“ ankündigte) drei laut bejubelte alte Favoriten.

Hier zeigte sich allerdings auch, dass PeterLicht grundsätzliche Probleme mit seinen Liedtexten hatte: Während mir bei den neuen Liedern bereits einiges etwas komisch vorgekommen war, musste er beim Trennungslied, das er wegen der Textzeile „Hauptsache wir sitzen am Ende alle im selben Heim“ dem Altersheim nebenan widmete, sichtlich spontan neu dichten, weil ihm anscheinend die richtige Zeile gerade nicht einfallen wollte. Das war aber noch lustig.

Regelrecht versemmelt wurden dann aber zwei Stücke, die ich eigentlich sehr mag, nämlich "Wettentspannen" und "Gerader Weg". Beide wurden in ultraschnellen - und entsprechend kurzen - Versionen gespielt, und bei "Gerader Weg" führten die bereits erwähnten Textunsicherheiten dazu, dass die Strophen im Grunde nicht stattfanden. Nun kommt man ja nicht zu einem Konzert, um alles möglichst perfekt zu hören, und auch Pannen können ganz charmant sein, aber nachdem zu dieser doch sehr misslungenen Vorstellung auch keinerlei Kommentar kam, entstand doch der Eindruck, dass hier etwas lieblos hingerotzt worden war. Vielleicht war es auch Absicht, und ich habe den Witz nicht verstanden? Möglich wäre es.


Damit war das Konzert auch zunächst beendet, als Zugaben folgten dann noch "Sonnendeck" (das wohl sicherheitshalber von Anfang an in einer Softrockversion ohne Textstrophen gespielt wurde), das wiederum begeistert aufgenommene "Lied vom Ende des Kapitalismus" - das in mir allerdings die Frage auslöste, wie viele der Anwesenden wohl tatsächlich etwas gegen den Kapitalismus hatten - und eine zur Abwechslung tadellose Version von "Alles was du siehst gehört dir".

Die uns umgebenden Pädagogen waren vom Konzertabend wesentlich begeisterter als wir und klatschten die Band noch ein zweites Mal auf die Bühne zurück, wo als allerletzte Zugabe nach fast zwei Stunden Spielzeit noch "Zonen" folgte – ein Lied was wohl niemand in der Setliste vermisst hatte.

Ich hatte bereits auf dem Weg zum Mousonturm meinen Plan verkündet, meinem neuen Konzertbericht den Titel "Mehr Licht!" zu geben - wobei es sich um Goethes (angebliche) letzte Worte handelt. Als wir den Saal verließen, erklärte mein Freund, ich solle zusätzlich gleich schreiben, das sei vorläufig auch sein letztes PeterLicht-Konzert gewesen. Und ich selbst werde weitere Konzerte wohl ebenfalls erst erwägen, wenn wieder eine überzeugendere Platte vorliegt.


Setliste:

01: Text: Zahnpasta
02: Wir sollten uns halten
03: Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses
04: Das Ende der Beschwerde
05: Es bleibt uns der Wind (Du bist richtig hier)
06: Das absolute Glück
07: Neue Idee
08: Sag mir, wo ich beginnen soll
09: Text: Meerschwein
10: Schüttel den Barmann!
11: Meine alten Schuhe / Die große Sonne verbrennt ganzes Geld
12: Safarinachmittag
13: Trennungslied
14: Die transsylvanische Verwandte
15: Text: Hosengott
16: Fluchtstück
17: Wir / Was / Wir / Wolln
18: Wettentspannen
19: Grader Weg

20: Sonnendeck
21: Lied vom Ende des Kapitalismus
22: Alles was du siehst gehört dir

23: Zonen

Streicher beim Techno-Event: Apparat im Frankfurter Mousonturm

U.
Den deutschen Musiker Apparat kannte ich bis vor etwa einem Monat überhaupt nicht. Ich habe als alter Depeche Mode-Fan zwar überhaupt nichts gegen elektronische Musik, aber so richtig auf dem Laufenden bin ich in diesem Bereich nicht. Und so verpasste mal eben ich die komplette bisherige Karriere von Sascha Ring, dass er mal bei John Peel aufgetreten ist, mit Modeselektor kooperiert hat und seit 2011 sogar wie meine langjährige Lieblingsband beim Mute Label unter Vertrag steht.


Als ich das aktuelle Album The Devil's Walk hörte, gefiel mir aber, was ich hörte. Ich musste an The Notwist und Radiohead denken und erklärte mich bereit, das anstehende Konzert der "Apparat Band" zu besuchen.

Zunächst musste aber der von mir bereits hier angesprochene Konzerttrend 2011 umgesetzt werden, denn natürlich hatte auch gestern wieder eines der Mitglieder der Apparat Band noch ein eigenes Projekt am Start, mit dem er ohne zu starke Personalveränderungen den Vorband-Slot füllen konnte. Und so sahen wir zunächst einen Auftritt der Band Warren Suicide, die von zwei Streichern der Berliner Formation "String Theory" begleitet wurden - und auch diese beide Herren tauchten dann später wieder auf.


Warren Suicide wirkte auf mich - wohl, weil sowohl der Keyboarder/Sänger Nackt als auch die Sängerin und Tambourin/Becken/Bohrmaschine/Alarmsirene spielende Cherie darauf bestanden, möglichst oft möglichst viel Haar im Gesicht zu haben - wie ein sehr neues Projekt, das sich auf der Bühne noch etwas unwohl fühlt. Das entpuppte sich beim heutigen Nachrecherchieren aber als Blödsinn, denn Warren Suicide gibt es bereits seit 2003. Wahrscheinlich geben sich die beiden also auf der Bühne genauso, wie sie es gerne möchten, und ich habe nichts verstanden. Musikalisch erinnerte mich das Ganze ein wenig an Nine Inch Nails, richtig gut gefielen mir aber nur die nicht wirklich zum Projekt gehörenden Streicher. Nackt sahen wir dann später als neben Keyboard auch Bass spielenden Teil der Hauptband wieder.


Im Zentrum der Bühne befand sich ein ganzer Fuhrpark aus Synthesizern, die mit einer Unmenge Kabeln miteinander und an alles mögliche andere verbunden waren - ein bisschen musste man an The Matrix denken. Wegen dieses Mittelpunktes musste das Schlagzeug ungewöhnlich weit nach vorne, und Herr Apparat selbst nahm samt Gitarre den linken Randplatz der Bühne ein. Drumherum befanden sich verschiedene Lampen. Einige wirkten wie kleine Kanonen, deren leuchtendes "Rohr" immer wieder neu ausgerichtet wurde. Dann gab es noch einen auffälligeren Kreis aus Stehlampen, die je nach Beleuchtungsstärke und -farbe manchmal wie Fackeln wirkten, und über alles wurde immer wieder so viel Nebel gesprüht, dass Shoegaze-Partyveranstalter ihre helle Freude gehabt hätten.


Musikalisch war ich natürlich mal wieder nicht gut vorbereitet. Ich kenne ja nur das eine Album, Apparats Gesamtwerk ist aber deutlich größer. Nachdem die Lieder sich aber sowieso nicht im klassischen Strophe-Refrain-Muster bewegen, fand ich es in diesem Fall gar nicht schlimm, bei den einzelnen Songs nicht "ach klar, das ist X" jauchzen zu können. Ich genoss die Musik, das Licht, das Zusammenspielen der Musiker, versank kurz in Gedanken, passte wieder auf - und war vom etwas ziellosen Wabern der Songs komischerweise keineswegs genervt oder gelangweilt, wie ich das bei Warpaint erlebt hatte.

Immerhin kamen viele der gespielten Stücke von Devil's Walk, wobei "Song Of Los" live mit wesentlich mehr Beats als auf dem Album gespielt wurde. So wurden nicht nur Lieder wie "Candil De La Calle" oder "Ash/Black Veil", von denen man es erwarten könnte, in der Live-Umsetzung deutlich "technoider".

Mit den Ansagen hielt Sascha Ring sich generell zurück, aber ein Song wurde angekündigt als Lied, dass er mit zwei Freunden geschrieben habe, mit denen er auf Tour gewesen sei, jedoch nicht in Frankfurt. Anschließend wurde unter großem Jubel auch noch ein Song von Moderat (Modeselekor + Apparat) ins Set eingebaut.


Der Auftritt dauerte insgesamt etwa 80 Minuten. Als Zugaben hörten wir noch ein paar instrumentale, sehr rhythmusorientierte (Techno-)Stücke, bei denen man dachte, dass Radiohead gern so klingen würden, bevor das ruhigere "Black Water" den Abend endgültig beschloss.

Und so endete das Konzert mit den Abschiedsworten:"Ich muss sagen, ich mag euch alle total gerne, bis auf einen, der geht mir voll auf den Sack, aber ich sage nicht, wer!" Ich bin aber nicht negativ aufgefallen, da bin ich mir relativ sicher.

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