Gestern Abend ging es in die Wiesbadener Ringkirche, in der man gelegentlich nicht nur Orgelkonzerte, sondern auch Modernes hören kann. E...

Neulich bei der Andacht: Ólafur Arnalds in der Wiesbadener Ringkirche


Gestern Abend ging es in die Wiesbadener Ringkirche, in der man gelegentlich nicht nur Orgelkonzerte, sondern auch Modernes hören kann. Eine Kirche als Veranstaltungsort impliziert Sitzplätze, und nachdem erst kürzlich bei Enno Bunger unsere Sicht nicht gerade brilliant gewesen war, bemühten wir uns um frühzeitiges Erscheinen. Leider befand sich aber auch zu Einlassbeginn um 19 Uhr bereits eine Schlange an der Kirchentür, so dass wir nur noch Plätze im mittleren Bereich (mit wiederum mäßiger Sicht) ergattern konnten. Nach dem Einlass hatte man übrigens auch Gelegenheit, als Verköstigung wahlweise Wasser, ein winziges Glas Riesling oder eine Brezel zu erwerben, alles zu Gunsten der Ringkirche. Kurios dabei war der Hinweis auf der Preisliste, man solle diese Dinge nicht mit in den Kirchenraum nehmen, obwohl sie doch offenkundig dazu gedacht waren. Muss man wohl nicht verstehen.


Gegen 20 Uhr betrat nicht Herr Arnalds sondern sein Support Act Douglas Dare die Bühne. Er war begeistert vom Kirchenambiente und bot wehmütige Lieder, zu denen er sich selbst am Klavier begleitete. Zu verkaufen hatte er nichts (sein Album erscheint erst in ein paar Monaten), er verschenkte aber großzügig Download-Codes für einen seiner Songs. Zu seinem Lied "Caroline" erklärte er, es sei eigentlich nicht für den Vortrag in einer Kirche geeignet, da es von Ehebruch handele. Er habe sich ausgedacht, dass sein Großvater seine Großmutter mit eben dieser Caroline betrogen habe, als er im Krieg war. Seine Großmutter dürfe allerdings nichts darüber wissen, weil sie das Lied liebe. Wie schon häufiger dachte ich mir bei Dares Auftritt, dass Vorbands von Sitzkonzerten unheimlich profitieren, weil das Publikum mehr oder weniger gezwungen ist, aufmerksam zuzuhören. So erhielt Douglas Dare sicherlich auch mehr Applaus, als er ihn bei einem "normalen" Konzertabend bekommen hätte, verdient hatte er ihn aber.


Nach einer halben Stunde folgte eine kurze Umbaupause, bis um 20:45 Uhr Ólafur Arnalds mit einigen Streichern und einem Posaunisten / Mac-Bediener die Bühne betrat. Als allererstes wurde das Publikum gebeten, im Chor zwei Noten so lange wie möglich zu singen. Er nahm das Ganze mit einem iPad auf, loopte es und verwendete es für den ersten Song "Þú ert sólin". Vorweg erfuhren wir noch, dass die Gesangseinlage des Münchener Publikums vom Vorabend nicht verwendbar gewesen sei, Wiesbaden aber viel besser singen könne.


Im Vorfeld hatten wir bereits gemutmaßt, dass es mit Arnalds meist instrumentalen Liedern - er verbrachte den Abend am Klavier - so gut wie unmöglich sein dürfte, eine Setliste mitzuschreiben. Das ließ sich letztlich durch ein Foto von der offiziell für die Künstler ausgelegten Liste klären, dieses zeigte uns aber auch, dass keineswegs nach jedem Lied pausiert wurde - nach dem ersten Applaus folgte nämlich schon "Hands, be still", also laut Setliste bereits das vierte Lied. Zu den Songs gab es jeweils Lichteffekte und Nebel, so dass der Raum immer wieder anders wirkte.


Bei einem Stück - ich glaube, es war "Near Light" - erfuhren wir, dass Arnalds es ursprünglich als Werbesong komponiert hatte, es dann, nachdem es vom Auftraggeber abgelehnt worden war, selbst veröffentlichte und sich nun darüber amüsiert, dass Kommentatoren auf Youtube den Song für besonders tiefsinnig halten. Nach "Undan Hulu", das aus nahe liegenden Gründen auch "Cello Song" heißt (es kommt nämlich ein Cello vor), folgte "Poland", das in Polen entstand - genauer gesagt lieferte der vergebliche Versuch, in einem Tourbus auf den dort sehr holprigen Autobahnen zu schlafen, die Inspiration (und laut Arnalds den Beweis, dass es in traurigen Liedern nicht immer um gebrochene Herzen gehen muss).


Als letztes Lied widmete Arnalds "Ljósið" seiner Großmutter, die ihn als Chopin-Fan zur klassischen Musik geführt habe und damit letztlich für seine musikalische Karriere verantwortlich sei.

Natürlich wollte das Publikum eine Zugabe und bekam auch eine - bei "Lag fyrir ömmu" kehrten die Streicher nicht mit zurück auf die Bühne, spielten anscheinend aber trotzdem mit (oder sie kamen doch vom Band). Vorweg erfuhren wir, dass Publikumsreaktionen sich stark nach Ländern unterscheiden. In Italien applaudiert man anscheinend nur kurz und intensiv, dann wartet man still auf die Zugabe. Deutschland dagegen hatte den Musiker anhaltend zurück auf die Bühne geklatscht, eine zweites Mal gelang das aber nicht - nach einer Verbeugung war endgültig Schluss.


Ólafur Arnalds Musik kam in der Kirchenatmosphäre sehr gut zur Geltung. Es ging mir dabei wie bei "echter" klassischer Musik, was bedeutet, dass ich gelegentlich wegträumte und an völlig andere Dinge dachte als an die Musik auf der Bühne. Das, was ich mitbekam, war aber wunderschön, und auch die Lichtuntermalung, die mal an Schnee, mal an Schmetterlinge erinnerte, passte ganz wunderbar in die Kirche.


Setliste:




Þú ert sólin
Þú ert jörðin
Tomorrow's Song

Hands, be still
Only the wind
Beth's Theme

Gleypa Okkur
We (too) shall rest
The place was a shelter
3326

Brotsjór
Words of Amber

Undan Hulu

Poland
Near Light

Ljósið

Lag fyrir ömmu

1 Kommentar:

  1. Glaub' es oder nicht: Die Ähnlichkeit von "Posaunisten / Computerbediener" zu "Posaunisten / Mac-Bediener" ist Zufall! ;-)

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