Neulich im Kaffeehaus (7): Café Rüdigerhof

U.
Weiter geht's mit meiner Serie zu Kaffeehäusern in Wien. Wenn ich mir die älteren Beiträge so ansehe, war eigentlich kein Café dabei, das ich nicht empfehlen konnte. Damit hat es nun aber ein Ende ...

Von außen sieht das Café Rüdigerhof durchaus beeindruckend aus, es befindet sich nahe am Naschmarkt in einem Jugendstilgebäude von 1802. Betritt man das Café, ist man aber zunächst enttäuscht, denn das Innere wirkt im Raucherbereich, den man zunächst durchquert, recht nüchtern. Der dahinter liegende Nichtraucherbereich, den man durch eine weit offen stehende (!) Tür erreicht, hat dann endgültig das muffige Ambiente eines deutschen Cafés aus den 60er Jahren.


Noch weiter hinten folgt nach der obligatorischen Theke mit Kuchen und, im Falle des Café Rüdigerhof, auch Erdnuss- und Salzstangenpackungen eine Art Rumpelkammer, in der sich Kartons und alles mögliche stapeln. Immerhin befindet sich hier auch eine Telefonzelle, die ich so nur aus Filmen kenne, wenn Cary Grant (oder in diesem Fall wohl eher Hans Moser) unterwegs telefonieren muss.

Irgendwo in diesem Durcheinander befindet sich auch der Kellner, den man meist nicht sehen kann, dafür werden wir akustische Zeugen seiner Telefonate, die er leider nicht in der niedlichen Kammer führt. Offenbar ist ihm an diesem Tag etwas über die Leber gelaufen, denn nicht nur merkt man den Gesprächen an, dass sie ihn ärgerlich machen, auch die Bedienung der Gäste fällt einigermaßen kurzangebunden aus.


Wir bekommen die sichtbare Speisekarte gar nicht erst ausgehändigt und bestellen aus dem recht übersichtlichen Angebot der Kuchentheke Apfelstrudel und Sachertorte. Beides wird ohne Frage, was für wen ist, schnell auf den Tisch geknallt. Auf meiner Sachertorte befinden sich als Dekoration unkonventionellerweise Smarties, die Glasur hat Wasserflecken. An und für sich stört mich das nicht, aber auch hier sind die Kuchenpreise durchaus gehoben, was nicht so recht zum Angebot passen mag. Bezüglich der Bedienung haben wir dabei noch Glück, denn die Gäste, die sich in den Raucherbereich gesetzt haben, müssen nach hinten kommen, wenn sie etwas bestellen oder zahlen möchten.

Im Internet wird das Café Rüdigerhof generell positiver beschrieben als hier von mir. Allerdings loben die Rezensenten meist den großzügigen Gartenbereich, den wir bei unserem Besuch Anfang Oktober natürlich nicht nutzen konnten. Vielleicht sollte man es also im Sommer noch einmal versuchen, möglicherweise hat dann ja auch der Kellner bessere Laune.






Sendeschluss: Atoms for Peace - Before your very eyes

U.

Atoms for Peace kenne ich hauptsächlich als Radiohead-Parallelprojekt von Thom York und dafür, dass die Band ihre Musik von Streamingsdiensten wie Spotify entfernt hat. Das Video hier erinnert frappierend an das bereits gezeigte "Mutual Core" von Björk. Das ist kein Zufall, denn beide stammen vom preisgekrönten Regisseur Andrew Thomas Huang, der außerdem auch für Sigur Rós' "Brennisteinn" verantwortlich zeichnet.

Im Video zu "Before your very Eyes" strömt eine Art Lava durch eine Landschaft, aus der irgendwann Teile von Thom Yorke aufsteigen - dieser hat stellenweise ein ziemlich großes Loch in der Stirn. Später wird die Flut bunt und zerstört Städte, dann wird die Handlung in einer Art Tropfsteinhöhle fortgesetzt. Alles sehr hübsch anzusehen.






Neulich im Kaffeehaus (6): Café Schwarzenberg

U.

Im Jahr 2010 gab es hier eine Serie zu Wiener Kaffeehäusern. Nachdem ich kürzlich wieder vor Ort war, wurden natürlich weitere Etablissements getestet und für gut (oder auch weniger gut) befunden, die Serie wird nun also erweitert!

Ein mir bislang unbekannter Klassiker war das Café Schwarzenberg. Es wurde 1861 eröffnet und hat sich seitdem, wie ich einer Postkarte mit historischem Motiv entnehmen konnte, im Stil kaum verändert. Nach dem zweiten Weltkrieg diente das Café kurzzeitig der Roten Armee als Treffpunkt, die Spuren einer Schießerei aus dieser Zeit konnte man anschließend noch jahrzehntelang bestaunen.


Auch heute ist das Schwarzenberg überaus beliebt. Bei unserem Besuch waren beinahe alle der recht eng aufgestellten Tische besetzt, so dass wir nur mit Glück einen Platz ergattern konnten. Während unseres etwa zweistündigen Aufenthalts zeigte sich allerdings, dass die anderen Gäste generell eher weniger gutes Sitzfleisch hatten, die Fluktuation war relativ groß. Mit ein wenig Wartezeit sollte man also jederzeit einen Platz ergattern können.

Das Kuchenangebot im Schwarzenberg ist beeindruckend, allerdings, wie beinahe überall in Wien, auch recht hochpreisig: Für eine Mélange und einen (sehr guten) Apfelstrudel mit Vanillesauce ist man mit 10 Euro dabei. Dafür kann man beim Kaffee- und Kuchengenuss auch das klassische Tonnengewölbe und das Licht der Kronleuchter genießen.















Sendeschluss: Polly Scattergood - Cocoon

U.

Frau Scattergood hatte wie ich auch am Freitag Geburtstag, schon deshalb gebührt ihr das aktuelle Video der Woche. Zusätzlich erinnern mich die schlossartigen Räume in "Cocoon" an meine Wienreise letzte Woche, denn ich lief unter anderem in den Belvedere-Schlössern herum und sah zumindest einen der Prunksäle in der Albertina.

Handlungstechnisch lässt mich das Video eher an Downton Abbey denken - oder, da düsterer, an The Others. Nur das Ende erfolgt meines Erachtens etwas abrupt, als hätte man beim Videodreh plötzlich festgestellt, dass der Song schon vorbei ist.

Völlig neu ist mir die Sponsorenmeldung am Ende, Polly wurde nämlich von der britischen Modekette Miss Selfridge ausgestattet. Ahja.

Wieder alles neu

U.

Alles neu macht der Oktober - zumindest optisch! Relativ traurig "muss" ich mich von meinem bisherigen Layout verabschieden, das ich eigentlich sehr schön fand, aber Tradition ist eben Tradition.

Und nun folgt der mittlerweile schon gewohnte Rückblick auf die bisherigen Templates. Aus dem Kopf würde ich sie mittlerweile nicht mehr alle zusammen bekommen.

Fleur: 2008 bis 2009
Stitch: 2009 bis 2010
Silva: 2010 bis 2011

CS5 Texturizer: 2011 bis 2012

Insomnia: 2012 bis 2013

Fleischeslust: Schnitzel von Nature Gourmet

U.

Schnitzel gab es hier im Blog schon so manches Mal, etwa hier, hier oder hier. Nicht alle Produkte wussten zu überzeugen, und so war ich ein wenig skeptisch, als mein Freund zwei verschiedene Schnitzel von Nature Gourmet mitbrachte. Ich hatte ein wenig Zweifel, ob sich dieses scheinbar neue Produkt als Gewinn für den Einkaufszettel erweisen würde.


Scheinbar? Genau, denn obwohl mir die Packung völlig unbekannt war, stellte sich schnell heraus, dass es sich bei "Nature Gourmet" um die leicht umbenannte Marke "Natur Gourmet" handelt, deren Produkte ich durchaus schon kenne. Nur das "e" und das Verpackungsdesign sind wirklich neu.

Die Schnitzel dieser Marke kannte ich aber so oder so noch nicht und stellte nach Lektüre der Verpackungen fest, dass beide Schnitzelarten (Zitronen Pfeffer Schnitzel und Schnitzel Frischkäse Spinat) als Hauptzutat Soja- und Weizenprotein enthielten. Die Produkte stammen aus der Schweiz, sind frei von Konservierungsstoffen und Geschmacksverstärkern und das Zitronen Pfeffer Schnitzel ist sogar vegan. Gekauft wurden die Schnitzel bei Globus, in einer Packung sind jeweils zwei Stück á 100 Gramm.


Das Anbraten ging gewohnt schnell von der Hand, wobei die gefüllten Schnitzel an ihrer Mittelnaht aufzubrechen drohten, es aber nicht taten. Schnell konnte man zum Geschmackstest schreiten, der überraschend positiv ausfiel: Beide Schnitzelarten schmeckten sehr angenehm, die Konsistenz war fleischähnlich. Das Zitronen Pfeffer Schnitzel hatte eine wahrnehmbare Zitronennote, das Frischkäseschnitzel war ebenfalls sehr angenehm gewürzt.


Fazit: Neben den selbstgemachten Schnitzeln aus Sojaplatten wohl die besten vegetarischen Schnitzel, die ich bislang probiert habe.

Sendeschluss: The Hidden Cameras - Gay Goth Scene

U.

Es gibt ja so einige musikalische Richtungen, aber das Genre "gay church folk music" wird meines Wissens nur durch eine einzige Band repräsentiert, The Hidden Cameras aus Kanada. Die Gruppe um Joel Gibb bringt 2014 ein neues Album heraus, vorab gibt es die aus Live-Konzerten bereits länger bekannte Single "Gay Goth Scene".

Das presigekrönte Video von Kai Stänicke zeigt besagten "gay goth", wie er in der Schule gehänselt und gequält wird, mit offenbar drastischem Ausgang. Nach dem Ende wird wohl jeder noch einmal den Anfang ansehen wollen, den man nun erst richtig begreifen kann.

Bin das nur ich, oder ist die Zugfahrszene eine Anspielung auf Bronski Beats berühmtes Video zu "Smalltown Boy"?

Neulich beim Konzertmarathon (6): Anna von Hausswolff in der Wiener Arena

U.

Wenn man in letzter Zeit Berichte beim Konzerttagebuch gelesen hat, ist man des Öfteren über den Namen Anna von Hausswolff gestolpert, ihr Album „Ceremony“ wurde auch bereits im August 2012 bei Platten vor Gericht vorgestellt. In Österreich erscheint es dagegen erst 2013, was wohl erklärt, warum ihr Konzert auf der Homepage des Veranstaltungsortes Arena als „Geheimtipp unter Eingeweihten“ bezeichnet wurde.

Als Geheimtipp unter Eingeweihten entpuppte sich dann aber erst einmal die Lage des Konzertsaals. Obwohl wir den auch nicht unbedingt selbsterklärenden Fußweg zwischen U-Bahn und Arena bereits von früheren Wien- und Konzertbesuchen kannten, standen wir nach unsere Ankunft vor der nicht trivialen Aufgabe, die konkrete Räumlichkeit auf dem dunklen, unübersichtlichen und unbeschilderten Gelände zu finden, das mehrere Konzert-Locations sowie Bars, Getränkestände sowie jede Menge düstere Nischen aufweist.


Nach erfolgloser Suche folgten wir einfach den einzigen Besuchern außer uns, die keine Lederjacken trugen, um nicht doch zu den norwegischen Rockern von Bloodlights zu gelangen, deren Konzert ebenfalls irgendwo auf dem Gelände stattfand und das wir wenig später auch gut hören konnten. Anna von Hausswolff konnten wir, nachdem wir endlich den richtigen Raum gefunden hatten, ebenfalls bereits singen hören – beim Soundcheck. Das Konzert sollte, wie wir nun per Aushang erfuhren, nämlich erst um 22 Uhr beginnen, also hieß es zunächst warten, während sich nach und nach etwa 100 Besucher um uns versammelten. Der Auftrittsraum war mittlerweile ebenfalls zugänglich gemacht worden und erwies sich als sehr heruntergekommen. Dabei hätte die „Kirchenmusik“ der Künstlerin einen ganz anderen räumlichen Rahmen verdient.


Irgendwann hatten wir dann genug gewartet, und die Künstlerin, die mit vollem Namen Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolff heißt, betrat im bodenlangen schwarzen Samtkleid und in Begleitung von vier männlichen Musikern, die sie im Laufe des Abends nach und nach vorstellte, die Bühne – es handelte sich um Karl Vento und Joel Fabiansson (jeweils Gitarren), Ulrik Ording (Schlagzeug) und Filip Leyman (Synthesizer). Zunächst begann Anna an der Orgel jedoch allein, „Epitaph of Theodor“ zu spielen, während die anderen Musiker erst nach und nach einsetzten.

Die ersten drei gespielten Titel entsprachen dann dem Beginn ihres Albums „Ceremony“, was auch bedeutete, dass es circa 10 Minuten dauerte, bis die erste Note gesungen wurde. Die Mitmusiker verharrten manchmal minutenlang, bis sie wieder einen Einsatz hatten, die gespielten Titel waren generell lauter und prog-rockiger als in ihren Album-Versionen. Hinter mir wurde angemerkt, das sei ja alles ganz schön, es wäre aber noch besser, wenn es zehnmal so schnell gespielt würde – aber dann wären wir wohl bei einem Speed Metal-Konzert gewesen...


Titel Nummer vier wurde auf der Setliste als „Noise“ bezeichnet und ließ sich später per Internetrecherche nicht weiter zuordnen. Danach folgte „Liturgy of light“, das mit gewaltigem Rasseleinsatz eingeleitet wurde und für das Anna von ihrer Sitzbank an der Keyboard-Orgel aufstand, um den Song im Stehen mit Akustikgitarre vorzutragen.

Anna selbst wirkte häufig in sich selbst und ihre Musik versunken, wobei man außer vielen blonden Haaren wenig von ihr sehen konnte – ein bisschen war es manchmal, als säße „Cousin It“ aus der Addams Family an der Orgel. Sie machte aber gelegentlich sehr liebenswürdige Zwischenansagen: Sie freue sich so, in Wien und hier zu sein, was bei ihr gar nicht phrasenhaft, sondern aufrichtig und nett klang. Auch für ihre Mitmusiker hatte sie viele freundliche Worte und berichtete, dass sie mit Carl schon seit 12 Jahren musiziere. Die beiden hatten zusammen ihre erste Band, aber nur drei Songs, die das Publikum irgendwann nicht mehr hören konnte – da ihnen keine weiteren einfielen, besiegelte dieses Problem das Ende des Projekts. Filip ist ebenfalls ein alter Bekannter, Produzent des Albums und Synthesizer-Guru. Die anderen Bandkollegen sind neu, aber genießen ebenfalls Annas Sympathie. Und auch den Soundmann erwähnte sie später noch gesondert als großartigen Kollegen.


Wenn Anna einmal nicht die Haare im Gesicht hatte, glühten die Fotoapparate in den ersten beiden Reihen. Hier hatten sich beinahe ausschließlich Männer eingefunden, die ihre zum Teil gewaltigen Kameraobjektive ohne Unterlass auf die hübsche blonde Schwedin richteten – sie wurde an dem Abend sicherlich einige tausend Mal fotografiert.

Das nun folgende Lied – auf der Setliste als „New song“ bezeichnet – ist noch titellos und wir wurden eingeladen, später am Merchandise-Stand auf Zetteln Titelvorschläge einzureichen.


Nach „Funeral for my future children“ verbeugte sich die Band und verließ die Bühne, kam aber mehr oder weniger sofort wieder zurück. Anna erklärte, es sei manchmal „awkward“ an einem neuen Ort aufzutreten, das sei heute aber gar nicht der Fall. Danach bekamen wir noch eine extrem lange Version von „Come wander with me“ (anscheinend eine Coverversion eines Songs aus der Serie Twilight Zone von Jeff Alexander und Antony Wilson) zu hören und wurden nach einem rund 75minütigen Konzert eingeladen, uns zu Gesprächen mit Anna und Band am Merchandise-Stand einzufinden.


Ich war als Begleitung bei dem Konzert, und nicht, weil ich selbst unbedingt hinwollte, und so überrascht es auch nicht, dass mich die Livedarbietung von Musik, die ich schon auf CD eher schwierig anzuhören finde, ebenfalls nicht überzeugen konnte. Wer wie ich keine Freundin des niemals endenden Instrumentalteils ist, ist bei einem Anna von Hausswolff-Konzert sicherlich falsch. Dennoch eine sehr sympathische Musikerin. Vielleicht macht sie ja eines Tages ein Popalbum und erweitert ihre Kate Bush-Anklänge, dann kann ich mich eventuell auch begeistern.

Mein Begleiter, halt, die Begleitung war ja ich, also: Der Hauptkonzertbesucher fand das Konzert übrigens sehr gut.


Setliste:

Epitaph of Theodor
Deathbed
Mountains crave
Noise
Liturgy of light
New song
Sova
Funeral for my future children

Come wander with me


Neulich beim Konzertmarathon (5): Editors im Wiener Gasometer

U.

Nach dem Besuch des klar auf kleinere Bands orientierten Waves Vienna Festivals zeichnete sich ein Konzert der etablierten Editors in einer großen Halle als zu erwartender Stilbruch ab. Allerdings sollte der Auftritt im Gasometer stattfinden, einem Komplex aus vier alten, runden, nun, Gasometern eben, die Anfang dieses Jahrtausends unter erheblichem Aufwand zu Wohnungen, einem Einkaufscenter, einem Stundentenwohnheim und eben einer Konzerthalle umgestaltet wurden. Von außen wirkt der Komplex ästhetisch sehr ansprechend, also waren wir gespannt auf das Innenleben.


Unsere Erwartungen hinsichtlich einer angenehm gestalteten, gleichermaßen antiken wie modernen Konzerthalle wurden allerdings erst einmal gründlich enttäuscht: Der Vorraum der gerade einmal 12 Jahre alten Halle wirkte weder altmodisch noch modern, sondern einfach nur düster, zusammengewürfelt und schäbig. Wir hatten viel Zeit, darüber nachzudenken, denn scheinbar waren alle Zugänge zum eigentlichen Konzertraum noch verschlossen, ein Ordner stand jeweils davor. Erst nach ziemlich langer Wartezeit fiel uns auf, dass der Einlass in Wirklichkeit längst begonnen hatte, man allerdings nur zwei Seiteneingänge zur Halle nutzen konnte - worauf allerdings keiner der Ordner hinwies und was bei weitem nicht jeder bemerkte. Immerhin kamen wir noch rechtzeitig vor dem Auftrittsbeginn der Vorband Balthazar in den Raum und konnten uns auch noch relativ weit vorne Stehplätze sichern. Die Halle an sich entpuppte sich als nichtssagendes schwarzes Oval, das eine sehr breite Bühne hat, so dass auch die weiter hinten stehenden Zuschauer nicht allzu weit weg vom Geschehen sind.


Bei Balthazar teilen sich Maarten Devoldere und Jinte Deprez den Gesang und das Gitarrenspiel. Simon Casier (Bass) und Patricia Vanneste, die Violine und Keyboards bedient, unterstützen sie gelegentlich gesanglich. Christophe Claeys vervollständigt das Quintett aus Gent am Schlagzeug.
In ihrer Heimat sind Balthazar mittlerweile weit mehr als ein Geheimtipp und auch im restlichen Europa erspielen sie sich mehr und mehr Fans. Sie sind bis November im Vorprogramm der Editors unterwegs auf dem europäischen Festland.


Zu ihrem Auftritt im Gasometer fällt mir dennoch nicht allzu viel ein. An der Musik gab es im Grunde nichts auszusetzen, aber packen konnte sie mich auch nicht. Beim Publikum kamen Balthazar allerdings durchaus gut an, und gerade der letzte Song "Blood like wine", in dem wieder und wieder die Zeile "raise your glass" wiederholt wird, führte zu Mitgesang und gehobenen Plastikbechern. Offensichtlich wurden auch neue Fans gewonnen, denn auf dem Weg zurück ins Hotel konnten wir bei anderen U-Bahn-Fahrgästen mehrere neu erstandenen Vinyl-Exemplare von „Rats“, ihrem zweiten Album, erblicken.


Zu begeistern war das Publikum also durchaus, vielleicht allzu leicht. In unserer Umgebung hatte sich beispielsweise eine Gruppe slowakischer Schüler eingefunden, die mit endloser Energie auf- und absprangen und "E-DII-TOORS" skandierten, während sie voneinander Handyfotos machten. Das war natürlich noch gar nichts im Vergleich zu ihrer Begeisterung, als Tom Smith & Co. tatsächlich die Bühne betraten und anfingen, "Sugar" zu spielen. Es wurde gehopst, getanzt, gefilmt, arhythmisch geklatscht, sich singend in den Armen gelegen, zwischendurch ge-Whatsapp-t ... Und ich fühlte mich mit einem Mal noch älter als sonst, weil ich doch einfach bloß zuhören und dabei ein bisschen auf- und abwippen wollte, ohne dass mir jemand ins Ohr brüllte, sang oder klatschte.


Die Band war übrigens komplett in Schwarz gekleidet. Es handelt sich um ihre erste Tour mit den beiden neuen Mitgliedern Justin Lockey und Elliott Williams. Der Schwerpunkt der Setliste lag mit 7 Titeln auf dem neuen Album „The Weight of your love“, alle anderen Platten wurden nahezu gleichrangig berücksichtigt und bunt durcheinander gewürfelt.

Auf der Bühne folgten "Someone says" und mit "Smokers outside the hospital doors" mein Lieblingslied der Band, aber es blieb schwierig, sich auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren. Dabei war dort oben auch nicht wenig los, denn Tom Smith (mittlerweile dankenswerterweise wieder ohne Zopf) schnitt Grimassen, verrenkte sich, erklomm gelegentlich sein Klavier und Lautsprecher und, äh, sang natürlich.


All das klingt jetzt viel negativer als es gemeint ist, denn an und für sich liefern Editors ein sehr gut gespieltes wie gesungenes Konzert ab, das eine beachtliche Hitdichte aufwies. Nur wurde man davon immer wieder abgelenkt, etwa, wenn sich ein vielleicht Sechzehnjähriger erst durch die Menge vor uns kämpfte und ein bisschen abrockte, sich anschließend in einem Begeisterungsanfall sein soeben frisch gekauftes Editors-Shirt vom Leib riss, es auf die Bühne warf und mit nacktem Oberkörper dastand - um dann eine Viertelstunde später bei der Security darum zu betteln, das Shirt zurück zu bekommen.


Der Band ist in diesem Kontext nur vorzuwerfen, dass sie die nervige Klatscherei, die auch so an den unpassendsten Stellen und in den absurdesten Rhythmen stattfand, mehrfach ermutigte. "The Phone Book" wurde immerhin von Tom Smith allein, nur in Begleitung des Gitarristen dargeboten, was so vergleichsweise wenig Mitsingmöglichkeiten bot, "Racing Rats" sang er vorm Klavier aus, dafür konnte man dann bei "Honesty" eine Art Fußballgesang hören.


Danach war vorläufig Schluss, doch natürlich gab es auch einen Zugabenteil, der sich in seiner Konzentration aufs dritte Album "In this light and on this evening" als sehr synthesizerlastig erwies. Nach "Bricks and Mortar" und "Nothing" hörten wir eine unglaublich lange Version von "Papillon", das sich neben der im Hauptteil gespielten aktuellen Single "A ton of love" beim Publikum als der Tophit des Abends erwies.

Ende Oktober/Anfang November folgen übrigens noch fünf Deutschland-Konzerte, davon sind Hamburg, Berlin und Wiesbaden ausverkauft, Tickets gibt es noch für Leipzig und Köln.


Setliste:

Sugar
Someone says
Smokers outside the hospital doors
Bones
Eat raw meat = blood drool
Two hearted spider
You don't know love
All sparks
Formaldehyde
A ton of love
Like treasure
An end has a start
Bullets
In this light and on this evening
The phone book (acoustic)
Munich
The racing rats
Honesty

Bricks and mortar
Nothing
Papillon

Neulich beim Konzertmarathon (4): Sin Fang, Kreisky und múm im Wiener Flex

U.

Nachdem auch der dritte und letzte Abend unseres Besuchs beim Waves Vienna-Festival im Flex stattfand, bleibt nun statt einer Clubvorstellung ein wenig Zeit, vom Festival an sich zu berichten. Ich zitiere zunächst einmal faul von der Wikipedia-Seite: Das Waves Vienna soll ...
insbesondere noch wenig bzw. eher regional bekannten Bands und Musikern die Möglichkeit bieten, ein größeres Publikum zu erreichen und über Genre- bzw. die jeweiligen Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden. Neben den Konzerten finden im Rahmen der Waves Vienna Music Conference Vorträge, Diskussionen und Workshops statt. Einen Schwerpunkt bildet unter dem Motto „East meets West“ die Einladung osteuropäischer Musikschaffender.
Das Festival, bei dem sich die Bandauftritte auf eine Vielzahl von Veranstaltungsorten verteilt, fand dieses Jahr zum dritten Mal statt, erstmalig konnte man 2013 per Shuttlebus auch Konzerte in Bratislava besuchen. Doch bei über 100 Bands in Wien auf 16 Bühnen (für 51 Euro) hatte man vor Ort auch so genug zu tun. Reichlich Informationen bekam jeder Besucher über ein mehr als 200 Seiten dickes Programmbuch. Da wir uns "unsere" Bands bereits vorab ausgesucht hatten, haben wir von den meisten der Veranstaltungsorte überhaupt nichts mitbekommen, was ein wenig schade ist. Andererseits ist es sicherlich befriedigender, sich einige Konzerte aufmerksam anzusehen und -zuhören, als rastlos von einer Bühne zur nächsten zu hetzen und dann doch nichts richtig mitzubekommen. Für Features wie eine stets im Kreis fahrende Straßenbahn, in der DJs auflegen, waren wir möglicherweise sowieso zu alt. Immerhin den "Red Bull Brandwagen", eine winzige Freilichtbühne in einem Minibus, haben wir im Vorbeigehen gesehen.


Gestern Abend war es eigentlich eher ein Vorbeilaufen, denn zwischen Kulturprogramm und Abendessen hatten wir uns zeitlich ein wenig verkalkuliert, so dass wir das Flex nun im Laufschritt ansteuerten, um den ersten Bandauftritt nicht zu verpassen. Tatsächlich stand bei unserem Eintreffen bereits ein einzelner junger Mann auf der Bühne hinter Laptop und Synthesizer und produzierte Eurodico-Sound. Hatte die Band also noch nicht begonnen? Oder hatte Sin Fang, der als Ersatz für The Electric Soft Parade erst verspätet ins Programm aufgenommen worden war, etwa auch abgesagt? Aber halt, an den tätowierten Armen konnten wir erkennen, dass es doch schon Sin Fang war!


Der junge Isländer bestritt seinen Auftritt tatsächlich allein. Wir schienen nur einen Teil des ersten Songs verpasst zu haben, nun folgten einige vom aktuellen, sehr poppigen Album "Flowers". Anders als bei seinem Auftritt in Wiesbaden, bei dem meine Versuche, die Setliste mitzuschreiben, durch nuschelige Zwischenansagen vereitelt wurden, kommunizierte Sindri Már Sigfússon dieses Mal vergleichsweise deutlich - auch wenn er für seine "Thank you"s häufig unter seinen Synthesizern verschwand.

Er spielte nicht nur Lieder von "Flowers", sondern auch von seinen anderen Veröffentlichungen "Summer Echoes" und aus dem als Sin Fang Bonus erschienenen "Clangou", sowie ""Walk With You" von der "Half Dreams" EP, zusätzlich noch die anscheinend unveröffentlichten "Clinger" und "Rosemary". Dennoch blieb er als einziger Künstler unter den für ihn angesetzten 45 Minuten. Zumeist war er eingehüllt in Nebel und drehte mit der rechten Hand an irgendwelchen Knöpfchen, während er ins Mikrofon sang, das er in der linken hielt.


Da ich einige Lieder nicht kannte und wir ja außerdem den Beginn verpasst hatten, ist es nur dem mutigen Einsatz meines Begleiters zu verdanken, dass wir doch noch eine vollständige Setliste bekommen haben, er fragte Sindri nämlich einfach später am Merchandise-Stand danach. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er auch, dass Sin Fang, wenn er das Vorprogramm bestreitet, stets allein anreist, anders lohnt sich das wohl finanziell nicht. Außerdem bestätigte Sindri die Vermutung, dass wir ihn beim späteren Auftritt seiner Tourneepartner und Landsleute múm noch einmal wiedersehen würden.


Setliste:

Clangour and Flutes
Clinger
Young Boys
What's Wrong With Your Eyes
Look At The Light
Walk With You
Rosemary


Nach Sin Fangs Auftritt, der recht gut besucht gewesen war, leerte sich der Saal beinahe vollständig, was mich bezüglich der nun folgenden und uns gänzlich unbekannten Band Kreisky Schlimmes ahnen ließ. Laut Programmheft erwartete uns krachiger Rock aus Österreich in deutscher Sprache und mit guten Texten. Das dann tatsächlich von der Band Gebotene war in jedem Fall tatsächlich sehr laut.

Zu sagen gäbe es dazu auch so einiges, zum Beispiel erklärte Sänger Franz Wenzl durchaus korrekt, dass man sich ein Festivalpublikum stets neu erspielen müsste und gab fortan sein bestes, um das zu Konzertbeginn doch noch zahlreich erschienene Publikum zu überzeugen. Lediglich in der ersten Reihe hatten sich ein paar Kreisky-T-Shirt-Träger eingefunden, die dann bei einigen Gelegenheiten mitsingen durften - zuletzt beim Brüllen eines häufig wiederholten "Dann gehen wir auch!". Jeder Song wurde als super und ihr größter Hit angekündigt. An einer Stelle erklärte Wenzl, bei einer derartigen Hitdichte müsse man sich "anschiffen", um dann hinzufügen, dass das für das internationale Festivalpublikum schwer zu übersetzen sei.


Die Lieder an sich richteten sich recht zielstrebig an ein Publikum von österreichischen Rockfans und Sprechgesang im Stil von Mark E. Smith. Nachdem ich keines von beiden bin, könnte ich folgerichtig wenig damit anfangen, muss aber zugeben, dass der Auftritt beim Publikum generell sehr gut ankam - es wurden sogar zwei Lieder als Zugaben gespielt - und auch zahlreiche Plattenkäufe auslöste. Immerhin mit einem Lied, "Wildnis", konnten Kreisky auch mich zum Schmunzeln bringen, darin hieß es: "Der Mensch gehört nicht in die Wildnis / Das ist wider die Natur / Der Mensch gehört in eine Wohnung / Auf eine Sofagarnitur".

Zu erwähnen wäre auch noch die Erzählung Wenzls, er habe am Bahnhof in einer Musikzeitschrift eine Liste der "Top 111 deutschsprachigen Songs" gefunden, dann bescheiden erst bei Platz 6 mit der Lektüre begonnen, aber enttäuscht feststellen müssen, dass seine Band überhaupt nicht dabei war. Dem Publikum wurde nun ein Boykott sämtlicher Musikzeitschriften ans Herz gelegt.


Ansonsten war ich eher erleichtert, als das Strobo- und Krachfeuerwerk damit ein Ende fand, dass, während Gitarrist und Bassist noch die letzten Rückkopplungen erzeugten, der Sänger, der zunächst noch mit dem Mikrophon durchs Publikum marschierte und Zuschauer mitsingen ließ, zum Merchandise-Stand ging, in aller Ruhe T-Shirts und CDs auspackte und mit dem Verkauf von LPs begann.


Setliste:

Alpen
Bitte Bitte
Vandalen
Körper an Körper
Selbe Stadt, anderer Planet
Wildnis
Asthma
Dow Jones

Pipelines
Die Menschen sind schlecht


Nach diesem Stilbruch ging es musikalisch zurück nach Island. Das Publikum verdichtete sich erheblich, und um uns herum entdeckte ich auffällig viele junge Leute mit "Artist"-Anhängern - múm sind bei ihren Musikerkollegen offensichtlich sehr beliebt. Auch Thom Luz von My Heart Belongs To Cecilia Winter, die wir am Vorabend an gleicher Stelle hatten sehen können, fand sich als Zuschauer ein.

Das Konzert der isländischen Band begann höchst dramatisch, indem Schlagzeuger Samuli langsam einen leuchtenden Eimer auf die Bühne trug, schließlich neben dem Schlagzeug abstellte und Klänge erzeugte, in dem er eine Art silbernen Teller darin wusch. Nach und nach kamen auch die anderen Mitglieder der Band auf die Bühne.


Überhaupt machte der Auftritt auch später vielfach einen theatralischen Eindruck. Einen gewissen Kontrast dazu bildeten die trocken-nüchternen Zwischenansagen von Gunnar Örn Tynes, der etwa nach dem ersten Lied "Sveitin milli sanda" lapidar feststellte: "This was our first song. We will now play our second song." Es folgte nach "Slow Down" die angekündigte Bühnen-Rückkehr von Sin Fang, der zu "The Colourful Stabwound" Synthesizer spielte.

Im Mittelpunkt standen die beiden Sängerinnen Silla, die in ein Kleid gehüllt war, das an die Gemälde von Klimt denken ließ, die wir zuvor im Museum gesehen hatten, sowie Gyða Valtýsdóttir, die mittlerweile zu múm zurückgekehrt ist, und an diesem Abend barfuß auftrat und ein dünnes, bauchfreies Oberteil und einen zerfransten Rock aus gleichem Material trug.


Bei "The ballad of the broken birdy record" wurden wir Zeugen eines sehr seltsamen "Tanzes" von Gyðam der wirkte, als breche sie sich selbst wieder und wieder das Genick, um dann zu Boden zu fallen - das sah ziemlich schmerzhaft aus. Bereits vorher hatte sie mit ihrem überlangen Rock, der aus einem umgehängten Bettlaken zu bestehen schien, eine Art Bandgymnastik veranstaltet. Erinnerungen an die kuriose Bühnenshow von CocoRosie wurden wach.

Wie zu erwarten, kam bei múm eine Fülle von Musikinstrumenten zum Einsatz: Die beiden Sängerinnen betätigten sich an der Melodika (bei unserem Waves Vienna-Besuch eine Art Standardinstrument), einer viereckigen Gitarre, zahlreichen Glöckchen und einem Kontrabass ohne Corpus. Dazu sahen und hörten wir mehrere Gitarren, Synthesizer und eine Mini-Mandoline.


Vor "One Smile" meldete sich Gunnar nochmals zu Wort und erklärte, dieser Auftritt sei der letzte von múms aktueller Tournee: "We will now crawl back into our cave and not come out for many years!". Besonderen Dank wollte die Band ihrem Fahrer Terry entgegenbringen, dem deshalb auch gleich der nächste Song gewidmet wurde. Vor dem letzten Lied "Now there is that fear again" wurde auch dem Soundmann und dem Helfer vom Merchandise-Stand explizit gedankt. Nach dem Lied folgte noch eine gemeinsame Verbeugung, dann war, trotz lauter "Zugabe"-Rufe, Schluss - was auch in Ordnung war, die Band hatte die ihr zugedachten 60 Minuten komplett aufgebraucht und im Vergleich zu regulären eigenen Konzerten die Setliste um 5 Songs reduziert.

Damit war gegen kurz nach Mitternacht auch unser erster Besuch beim Waves Vienna beendet und wir konnten im Hotelzimmer feierlich unsere Bändchen durchschneiden. Ich halte das Konzept des Festivals ohne Festivalgelände für sehr gelungen, die 45-Minuten-Auftritte ermöglichten es außerdem, in kurzer Zeit viele Bands kennenzulernen. Damit, dass man mehr noch als bei einem regulären Festival stets nur Bruchstücke des Line-ups sehen kann, muss man sich als Besucher eben abfinden.


Setliste:

Sveitin milli sanda
Slow down
The Colourful Stabwound (zusammen mit Sin Fang)
A little Bit, sometimes
Green Grass of tunnel
The ballad of the broken birdy records
Toothwheels
One Smile
Now there's that fear again

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