Frankfurt Vegetarisch (12): Kleine Anna

U.
Bei der Kleinen Anna auf der Mainzer Landstraße gibt es an und für sich nichts Besonderes zu kaufen, nämlich das typisch deutsche belegte Brot. Ungewöhnlich sind dagegen die zahlreichen Aufstriche, die man sich für seine Klapptstulle aussuchen kann: An einer Tafel an der Wand stehen an die 20 verschiedene Kombinationen, von denen etwa die Hälfte vegetarisch ist. Man wählt entweder ein halbes oder ein ganzes Brot (wobei das "halbe" Brot eine ganze, getoastete, über dem Belag zusammengeklappte Scheibe darstellt, das "ganze" sind also eigentlich zwei Scheiben) zum Preis von 3 beziehungsweise 5 Euro 50.


Bei meinem ersten Besuch vor Ort wählte ich als Brotbelag Ziegenkäsetaler auf gebratenen roten Zwiebeln (unaufgefordert wurden auch Rucolablätter und Walnüsse zugefügt) und war von meinem Mittagessen so angetan, dass ich bereits mehrmals in das kleine Ecklokal zurückgekehrt bin. Jede von mir gewählte Brotkombination (einmal hatte ich Kichererbsen mit Schafskäse und ein anderes Mal irgendetwas mit Auberginenpaste) erwies sich als originell und exzellent. Alternativ könnte man sich auch einen Salat oder - seltener im Angebot - eine Suppe aussuchen, zusätzlich gibt es häufig Kuchen und Kaffeespezialitäten.

Der Laden ist bei den Angestellten der zahlreichen Büros in der Bahnhofs- und Messegegend ausgesprochen beliebt und dabei innen nicht sonderlich groß, so dass man teils etwas warten muss, bis man bedient wird, und auch nicht immer ein Stehtischchen findet, umd das Gekaufte sofort zu verzehren. Bei gutem Wetter entschärfen Freitische mit Bierbänken diese Situation etwas, ich habe mir aber sowieso angewöhnt, die Kleine Anna nur aufzusuchen, wenn ich spät Mittagspause mache, denn dann geht es dort deutlich ruhiger zu.


Zu erwähnen wäre noch die wirklich bemerkenswerte Freundlichkeit der Betreiberinnen, die nie eine gehetzten oder genervten Eindruck machen, aber auch keine typische, antrainierte "Service-Freundlichkeit" an den Tag legen - sie wirken einfach nur kontinuierlich nett und engagiert.

Die Kleine Anna befindet sich an der Mainzer Landstraße 111 / Ecke Ludwigstraße.

Neulich als der Vorhang fiel: Sigur Rós in der Frankfurter Jahrhunderthalle

U.

Was ist das nur dieses Jahr? Ich, die es eigentlich gar nicht mag, dieselbe Band mehrfach auf derselben Tournee zu sehen, scheine dieses Jahr kaum etwas anderes zu tun: Nach CocoRosie, Enno Bunger und Editors sah ich gestern nun auch Sigur Rós ein zweites Mal. Als wir uns entschlossen, im Sommer nach Rom zu fahren und ein Konzert der Isländer zu besuchen, waren die Tickets für Frankfurt nämlich bereits gekauft gewesen.


Anders als in Rom gab es  für den Auftritt in Frankfurt eine Vorband, I Break Horses aus Schweden. Von Christoph, der die Bands bereits am Vorabend in Luxemburg gesehen hatte, wussten wir schon, dass der bereits für den Auftritt der Hauptband zwischen Bühne und Zuschauerraum angebrachte durchsichtige Vorhang erst bei deren drittem Song fallen würde, und so kam es dann auch: I Break Horses blieben für ihr kurzes Set also komplett hinter dem Stofftuch und waren so teils nur als Umrisse wahrnehmbar. Man konnte aber auch so sehen, dass die Band aus einer Keyboard spielenden Sängerin, einem weiteren Keyboarder und einem Schlagzeuger bestand. Während die Sängerin ein gewagtes schwarzes Cape trug, das sie auch mehrfach mit gehobenen Armen präsentierte, trugen die Herren Kapuzenpulli.


Die Musik erschien mir passend zum Cape etwas Addams-Family-mäßig düster, wobei sich angesichts der Kürze des Auftritts (fünf Songs in etwa 25 Minuten) von mir nicht allzu viel dazu sagen lässt. Die theatralischen Gesten der Sängerin fand nicht nur ich ein wenig albern (neben mir wurde gekichert), so dass ich insgesamt sagen muss: I Break Horses interessieren mich nicht sonderlich, so dass ich mir das im Januar erscheinende neue Album "Chiaroscuro" wohl nicht anhören werde.

In der nun folgenden Umbauspause lief eine für mich enervierende "Wartemusik", die ich bereits aus Rom kannte und die aus genau zwei langgezogenen, an- und abschwellenden Noten bestand. Zum Glück kamen Sigur Rós dann gegen 21 Uhr auf die Bühne und erlösten uns mit "Yfirborð". Neben den drei verbleibenden Bandmitgliedern hatte sich auch zwei zusätzliche Musiker, die sich an einer Vielzahl von Instrumenten betätigten, eingefunden, außerdem gab es noch drei Streicherinnen und drei Bläserinnen und Bläser im Hintergrund, die ich allerdings im Nebel hinterm Vorhang zunächst kaum ausmachen konnte.


Die dreiköpfige Sigur Rós-Stammbesetzung selbst - Jón Þór „Jónsi“ Birgisson, Georg „Goggi“ Hólm (Bass) und Orri Páll Dýrason (Schlagzeug) - trug einmal mehr Phantasieuniformen, dieses Mal in Hemdform, wobei die Bekleidungsstücke einander zwar stark ähnelten, aber unterschiedliche Farben hatten. Die Bühne wurde wie schon in Rom von einem Meer aus Glühbirnen beleuchtet, die an unterschiedlich hohen Stehfassungen befestigt waren.


Während bei "Yfirborð" Projektionen sowohl auf den Bühnenvorhang als auch auf die in der Höhe verstellbare Leinwand im Hintergrund geworfen worden waren, zeigte beim nun folgenden "Vaka" nur der Vorhang eine Gasmaskenfigur aus dem zugehörigen Video. Nachdem wir über die Vorhangsituation ja wie gesagt bereits bestens informiert worden waren, waren wir nicht sonderlich überrascht, als bei der Single "Brennisteinn" die Sicht auf die Band endlich frei wurde, allerdings erfolgte der Fall des Schleiers perfekt abgestimmt bei einem "Krach" im Lied, was durchaus beeindruckend war.


Die mitgebrachten Extramusiker betätigten sich immer wieder an den verschiedensten Instrumenten, beispielsweise war einer bei "Hrafntinna" an einem Extraschlagzeug auf der linken Bühnenseite mit scheppernden Klängen beschäftigt, während der andere rechts die Becken zusammen schlug. Auch die Streicher- und Bläserinnen hatten mehrere Aufgaben und sangen so auch am Ende von "Varúð" mit.


"Hoppipolla"s Anfang wurde vom Publikum besonders bejubelt, überhaupt war das Album "Takk" - abgesehen natürlich vom aktuellen "Kveikur" - mit den meisten Songs vertreten, "Ágætis byrjun" wurde leider gar nicht berücksichtigt. Mit einer Art Winkegeste forderte der ansonsten selbst für seine eigenen Verhältnisse wortkarge Jónsi das Publikum zum Mitklatschen auf. Währenddessen sprühten auf der Leinwand im Hintergrund Funken.


Nachdem "Kveikur" sich am Ende in eine Krachorgie gesteigert hatte, verließen die anderen Musiker die Bühne und ließen Jónsi zurück, der nun zunächst mit dem Geigenboggen auf seiner Gitarre schrammelte, um dann "Festival" zunächst allein an der Gitarre vorzutragen. Eine auch in der aufgenommenen Version lange Note hielt er live geradezu endlos, was ihm von der anschließend zurückkehrenden Band ein anerkennendes Schulterklopfen einbrachte.


Irritierenderweise entpuppte sich der nun folgende Song als "Popplagið" - das Lied, das traditionell jedes Sigur Rós-Konzert abschließt. Sollte das etwa bedeuten, dass es keine Zugabe geben würde? In der Tat, das hieß es. Nach diesem Lied und rund 90 Minuten kamen alle Musiker noch mehrmals zum Verbeugen zurück, während auf der Leinwand groß "Takk" stand, aber dann war überraschenderweise Schluss.


Nachdem ich mich im Songmaterial von Sigur Rós nur oberflächlich auskenne und auf Isländisch auch keine Textfetzen mitschreiben kann, konnte ich die Frankfurter Setliste erst hinterher per Internet recherchieren. Sie entpuppte sich im Nachhinein als nahezu identisch zu der des Vorabends in Luxemburg, lediglich der Titelsong von "Ágætis byrjun", zu dem Jónsi laut Konzertbericht am Vorabend gesagt hatte, man werde es wahrscheinlich nicht wieder spielen, fehlte tatsächlich. An und für sich bin ich auch gar kein riesiger Fan von Zugaben (beziehungsweise von der Tatsache, dass der ganze Prozess stets so stereotyp abläuft, wenn sie doch fest eingeplant sind), aber in diesem Fall kam das Ende dann doch ein wenig überraschend.

Im Vergleich zum Rom-Auftritt im Sommer fehlten im Frankfurter Set leider auch "Olsen Olsen" und "Svefn-g-englar", was in diesem Fall leider bedeutete, dass der zweite Konzertbesuch des Jahres gegenüber dem ersten eher eine Verschlechterung war.



Setliste:

Yfirborð
Vaka
Brennisteinn
Glósóli
Stormur
Hrafntinna
Sæglópur
Varúð
Hoppípolla
Með Blóðnasir
Rafstraumur
Kveikur
Festival
Popplagið

Sendeschluss: Bob Dylan - Like A Rolling Stone

U.
Cartoon Network

Bob Dylan? Like A Rolling Stone? Das soll ein aktuelles Video sein?

Ja, und zwar ein ganz tolles! Hier (lässt sich leider nicht einbinden) kann man sich ganz wie abends daheim verhalten und sich ganz nach Belieben durch ein auswahlreiches Fernsehprogramm zappen. Das Besondere: Egal, ob man die Nachrichten, Der Preis ist heiß, Tennis, eine Kochsendung, Teleshopping oder eine romantische Komödie schaut, formen die Darsteller mit ihren Lippen den Text des Songs. Und manchmal scheint er sogar ganz hervorragend zum dargestellten Moment zu passen. Das Ganze lässt sich natürlich beliebig oft wiederholen, damit man mehr von den einzelnen Programmen mitbekommt.

Anlass für den interaktiven Spaß ist übrigens die Neuveröffentlichung von Dylans 41 Alben.

Bob himself auf dem Musikkanal

History Network

Der Bachelor

Ein Modekanal

Fleischeslust: Quorn

U.

Das Fleischersatzprodukt Quorn ist eigentlich keineswegs eine neue Erfindung. Ich erinnere mich nämlich, mir Mitte der 90er Jahre beim Auslandsstudium in England eine Quorn-Fertiglasagne gekauft zu haben - damals hatte ich zwar noch keine vegetarischen Ambitionen, aber ich mochte Sonderangebote. Soweit ich weiß, schmeckte das Fertigprodukt ganz gut, was mich dazu brachte, einige Jahre später nachzuforschen, warum es den seltsam benannten Hackfleischersatz eigentlich nicht in Deutschland gibt. Die Antwort: Damals war das Produkt bei uns nicht als Lebensmittel zugelassen.

Anbraten: ein Zubereitungsschritt, den man sich bei Quorn getrost sparen kann.
Erst 2012 hat sich diese Situation - von mir unbemerkt - geändert, so dass ich kürzlich davon überrascht wurde, dass Rewe nun plötzlich mehrere Quorn-Produkte im Kühlregal anbietet. Da ich mittlerweile weiß, dass Quorn aus fermentierten Schimmelpilzkulturen besteht, war meine Begeisterung eher mittelmäßig. Klar, ich esse Pilze und auch Schimmelkäse. Aber Schimmel als Fleischersatz? Auf der Packung stand in großen, freundlichen Buchstaben "Probieren und Geld zurück!", also wanderte dann letztendlich doch eine Packung Quorn "Geschnetzeltes" in den Einkaufswagen. Man kann es ja noch einmal probieren.

Zwiebeln und Paprika kamen mit diesem Konzept besser zurecht.
Nun musste ich mir noch überlegen, wie die bleichen Würfel zubereitet werden sollten, und entschied mich für eine Variante dieses Rezepts. Als ich bereits mittendrin war, die Würfel anzubraten, las ich zum ersten Mal die Zubereitungsanweisungen auf der Quorn-Packung und stellte dabei fest, dass anbraten eigentlich nicht vorgesehen zu sein schien: Der Anleitung nach soll man sein Gericht erst fertig kochen und die Würfel zuletzt 12 Minuten in der Sauce erhitzen. Nun, zu spät!

Bei mir wurden die angebratenen Würfel dann letztlich wieder zum fertigen Gericht (das im wesentlichen aus Zwiebeln, Paprika und Sojasahne bestand) gegeben, in dem ich sie dann noch ein bisschen durcherhitzte. Dann gab es Essen.

Jetzt ist das Quorn in seinem Element und kann im fertigen Gericht ein wenig Geschmack und Wärme annehmen.
Von der Konsistenz her waren die Quorn-Würfel super, man muss sich allerdings bewusst sein, dass das Produkt von Haus aus komplett geschmacklos ist. Während das bei Huhn nicht anders ist, nehmen die Quornwürfel beim Anbraten zwar keinen Schaden, aber auch nicht, wie ich erwartet hatte, Geschmack an. Folglich werde ich bei meinem nächsten Versuch den Verpackungshinweis ernst nehmen und Quorn in einer stark gewürzten Sauce zubereiten. Indisch könnte ich mir dazu ganz gut vorstellen.
Ganz gut, geht aber sicher besser.

Neulich im Kaffeehaus (9): Café Westend

U.

Unser Besuch im Café Westend war eine Zufallsentscheidung. Wir waren der Mariahilfer Straße bis an ihr Ende am Westbahnhof gefolgt, nun schien eine kurze Pause angebracht. Ein Blick von außen durchs Fenster offenbarte die traditionelle, großzügige Kaffeehauseinrichtung und niedliche Sitznischen an den Fenstern.

Von innen wirkte alles schon ein wenig anders: Hohe Decken und Kronleuchter zeugten eher von ehemaliger Pracht, in Bodennähe sah aber alles sehr unaufgeräumt aus. An den Wänden hingen seltsam zusammen gewürfelte Bilder, das ehemalige Parkett war durch jahrelange Vernachlässigung zum Dielenboden geworden. Ein zentral aufgestellter Servierwagen diente offenbar dazu, ein riesiges Loch zu tarnen. Die von außen so gemütlich wirkende Fensternische war aus der Nähe zerschlissen und unbequem.


Irritierenderweise bekamen alle Gäste auf ihren Tisch ein Körbchen mit einem seltsamen Allerlei, bestehend aus mehreren großen Dauerbrezeln, einem Croissant, einer Cabanossi, Erdnüssen und einigem mehr hingestellt. Ziel war dabei offensichtlich, dass ahnungslose Touristen die Sachen als Geschenk des Hauses verstehen und essen, während sie natürlich in Wirklichkeit Geld kosteten. Die meisten Gäste hatten aber natürlich kein Interesse an dem Sammelsurium, und so musste man sich auch fragen, durch wie viele Hände die unverpackten Brezeln und Croissants wohl bereits gegangen waren. An unserem Nachbartisch etwa bot eine Mutter das Croissant ihrem Kleinkind an, dieses wollte es nicht - also wanderte es angefasst zurück in den Korb.


Auch sonst hat man sich im Café Westend allem Augenschein nach auf absichtliche Missverständnisse spezialisiert: Bei unserer Bestellung - wir nahmen nur Kaffee - fragte der Kellner, ob wir Mineralwasser dazu wollten - sicher mit der Absicht, den unerfahrenen Wienbesucher zu verwirren, denn Wasser gibt es in Österreich ja immer und überall kostenlos zum Kaffee, MINERALwasser kostet aber natürlich extra. Auf meinem Weg zur Toilette kam ich zusätzlich an einem Aushang vorbei, der das Servierpersonal aufforderte, alle servierten Speisen mit Ketchup- und Mayonnaisetütchen auszustatten und die Kunden darauf hinzuweisen, dass diese extra berechnet werden.

Es erscheint nur konsequent, dass unser Kaffee, den wir nach Umschiffung sämtlicher Ryanair-Verkaufsstrategien erhielten, qualitativ auch nicht sonderlich gut war. Im Gegensatz zu allen anderen von uns besuchten Wiener Kaffeehäusern konnte das Westend auch nicht mit WLAN aufwarten.

Fazit: Wer auf Kuriositäten steht, findet sie hier reichlich (die Herrentoilette und der Weg dorthin scheinen zusätzlich ein Abenteuer darzustellen), ansonsten spricht aber absolut nichts für einen Besuch im Café Westend.








Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck

U.
In England nennt man die sonnenlichtentzugsbedingte Winterdepression passenderweise S.A.D. (Seasonal affective disorder). Ob Elmo daran leidet, ist nicht bekannt, aber in letzter Zeit sitzt sie abends ausgesprochen gerne unter der Wandlampe und lässt sich die Kunstsonne auf den Pelz scheinen. Oder ob's der Weißheit ihres Fells dienen soll?




Sendeschluss: Wilkinson - Afterglow

U.

Ich kann nicht behaupten, die Band - oder wohl besser gesagt den Musikproduzenten - Wilkinson sonderlich gut zu kennen. Ich weiß auch erst seit heute, dass es "Afterglow" in den UK Singles Charts auf Platz 8 geschafft hat. Das Video zu dem Song ist aber in jedem Fall unterhaltsam und sehenswert. Es zeigt viele phantasievolle, irrwitzige und zweifellos ausgedachte Statistikwerte zu einer zehnjährigen Beziehung.

Traurige Liebeslieder und was sie auslösen: Enno Bunger im Frankfurter Mousonturm

U.

Letzte Woche noch rügte ich Christoph auf Facebook dafür, dass er scherzhaft beim The National-Konzert ein Gemetzel an den anderen Konzertbesuchern ersehnte, vorgestern war ich dann selbst so weit. Dass das Publikum beim Enno Bunger-Konzert im Mousonturm zu 75 % weiblich war, überraschte zunächst nur, aber störte selbstverständlich nicht. Dass viele der altersmäßig breit gestreuten Besucherinnen unter hormoneller Unausgeglichenheit zu leiden schienen, muss man beim Konzert eines Dichters trauriger Liebeslieder wohl akzeptieren, da werden eben Retterinneninstinkte wach. Dass die alleraufgeregteste Konzertbesucherin direkt vor uns, also quasi zwischen uns und Enno saß, war dann aber schon extrem störend. Es ist einfach unheimlich schwer, der eher ruhigen Musik zuzuhören, wenn vor einem im Sitzen abgetanzt, headgebangt und Luftklavier gespielt wird, und wenn jeder einzelne Applaus mit einem extralauten "WUHUU!" eingeleitet und die kleinste Bemerkung des Idols mit einem demonstrativen Lacher bedacht wird. Herrje, das war wirklich schwer zu ertragen.


Aber beginnen wir am Anfang, denn Enno war dieses Mal nicht allein gekommen. Seine Vor- und spätere Begleitband waren Woods of Birnam. Wem dieser Name bekannt vorkommt, der hat wahrscheinlich Macbeth gelesen. Dieser bekommt in Shakespeares Drama von den Hexen prophezeit, er könne nur besiegt werden, wenn der Wald von Birnam sich auf sein Schloss zubewegt. Macbeth hält das für unmöglich, aber sein Bezwinger Macduff tarnt einfach seine Soldaten mit Laub und Ästen aus dem Wald.

Der Theaterkontext ist wohl bei der Band kein Zufall, ihr Sänger ist nämlich der nicht unbekannte Schauspieler Christian Friedel ("Das weiße Band"), die restlichen Musiker sind von Polarkreis 18 (deren eigentlicher Sänger Felix Räuber ja dieses Jahr allein mit Maximilian Hecker unterwegs war). Die Band hat bislang ein Konzept-Minialbum zu Hamlet (irgendwer mag hier definitiv Shakespeare), mit dem sie aktuell am Schauspiel Dresden auftritt, und eine EP ("The Healer") veröffentlicht, ein richtiges Album kommt 2014.


In Frankfurt trat die Band, die eigentlich ein Quintett ist, nur zu dritt auf, mit Sänger Christian am Keyboard, Philipp Makolies an der Gitarre und Uwe Pasora am Bass. Normalerweise enthält das Lineup zusätzlich noch Ludwig Bauer am Keyboard und Christian Grochau als Schlagzeuger.

Wie das meiner Erfahrung nach immer der Fall ist, profitierte die Band vom bestuhlten Saal: Die Leute saßen bereits auf ihren Plätzen und waren somit eher bereit, etwas Unbekanntem zuzuhören. Ich fand den sehr wechselhaften, teils unheimlich hohen, dann auch wieder "normalen" Gesang zunächst gewöhnungsbedürftig, aber mit den letzten beiden Songs, insbesondere dem sehr starken "I'll call thee Hamlet" konnten mich Woods of Birnam dann doch noch packen. Speziell das "Hamlet"-Album muss ich mir definitiv einmal anhören - was nun geht, da mein Freund nach dem Konzert noch beide Tonträger der Band erwarb.


Setliste:

Daylight
The Healer
Greenwood Tree
Remembrance
Dance
I’ll Call Thee Hamlet
Soon


Nach einer halben Stunde verabschiedete sich die Band kurz und kehrte dann mit Enno Bunger, der nun den zentralen Platz am Keyboard einnahm, zurück. Dazu kam noch ein am Set der Vorband nicht beteiligter Schlagzeuger. Nun nahm auch das Hormonunheil (siehe Eingangsabsatz) seinen Lauf. Enno begann sein Set zunächst allein mit "Abspann" und spielte auch im Folgenden hauptsächlich Lieder von seinem aktuellen Album "Wir sind vorbei". Den Witz, dass er es ursprünglich "Enno Sunshine When She's Gone" nennen wollte, kannten wir bereits von einem früheren Konzert in Offenbach, hätten aber sicher dennoch geschmunzelt, wenn man sich direkt vor uns nicht so demonstrativ vor Lachen ausgeschüttet hätte.


Enno erzählte im Folgenden, dass es es sehr genieße, mit Band auf Tournee zu sein, und dass die Band vor zwei Abenden mit Woodkid saufen gewesen sei (Beweisbild hier). Auch von seinem neuen Tourneeveranstalter zeigte er sich begeistert, allerdings sei in diesem November laut diesem "jeder, der eine Gitarre halten kann" auf Tournee, weshalb viele Hallen ausgebucht seien und man deshalb die Termine in einer geographisch unsinnigen Reihenfolge abfahren müsse (Bielefeld, Dresden, Frankfurt, Berlin ...). Offensichtlich haben die Herren auf den langen Busfahrten aber viel Spaß miteinander.

Überhaupt sprach Enno dieses Mal wieder viel, was die extrem traurige Stimmung der Songs vom zweiten Album ein wenig ausglich. Manche Geschichten kannten wir bereits ("Freundschaft" ist beliebt bei kleinen Mädchen, die Youtubevideos für ihre beste Freundin machen, außerdem konnte er mit dem Lied schon einen Metalfan rühren), andere waren uns neu (Enno wurde auf der Straße angesprochen und gefragt, ob er Thom York sei, worauf er behauptete, Peter Fox zu sein, und den Fragenden in dessen Namen Autogramme gab).


Als Enno ankündigte, er wolle nun ein paar Songs aus dem ersten Album spielen, sagte er, wer diese nicht hören wolle, könne einfach so lange eine rauchen gehen - worauf seine Begleitband komplett die Bühne verließ und das Publikum gefragt wurde, was man denn hören wolle. Am häufigsten wurden "Wahre Freundschaft" und "Pass auf dich auf" gewünscht, die Enno dann allein vortrug. Zu "Pass auf dich auf" erklärte er noch, dass es ihm minimale GEMA-Einnahmen beschere, denn es werde gerne bei Fernsehformaten wie "Mitten im Leben" verwendet. Der Song sei durch Inas Nacht bekannt geworden, wobei bei der Probe Ina noch schön und leise mitgesungen habe, das habe sich jedoch während der Aufzeichnung und ihrem Konsum etlicher Schnäpse in ein unangenehmes Mitgegröle verwandelt.


Auf der Setliste, die wir später sahen, war übrigens nur vermerkt gewesen, dass Enno an dieser Stelle ein bis zwei Lieder allein spielt, folglich war die Bitte um Zuschauerwünsche eine ernst gemeinte - während des Konzertes hatten wir ein wenig daran gezweifelt. Im Anschluss spielte der Sänger ein neues Lied, das als Refrain "Das Licht am Ende des Tunnels ist kaputt" hatte. Man kann also wohl davon ausgehen, dass Album Nummer drei in textlicher Hinsicht keine Kehrtwende Richtung Optimismus beinhalten wird. In der Ankündigung des Songs erklärte Enno, dass ihn Radiohören beim Autofahren stets superwütend mache, weil überall dieselben drei Lieder laufen, zurzeit wohl hauptsächlich "An Tagen wie diesen" von den Toten Hosen. Diese hätten ein astreines Liedkonzept, in dem man bei jedem Refrain "Wohoo!" mitgrölen könne, was er uns an einigen Beispielen demonstrierte.


Nach anschließenden Rückkehr der Band hörten wir zunächst eine rockige ("Ennowar"-)Version von "Die Flucht". Nach "Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung" und "Herzschlag" war dann erst einmal Schluss, wobei das Publikum nicht lange um eine Zugabe betteln musste.

Es folgten noch zwei Lieder, zuerst ein weiteres neues, das zur allgemeinen Überraschung auf Englisch war. Als Refrain machte ich "This won't break me" bzw. "You won't break me" aus, auf der Setliste war jedoch nur "You" vermerkt. Den Abschluss bildete mit "Regen" wieder ein Lied von "Wir sind vorbei", dann trat die nach all den traurigen Texten immer noch gut gelaunte Band gemeinsam an den Bühnenrand und verbeugte sich.

Enno Bunger mit Bandbegleitung zu sehen, war - von den Störfaktoren abgesehen - ein sehr schönes Erlebnis, das seine sowieso guten Songs noch einmal spannender und abwechslungsreicher wirken ließ.


Setliste:

Abspann (solo)
Leeres Boot
Roter Faden
Astronaut
Präludium
Blockaden
Euphorie
Wahre Freundschaft (solo)
Pass auf dich auf (solo)
Am Ende des Tunnels (solo)
Die Flucht
Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung
Herzschlag

You
Regen

Neulich im Kaffeehaus (8): Café Drechsler

U.

In direkter Nachbarschaft des Naschmarktes befindet sich das Café Drechsler, das zwar bereits 1919 erstmalig eröffnet wurde, in seiner gegenwärtigen Form aber erst seit 2007 besteht. Für die Gestaltung des Innenraums sind die britischen Designer Conran & Partners verantwortlich. Das Ergebnis wirkt gleichermaßen klassisch wie modern und stimmig. Das auf den ersten Blick nüchterne Tonnengewölbe birgt viele schöne Details wie kleine Wandlampen oder alte Blechschilder.

Weniger einladend als das Ambiente war die Tatsache, dass die kleinen Tische sehr eng aufgestellt worden waren und wir für die Dauer unseres Besuchs mit den Beziehungsgeschichten unserer direkten Sitznachbarin konfrontiert wurden, die eigentlich an ihr Gegenüber gerichtet waren. Auch sonst war das Lokal bei unserem Besuch gleichermaßen voll wie laut.


Die Kuchenauswahl war von den Sorten her Wien-typisch, allerdings relativ klein - es gab etwa fünf Kuchen zur Auswahl - und als wir beide die Tagesempfehlung Apfelkuchen bestellten, kam der Kellner schon bald mit der Nachricht zurück, es gebe leider nur noch ein Stück. Mein Begleiter musste auf Apfelstrudel umdisponieren, der sich als sehr zitronig erwies.



Das Publikum des Café Drechsler schien mir jünger zu sein als in anderen Kaffeehäusern. Bis vor kurzem öffnete das Café morgens bereits um 3 Uhr - sicherlich als Anlaufstelle für Naschmarktangestellte - dieses Angebot wurde aber wegen Nichtraucherschutzproblemen aufgegeben.

Insgesamt ein Café, das von innen viel schöner ist, als es von außen den Anschein gibt, das man aber lieber außerhalb der Stoßzeiten besuchen sollte. Zu erwähnen wäre auch noch der nette Kellner, der uns, als er uns beim Fotografieren gesehen hatte, ungefragt Postkarten des Cafés brachte.















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