Langsam aber sicher entwickelt sich Montabaur noch zur Musik-Location. Ich spreche natürlich nicht vom Mair1-Festival, das hier vor kurz...

Neulich beim dritten Wohnzimmerkonzert: The Indelicates swing in Montabaur


Langsam aber sicher entwickelt sich Montabaur noch zur Musik-Location. Ich spreche natürlich nicht vom Mair1-Festival, das hier vor kurzem stattfand, sondern von unserem dritten Wohnzimmerkonzert. Dieses Mal hatten sich The Indelicates angesagt Wie bereits bei Pelle Carlberg erfuhren wir durch andere, bereits geplante Hauskonzerte im Konzerttagebuch-Kreis von der Tournee, den Rest machte dann Christoph für uns klar.

Wegen der bereits geplanten Tournee der Band war das Konzert terminlich festgelegt, weshalb es nur einen knappen Monat nach unserem Abend mit Jonah Matranga stattfand. Das bereitete mir (natürlich) Sorgen, denn es war schwer abzuschätzen, ob unsere Stammgäste sich schon so bald wieder bei uns einfinden werden würden. Hinzu kam noch die Fußball-WM, denn für den Abend war das Spiel um den dritten Platz angesetzt, in dem wir Deutschland als Teilnehmer vermuteten. Deshalb luden wir vorsichtshalber gleich auch zum Fußballschauen ein. Julia hatte diesem Arrangement zugestimmt und behauptet, sie freue sich darauf, Özil zu sehen, aber wir hofften im Geheimen, dass dieser am Spiel um den dritten Platz nicht beteiligt sein würde - erfolgreich, wie sich herausstellte.


Der nach zwei Konzerten schon quasi zur Routine gewordene Ablauf mit Abendessen für die Künstler und quasi parallel stattfindendem Aufbau wurde dieses Mal abgeändert: Die Indelicates wollten vor dem Konzert nichts essen und hatten ihre überschaubare Ausrüstung, bestehend aus Keyboard, Hocker und Gitarre, aber ohne Verstärker, selbst dabei. Aufzubauen gab es also auch nicht viel, dafür dann umso mehr Zeit, sich Sorgen zu machen, dass keiner kommen würde. Zwischendurch hatten wir auch noch Gelegenheit, hinter der "Bühne" ein eigens für den Konzertabend angefertigtes Lego-"Tourposter" aufzuhängen, bei dem es sich um das abgewandelte Plattencover ihres Albums "Songs for Swinging Lovers" handelte, und die Indelicates bauten auf unserem Couchtisch einen erstaunlich reichhaltigern Merchandisestand mit CDs, Vinylplatten, Postern und selbst gestalteten Kinderbüchern auf.


Einmal mehr hatte ich mir umsonst Sorgen gemacht, denn auch an diesem Abend erschienen erfreulich viele Gäste, um unsere Stühle und auch die Künstlerkasse zu füllen. Das Set des Duos begann, wobei sich die beiden Musiker erstaunlicherweise so aufgeteilt hatten, dass Simon etwa 90 % des Redens übernahm, wobei er zwar durchaus brauchbar Deutsch konnte, aber anscheinend wesentlich schlechter als Julia. Diese half lediglich bei der Übersetzung einzelner Begriffe aus dem Englischen, und nachdem die Ansagen ohnehin sprachlich nicht sonderlich komplex waren, ergab sich eine leicht absurde Situation, in der alle im Publikum mithalfen, deutsche Begriffe für etwas zu finden, das im Zweifel sowieso schon jeder verstanden hatte.


Zusätzlich zu den bereits erwähnten Instrumenten - Julia spielte Keyboard und sang gelegentlich, Simon spielte Gitarre und sang viel - gab es noch ein etwas seltsames Teil, mit dem Simon, wenn er in einen Schlauch blies, jaulende E-Gitarrentöne imitieren konnte. Wobei er zwar behauptete, das Ding sei peinlich und ein Weihnachtsgeschenk gewesen, er mochte es aber offenkundig sehr und brachte es bereits beim Soundcheck zum Einsatz - wir vermuten deshalb, dass sich das Teil auf seinem Wunschzettel befunden hatte. Mit und ohne Jaulen zeigte sich in jedem Fall, dass die Indelicates keine Mikros brauchen, um einen Raum mit Musik und Gesang zu füllen, der Sound war klar, gut und relativ laut. Bei "Flesh" erklärte Simon, der darin verwendete Gitarrenakkord komme in jedem zweiten Popsong vor und demonstrierte das zum Ende des Songs, indem er zahlreiche andere Lieder einbaute, beispielsweise "Let it be" und sogar Lenas "Satellite".


Simon hatte vor dem Set erzählt, dass man dem Duo, da es selbst Indie Rock mache, immer unterstellen würde, diesen auch zu mögen. Er mache aber Indiemusik, weil er alle anderen Interpreten dieses Genres doof fände und es besser machen wolle, und er höre Niki Minaj viel lieber als die Strokes. Was ihm aber offenbar sehr gefällt, sind Musicals: Die Indelicates haben ein komplettes Musical über die Waco-Tragödie vorrätig, und anscheinend arbeitet Simon aktuell an etwas, das "Paradise Rocks" heißen soll und Miltons berühmtes Versepos "Paradise Lost" nach Hawaii versetzt, mit Elvis als Satan. Aus diesem noch nicht vollendeten Werk hörten wir zwei Songs, die Simon jeweils stilecht mit Elvisstimme vortrug.


Mit "Dovakiin", in dem es um Skyrim spielende Schotten geht, und "Something goin' down in Waco" aus dem besagten vollendeten Musical, das mit quer gehaltener Gitarre und vielen verstellten Stimmen vorgetragen wurde, endete die erste Hälfte des Sets, es folgte eine kurze Ess-, Trink- und Klopause, während der die Band auch bereits mit einigen Fragen aus dem Publikum konfrontiert wurde.

In der zweiten Hälfte hörten wir unter anderem das sehr stimmungsvolle "Not alone", sowie den Quasi-Hit des Duos "Waiting for Pete Doherty to die", bei letzterem erklärte Simon, dass sie nie gedacht hätten, diesen zehn Jahre nach seinem Entstehen noch spielen zu können. "Be afraid of your parents" trug er anschließend ohne Gitarre  und mit vielen theatralischen Gesten vor, dann war es Zeit für die Zugaben.


Nach dem sehr traurigen, wegen der besseren Verdaulichkeit von einer Handpuppe "gesungenen" "Everything is just disgusting" bekamen wir auch kurz Julia als Puppenversion zu sehen, allerdings nur kurz. Beide Marionetten kamen auch in dem zugehörigen Video zum Einsatz. Nun begann ein Wunschkonzert. Einer der ersten Wünsche war "Last Significant Statement To Be Made In Rock'n'Roll", von dem Simon erklärte, sie könnten es nicht spielen, stattdessen gab es dann "New art for the people" und "America". 

Anschließend kamen wir, nicht zuletzt, da die Band die "Bühne" kaum verlassen konnte, noch eine zweite Zugabe, die mit "We hate the kids" endete - bei dem Simon jedoch arge Textprobleme hatte, weshalb er das Booklet der bereits zum Verkauf bereit liegenden CD studieren musste. Außerdem hatte er nun auch genug von seinem eigenen Indierock und forderte Wünsche nach anderen Musikstilen. Das dann postwendend "Marsch" gefordert wurde, überraschte ihn dann sichtlich, aber er gab sein bestes, während er beim nächsten Wunsch "Death Metal" schnell aufgab, um seine Stimme nicht für den folgenden Abend zu ruinieren. Mit Stil Nummer drei "Irish Folk" gab er sich dann wieder redliche Mühe und machte das Lied zu einer Art Pogues-Song. Mit der letzten Textzeile "No more music, thank you, goodnight." hatten wir dann das echte Ende des Konzertabends erreicht.


Nachdem das Interesse am Fußballspiel dann doch nicht riesig war, stiegen wir erst zur zweiten Halbzeit ein, die Band blieb auch noch ein bisschen, bevor sie Richtung Hotel aufbrach. Wiederum ein völlig anderes Konzerterlebnis als bei den ersten beiden Musikern, aber ein weiteres Mal mitreißend und intensiv.

Setliste:

Europe
I am Koresh
Flesh
Le godemiché royal
Lake of fire
All you need is love
Dovakiin
Something goin' down in Waco

We love you, Tania
Savages
Dirty Diana
Not alone
Our daughters will never be free
Waiting for Pete Doherty to die
Be afraid of your parents

Everything is just disgusting
New art for the people
America

Palekaiko Luau
We hate the kids 




0 Kommentare: