Ich habe glaube ich schon einmal erwähnt, dass mein Freund Urlaube nur dann richtig mag, wenn sie  mit Konzertbesuchen verbunden sind. E...

Wir kommen in Frieden: Get Well Soon im Auditorio Melotti, Rovereto


Ich habe glaube ich schon einmal erwähnt, dass mein Freund Urlaube nur dann richtig mag, wenn sie  mit Konzertbesuchen verbunden sind. Entsprechend gering war seine Begeisterungsfähigkeit bezüglich einer Reise zum Gardasee. Im italienischen Lehrerparadies, wo fast alles auf Deutsch beschriftet ist, rechnete er kaum damit, für ihn interessante musikalische Unterhaltung anzutreffen. Um so begeisterter reagierte er, als die Band Get Well Soon nur wenige Tage, nachdem wir unser Ferienhaus am Ostufer fest gebucht hatten, ein Konzert in Rovereto ankündigten. Das Städtchen liegt zwar nicht am See, ist aber per Autobahn von dort gut zu erreichen. Der Urlaub musste lediglich um einen Tag vorverlegt werden, und im Ergebnis sah mein Freund der Reise nun viel positiver entgegen.



Rovereto ist ein hübscher kleiner Ort, der im Ersten Weltkrieg Schauplatz heftiger Kämpfe war, und wo in einem Gebeinhaus die Überreste von nicht weniger als 20.000 Soldaten italienischer und österreichischer Soldaten aufbewahrt werden. Nachdem der Kriegsbeginn aktuell genau 100 Jahre zurückliegt, veranstaltete der italienische Fernseh- und Radiosender RAI passenderweise hier ein Friedensfestival, in dessen Rahmen an mehreren Abenden verschiedene Künstler auftraten - unter anderem auch Echo & the Bunnymen. Das Ganze wurde live im italienischen Radio übertragen.


Im Vorfeld war es nicht ganz einfach gewesen, Informationen zu der Veranstaltung und insbesondere Tickets zu bekommen. Irgendwann bekam ich heraus, dass der Eintritt umsonst war, man musste sich aber telefonisch anmelden, was letztlich eine Italienisch sprechende Kollegin für mich übernommen hatte. Nach dem Abholen der Tickets und einem leider öffnungszeitenbedingt recht kurzen Besuch im sehenswerten Museum für moderne Kunst MART, in dessen Räumlichkeiten sich auch der Konzertsaal befand, ging es noch schnell in die nahe gelegene Pizzeria, wo wir prompt feststellten, dass auch Get Well Soon eingetroffen waren und hier ihr Abendessen einnahmen.



Zurück am Konzertsaal stellte sich für uns die Frage, in welcher Konstellation der Konzertabend ablaufen würde. Neben Get Well Soon stand im Programmheft nämlich auch der Name Raphael Gualazzi. Wer würde wohl Vor- und wer Hauptband sein, oder würde die Band mit dem uns unbekannten Italiener gemeinsam musizieren? Nach dem Einlass in den für die kleine Stadt erstaunlich großen Konzertsaal mit ansteigenden Sitzreihen zeigte sich, dass bereits alles für eine größere Band aufgebaut zu sein schien, es hing unter anderem auch eine Geige bereit, die sicherlich auf Verena Gropper wartete - Get Well Soon würden also beginnen.



So kam es dann auch, nach einer für uns leider kaum verständlichen Ankündigung durch einen Conférencier (immerhin bekam ich mit, dass er etwas über das Friedensfest im Kontext der aktuellen Konflikte in Gaza sagte) betrat die Band die Bühne, stellte sich im Vergleich zu früheren Konzerten spiegelverkehrt auf und trug die ersten beiden Songs - "I Sold My Hands For Food So Please Feed Me" und "The Last Days Of Rome" ohne große Worte vor. Erst anschließend sagte Konstantin Gropper Hallo und entschuldigte sich auf Englisch dafür, dass sein Italienisch nicht gut genug sei, es vor einem italienischen Publikum zu verwenden. Mit sich selbst spreche er die Sprache aber gerne.



Es folgte ein leider nur recht kurzes Set mit insgesamt acht Songs, die von der Band wie gewohnt opulent und mitreißend dargeboten wurden. Inwieweit die Lieder dem Großteil des Publikums bekannt waren, konnte man nicht genau wissen, applaudiert wurde jedoch ausgiebig. Vor "Angry Young Men" erklärte Gropper, es gebe wohl kaum einen besseren Anlass für ein Musikfestival als den Frieden, wobei es im nun folgenden Lied eher um Aggression ginge. Nachdem die Band am Ende von "A Burial at Sea" kurz regungslos verharrt war (das ist übrigens auf dem nächsten Foto festgehalten, nur sind Fotos ja außerhalb der Harry Potter-Welt immer regungslos), kündigte Gropper das nächste Lied "You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)" an, indem er sagt, der folgende Song sei nicht dafür gedacht, im Sitzen gehört zu werden. Das Publikum traute sich zwar nicht so recht, von den Sitzen zu springen und zu tanzen, aber zumindest wurde mitgeklatscht. Verena Gropper war übrigens seit dem Maifeld Derby beim Friseur gewesen und hat nun einen recht kurzen Bob, der gut zum asymmetrischen Kleid passte.


Der Song schloss den Auftritt dann auch schon ab, das auf der Setliste als Zugabe vermerkte "Red Nose Day" wurde trotz begeistertem und anhaltendem Applaus nicht mehr gespielt. Stattdessen kam es zu einigen Comedy-artigen Szenen, weil sowohl Konstantin und Verena Gropper als auch Timo Kumpf beim Abbau kurz die Bühne betraten, um bei irgendetwas zu helfen, und das Publikum bei ihrer Sichtung jedes Mal wieder in Applaus ausbrach - was jeweils zu geschmeichelt-peinlich berührten Blicken der Künstler führte, die dann stets schnell wieder abgingen.



Nach einer weiteren Ankündigung durch den Moderator folgte nun der Auftritt von Raphael Gualazzi, von dem ich mittlerweile weiß, dass er 2011 für Italien am Eurovision Song Kontext teilnahm und zweiter wurde (hinter dem Duo aus Aserbaidschan). In Italien ist der Künstler sicherlich viel bekannter als Get Well Soon, dennoch rief seine Swingmusik, bei der er am Klavier sitzend sang, während ihn, auf Podesten stehend, sowohl eine Bläsergruppe als auch ein bemüht synchron tanzendes Sängerinnen-Trio begleitete, bei uns hauptsächlich Befremden hervor. Nach dem ersten seiner Songs verließen wir den Ort des Geschehens, so schnell wir konnten.



Draußen vor dem Auditorium bestand im Innenhof des Museums die Möglichkeit, die Konzerte auf einer Videoleinwand zu sehen, was an dem warmen Sommerabend auch ausgiebig genutzt wurde.

Schade, dass der Auftritt von Get Well Soon so kurz war und dass die Zugabe trotz der offensichtlichen Begeisterung des Publikums nicht gespielt wurde - das hatte sicherlich Zeitgründe, vielleicht wegen der Radioübertragung. Dennoch ein schönes Konzert in einem angenehmen Konzertsaal und zu einem wichtigen Anlass.



Setliste:
I Sold My Hands For Food So Please Feed Me
The Last Days Of Rome
A Voice In The Louvre
Roland, I Feel You
Werner Herzog Gets Shot
Angry Young Man
A Burial At Sea
You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)

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