Neulich beim Shoegaze Revival: Slowdive im Londoner Forum

U.

Welche britische Neunziger-Indie-Band war eigentlich die erste, die plötzlich wieder Konzerte spielte? Waren es The Jesus & Mary Chain? My Bloody Valentine? Mittlerweile scheint es ja beinahe alle diese Bands wieder zu geben, und so überraschte es eigentlich nicht sonderlich, dass auch Slowdive seit diesem Jahr wieder live auftreten, nächstes Jahr kann man dann wieder Ride-Konzerte besuchen. Der Mangel an Originalität der Reunion ändert aber nichts daran, dass ich diese Nachricht als so erfreulich empfand, dass ich zustimmte, für eines der beiden Abschlusskonzerte 2014 im Forum extra nach London zu reisen. Slowdive hatte ich auf Platte stets sehr gerne gehört, und wer kann schon sagen, wie viele solche Konzerte es in Zukunft noch geben wird?


Bevor man im ehemaligen Art Deco-Kino, das neben einer Empore auch seltsame griechische Reliefs  und römische Standarten aufwies, die sanften Klänge der Shoegazer genießen konnte, wurde aber die Geduld auf die Probe gestellt, denn die Vorband Hookworms ließ mich sehnsüchtig an die Spaßmacher von Dream Themes vom vorigen Abend denken. Die Mischung aus Hardcore, Noise und Krautrock warf vor allem die Frage auf, ob denn kein Bandmitglied eine bessere Stimme hatte als der Sänger, mein Freund vermutete gar, dass eine Band mit Cartman von South Park als Sänger genau so klingen würde. Falls sich jemand fragt, ob man gleichzeitig im Falsett singen und schreien kann - Ja, das geht.


Danach war es nun also Zeit für Slowdives 43. Konzert in Urbesetzung seit der Wiedervereinigung - und das vorerst letzte. Den Schlagzeuger Simon Scott hatten wir vorher bereits an unserem Nachbartisch in einem indischen Restaurant nahe dem Forum gesehen, er hatte dort sicherlich noch den Auftritt der Vorband ausgesessen (und hätte uns ruhig warnen dürfen). Er und die anderen, weniger prominenten Slowdive-Mitglieder, Nick Chaplin (Bass) und Christian Savill (Gitarre) verbrachten den Auftritt allerdings weitgehend in Dunkelheit, während sich das Scheinwerferlicht auf Rachel Goswell und Neil Halstead konzentrierte.


Das durchweg begeisterte Publikum war erstaunlich gemischt. Ich hatte eigentlich mit einer homogenen Gruppe von Ü40-Fans gerechnet, tatsächlich waren aber auch viele jüngere gekommen - und meinem Eindruck nach auch viele Deutsche. Im Eingangsbereich war man auf Schildern gewarnt worden, dass Crowdsurfing sowie das Werfen von Getränkebechern verboten seien, auf seine Schuhe zu starren war zum Glück erlaubt - und mitklatschen, was einige Verwirrte am Anfang von "When The Sun Hits" für angebracht hielten. Sonst benahmen sich alle gut, und die Blicke konzentrierten sich sicher auf Rachel, die nicht nur eine interessante Paillettenweste trug, sondern auch kontinuierlich zu lächeln schien.


Der erste Song war passenderweise gleich "Slowdive", spätestens jetzt wussten also alle, wer hier auftrat. Der Sound war noch nicht perfekt, das änderte sich aber dann mit "Avalyn" - überraschend, da die Band bereits am Vorabend mit identischer Setliste im Forum aufgetreten war. Ebenfalls überraschend war, dass es die Musiker schafften, ohne Keyboard sehr keyboard-ähnliche Geräusche hervor zu bringen. Hinter der Band zeigten mehrere große Bildschirme grafische Muster, Augen und Münder.

Das Album "Souvlaki" (1993) stellte den Großteil der gespielten Songs und wurde mit sechs Titeln berücksichtigt, von "Just For A Day" (1991) wurde leider nur "Catch The Breeze" ins Set eingebaut. Nach einem starken Beginn gab es einen kleinen Durchhänger, während die letzten acht Lieder im Grunde allesamt Wunschlieder waren: Das überraschend rockig-laute "When The Sun Hits"! Das akustisch dargebotene "Dagger"! Das wundervolle "Allison!" usw.


Beim letzten Song des Hauptsets, "Golden Hair", einer Coverversion von Syd Barrett, hatte Rachel zunächst gesungen, dann aber die Bühne verlassen, während sich ihre Mitstreiter in einen langen, fulminanten Instrumentalteil hineinsteigerten. Bei der ersten Zugabe "Rutti"saß sie dann Gitarre spielend auf dem Schlagzeugpodest setzte, vielleicht wurde auch ihr der 10-minütige, etwas monotone Song, der nicht über einen solchen Spannungsbogen verfügt wie "Golden Hair", etwas lang.

Sonderlich gesprächig waren Slowdive an diesem Abend leider nicht. Neil Halstead äußerte irgendwann seine Trauer über den Tod von Nick Talbot (Gravenhurst) und widmete diesem ein Lied - leider weiß ich nicht mehr, welches. Ansonsten erfuhren wir nur, dass die Band froh war, dass so viele gekommen waren - und Rachel verabschiedete sich zuletzt nach "40 Days" mit einem optimistisch stimmenden "See you next year".


Als ich mich seitlich umsah wurde mir bewusst, dass mein Nachbar irgendwann in Tränen ausgebrochen war, offenbar nicht wegen privater Probleme sondern wegen der Schönheit des Konzerts. Ganz so tief war ich dann doch nicht berührt, aber Slowdive sind zweifellos eine tolle Liveband, die auch eine etwas längere Anreise rechtfertigt.



Setliste:

Slowdive
Avalyn
Catch The Breeze
Crazy For You
Machine Gun
Souvlaki Space Station
Blue Skied An' Clear
When The Sun Hits
Morningrise
She Calls
Dagger
Alison
Golden Hair

Rutti
40 Days

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