Der dritte Tag des Maifeld Derbys begann für uns erst nachmittags – nachdem wir schweren Herzens auf den Mittagsauftritt von Hello Piedpi...

Neulich beim Jubiläum: Maifeld Derby 2015, Tag 3


Der dritte Tag des Maifeld Derbys begann für uns erst nachmittags – nachdem wir schweren Herzens auf den Mittagsauftritt von Hello Piedpiper verzichtet hatten. Die Ohren waren (hauptsächlich natürlich von Mogwai) noch müde, und der Rest von uns auch.


An diesem Tag machten wir zunächst einen Besuch bei der Steckenpferddressur, die dieses Jahr deutlich an Sensationen zugenommen hatte. Mit einer einfachen Kür war da bezüglich Siegchancen wohl nichts mehr zu machen, die meisten Teilnehmer involvierten Freunde als Moshpit, lebendiges Hindernis und sicherlich vieles mehr. Eine Teilnehmerin hatte sogar, statt sich für eines der vier vorhandenen Steckenpferde zu entscheiden, ihr eigenes dabei und absolvierte ihren Pflicht- und Kürteil auf „Guinness“, den die Jury vorher beeindruckt gestreichelt hatte.


Unser erster Musikact des Tages war die amerikanische (mehrheitliche) Frauenband Waxahatchee, deren Sound mich sofort an 90er Jahre Grunge, insbesondere Hole erinnerte. Übrigens ist Waxahatchee eigentlich ein Soloprojekt der Sängerin Katie Crutchfield, die Band hat sie nur zum Touren dabei.


Sowohl das Stammmitglied als auch das Reiseteam von Waxahatchee  erschien mir als etwas zwanghaft hip: nabelhohe 80er Jahre Jeans, extrakurzes Top aus derselben Epoche, absichtlich ausgebleichtes Blümchenkleid aus den 90ern … scherzhaft meinte ich zu meinem Freund, die Band stamme sicherlich aus Brooklyn, was sich dann auch prompt als wahr herausstellte. Musikalisch konnte mich das Ganze auch nicht fesseln.


Anschließend ging es ins Zelt zu Mew. Beim Probehören diverser Bands in der Vorbereitung aufs Derby hatte ich meinem Freund gesagt, dass mir die dänische Band vergleichsweise gut gefallen hätte, was er recht ungläubig zur Kenntnis nahm.

Auf der Bühne löste Mew bei uns sofort die Frage aus, wie die Bandmitglieder sich wohl kennen gelernt haben mochten: Der Bassist sah mit seinen komplett tätowierten Armenaus wie ein Rocker, der Keyboarder mit seinen langen Locken wie ein Hippie und der Sänger, als sei er zehn Jahre jünger als die restliche Band und Erdkundelehrer…


Die Skepsis meines Freundes angesichts meiner Aussage war insofern verständlich, als ich die Musik der Band mit dem ähnlichen Namen, Muse, stets ablehne, weil mir das alles zu melodramatisch ist. Auch in Mews Musik fehlt es nicht an Pathos, sie gefällt mir aber dennoch besser. Das mag auch daran liegen, dass das Set sich als Best-of Review entpuppte und keine der sperrigeren Titel der Band enthielt. Von den ersten zehn Songs der Setliste waren acht Singles aus den letzten 13 Jahren. Nur "The Night Believer" und "Saviours of Jazz Ballet" sind Albumtitel.

Akustisch wurde ein kurzes Medley aus "Clinging To A Bad Dream", "The Zookeeper's Boy" und "Louise Louisa" dargeboten - eine etwas komische Idee, nachdem einer dieser Songs bereits in voller Länge gespielt worden war. Technische Probleme am Keyboard ließen uns anschließend um den letzten Song der Setliste bangen. Doch nachdem diese behoben waren, präsentierten uns Mew das neunminütige Highlight "Comforting Sounds".


Im Programmheft war zu lesen, dass Mew in Dänemark große Hallen füllen, während sie im restlichen Europa eher ein Geheimtipp sind. Ich freue mich jedenfalls darauf, die Band in drei Wochen beim Best Kept Secret Festival wiederzusehen.

Setliste:

Witness
Satellites
Special
The Zookeeper's Boy
The Night Believer
Beach
Am I Wry? No
156
Apocalypso
Saviours of Jazz Ballet (Fear Me, December)
Medley (Clinging To A Bad Dream / The Zookeeper's Boy / Louise Louisa)
Comforting Sounds


Anschließend war eine Esspause angesagt, in der ich endlich ein Handbrot ergatterte (was natürlich in den vorangegangenen Tagen auch möglich gewesen wäre, aber die Schlange an diesem Stand war immer so lang). Auf der direkt an den Cateringbereich angrenzenden Fackelbühne spielten nun vor einer großen und begeisterten Zuschauerzahl die Österreicher Wanda, und zwar so laut, dass ich mein Brot mit Ohrenstöpseln aß (also in den Ohren, nicht auf dem Brot). Grundsätzlich überzeugte mich Wandas Musik nicht, aber ich muss zugeben, dass der als letztes gespielte „Hit“ der Band, „Bologna“, sich hervorragend als Ohrwurm eignet.

Anders als in den vorangegangenen Jahren war der Parcours d’Amour dieses Mal auch am letzten Festivaltag geöffnet, was prima war und möglicherweise mit der Verlegung des Festivals auf Pfingsten zu tun hatte (Gewinn eines kompletten Feiertags zum Abbauen für die Helfer). Nach dem Ende des Wanda-Auftritts trafen wir dort die Australier Husky an.  Der Parcours war ein weiteres Mal extrem gut gefüllt, so dass wir nur noch seitlich einen Platz ergatterten und so auch den Vorteil des durchsichtigen Baldachins über der Bühne erkannten: Wir konnten die Band immerhin durch eine Plastikwand sehen.

Husky sind live nicht ganz so soft wie auf Platte. Hits wie "I'm not coming back" animierten vereinzelte Fans dazu, auf ihren Plätzen und vor der Bühne zu tanzen. Von allen Parcours-Konzerten, die wir bei diesem Derby sahen, hatten Husky die meisten Zuschauer.


Natürlich hatten wir aber schon wieder einen anderen Termin, der nahte, und so verließen wir den Auftritt schon bald wieder, um zu Fink ins Palastzelt zu gehen. Der ehemalige Triphop-DJ Fin Greenall macht heutzutage eher nachdenkliche Musik. Als wir ins Zelt kamen, war er aber zunächst noch mit Aufbauen beschäftigt und ignorierte das Publikum. Immerhin konnten wir aber seine gewaltige Halskette und seine äußerst bunten Sneaker betrachten. Fink hatte eine Gitarre, die von seinem Albumcover geziert wurde - eigentlich seltsam, dass man so etwas nicht öfter sieht.

Für mich als Songzeilen-Mitschreiberin (für die Setlisten) war es überaus angenehm, dass auf dem ganzen Festival Fink der Musiker war, den ich sowohl beim Sprechen als auch beim Singen am besten verstand, und das schließt die deutschsprachigen mit ein.


Als der Keyboarder gegen Ende des Sets plötzlich in Nebelwolken gehüllt war, lachten sich Fink und sein Gitarrist schlapp und forderten eine Wiederholung der Nebelpracht. Als der Keyboarder erneut von Nebel umhüllt war, führte Fink eine dramatische Zauberergeste aus, der Nebel lichtete sich un der Keyboarder war... verschwunden.


Vor „Looking Too Closely“ erklärte er, er habe den Song zunächst nicht veröffentlichen wollen, weil er ihm als zu kommerziell erschienen sei. Seine Managerin habe dann erklärt, sie werde hinschmeißen, wenn das Lied nicht aufs Album käme. Wie sicherlich die meisten im Publikum teilten wir die Ansicht der Managerin.

Am Ende des Fink-Sets konnten wir zwei Dinge beobachten, die unsere Sympathien für das Maifeld Derby bestätigten. Zum einen gab es wieder einmal frenetischen Applaus, und man konnte Greenall und seiner Band anmerken, dass sie über den Jubel gleichermaßen überrascht wie erfreut waren (während des Sets hatte er bereits gesagt, dass er sich mit seiner Musik auf Festivals häufig fehl am Platz fühle). Zum anderen bedankte Greenall sich besonders ausführlich bei der Dame am Mischpult, die Derby-seitig seinen Sound gestaltet hatte, weil sie ihre Sache offenbar besonders gut gemacht hatte.


Setliste:

Pilgrim
Warm shadow
Sort of Revolution
Hard Believer
Looking too closely
This is the thing
Wheels
Berlin Sunrise


Nun machten wir uns auf den Weg zum Brückenaward-Zelt, wo es zunächst danach aussah, als würde die belgische Band BRNS (sprich: Brains) für uns allein auftreten: Die Musiker befanden sich bereits im Soundcheck auf der Bühne, Publikum war aber mehr oder weniger nicht vorhanden. Das änderte sich glücklicherweise noch, und tatsächlich wurde das Zelt noch sehr voll, insbesondere, wenn man bedachte, dass parallel die Tages-Headlinerin Róisín Murphy spielte.

Die Besonderheit von BRNS ist, dass der Sänger der Band gleichzeitig der Schlagzeuger ist. Die Maifeld-Betreuer hatten die Band wohl ein bisschen vergessen, denn nach dem ersten Song bat er erst einmal um ein Bier für alle Musiker, was dazu führte, dass aus dem Publikum zumindest einige halbvolle Becher gereicht wurden. Kurz danach materialisierte sich am Bühnenrand auch ein eilig herbeigeschaffter Bierkasten.


Bei "My Head Is Into You" spielten drei der vier Bandmitglieder Melodika, der vierte Bandkollege hatte als Ausgleich ein seltsames buntes Glockeninstrument, das er nahezu bei jedem Song benutzte, und zu "Slow Heart" kam ein Kinderklavier vom Flohmarkt zum Einsatz.


Der Auftritt von BRNS sorgte bei allen im Zelt für große Begeisterung, die bei ihrem "Hit" "Mexico" kulminierte. Das Publikum forderte nach "Our Lights" lautstark eine Zugabe. Das klappte leider nicht, aber die Band kehrte zumindest auf die Bühne zurück und verkaufte höchstpersönlich Merchandise.

Setliste:

Void
Here Dead He Lies
Omen
My Head Is Into You
-
Slow Heart
Mexico
Many Chances
Behind The Walls
Clairvoyant
Our Lights


Begeisterung bei allen im Zelt? Ich wanderte im Gegensatz zu meinem Freund nach drei Liedern ab, weil mich doch interessierte, was Róisín Murphy so machte. Als ich das Palastzelt betrat, war ihr Auftritt , zudem weniger Publikum erschienen war als zu Archive and Mogwai am Vorabend, bereits im Gange, die Sängerin trug einen schwarzen Anzug und eine Sonnenbrille mit Plüsch, ein etwas seltsames Bühnenoutfit. Schnell wurde jedoch klar, dass es für so gut wie jedes Lied ein neues Outfit gab, es folgte eine Fellhose mit rotem Blazer, eine Kostümierung als Rose und ein Paillettenkleid, das zunächst von einem Mantel und Kopftuch bedeckt war, zuletzt noch diverse Masken.


Bei so viel Bühnenaction - Róisín hatte auch massenweise Musiker dabei, und im Bühnenhintergrund gab es manchmal Projektionen - wurde die Musik schon beinahe nebensächlich, was sicherlich viel damit zu tun hatte, dass sie mir nicht sonderlich gefiel. Murphys ehemalige Band Moloko war nicht ganz meins gewesen, hatte aber doch den einen oder anderen guten Song, während ich ihr Solomaterial überhaupt nicht kannte und beim Konzert auch ziemlich nichtssagend fand. Das restliche Publikum sah das aber anders und forderte nach dem regulären Ende eine Zugabe, die in diesem Fall - anders als bei allen anderen Derby-Auftritten, die wir gesehen hatten - auch gewährt wurde. Sie sang uns das italienische "Non Credere" (Murphy hat eine ganze EP mit italienischen Coversongs veröffentlicht). Vorher hatte sie definitiv "Dear Miami", "House of Glass" und "Jealousy" zum besten gegeben, mehr kann ich zur Setliste nicht sagen.


Fehlt noch ein Fazit: Musikalisch war mein fünftes Maifeld Derby für mich das schwächste, aber das wusste ich auch schon vor der Anreise und ist reine Geschmackssache. Organisatorisch wird das Festival von Jahr zu Jahr immer besser, so dass mir eigentlich nichts zum Meckern einfällt. Mehr Sitzgelegenheiten wären prima, und fünf bis zehn Minuten Pause zwischen den Bandauftritten, das war's aber auch schon.


Im vergangenen Jahr konnten einige Bands wie der Headliner The National anscheinend hauptsächlich gebucht werden, weil sie wegen des Primavera-Festivals sowieso schon in Europa waren. Wenn das stimmt, wäre es natürlich ratsam, den Festivaltermin in Zukunft wieder parallel zu einem größeren zu legen.

Ansonsten: Bitte so weitermachen!

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