Ich werde ja nicht müde, zu erwähnen, dass ich nicht mehr die jüngste bin, weshalb ich am dritten Tag eines Festivals meistens schon orde...

Best Kept Secret Festival - Tag 3


Ich werde ja nicht müde, zu erwähnen, dass ich nicht mehr die jüngste bin, weshalb ich am dritten Tag eines Festivals meistens schon ordentlich erschöpft bin. Noch dazu begrüßte der Sonntag  uns mit heftigen Regenschauern. Tatsächlich war das Wetter beim Best Kept Secret bis zu diesem Zeitpunkt viel besser als erwartet gewesen, aber nun sah es morgens und mittags so aus, als stünde ein Gummistiefeltag bevor. Ebenfalls nicht stimmungsverbessernd war, dass es sich bezüglich des Lineups aus unserer Sicht um den schwächsten Tag handelte.


Letztlich besserte sich das Wetter aber ab dem Mittag und wir bekamen auf dem Festivalgelände nur auf dem Weg zu Wolf Alice (ein weiteres Konzert auf Bühne 2 im Zelt) nur ein kleines bisschen Regen ab. Hinterher wurde es sogar regelrecht sommerlich, so dass wir erstmalig beobachten konnten, wie Festivalbesucher in den See neben der Hauptbühne sprangen und auch ein bisschen Strandgefühl aufkam. Man kann es nicht oft genug sagen: Das Best Kept Secret ist bezüglich Location ein extrem gelungenes Festival.

Wolf Alice also. Die Band aus London, die letzte Woche das Cover des NME zierte, sahen wir uns nicht zuletzt deshalb an, weil Konzerttagebuch-Christoph unter anderem wegen ihnen nach Holland hatte kommen wollen, nun aber wegen Krankheit daheim bleiben musste. Da wollte man doch einmal sehen, wen der NME und Christoph so toll finden.


Das Indie-Quartett aus London wird wohl in einem „Paket“ mit alt-J und Gengahr angeboten, denn alle drei waren kürzlich gemeinsam auf Tour und nun (wenn auch nicht hintereinander) auf dem Festival vertreten. Für Wolf Alice war es bereits der zweite Aufenthalt beim Best Kept Secret und man war offenbar froh, wieder da zu sein.

Erneut war ein Plattencover als Bühnenhintergrund gewählt worden, allerdings war Wolf Alices Debütalbum „My Love is Cool“ zum Zeitpunkt des Auftritts noch gar nicht erschienen – seit letzter Woche kann man es kaufen.


Musikalisch fand ich die Band zunächst unglaublich hart. Auf dem Weg ins Zelt waren wir quasi am Auftritt von Marmozets auf der Hauptbühne vorbei gelaufen, der mich kurz hinterfragen ließ, ob wir nicht doch in Wacken gelandet waren. Auch Wolf Alice legten mit ihren ersten Songs - der Opener trug ausgerechnet den Titel „Fluffy“ -  solche Gedanken nahe, doch gerade, als ich dachte, dass es hier überhaupt nichts für mich Geeignetes zu hören gab, spielte die Band auch ein paar ruhigere Songs, die mir durchaus gefielen. Letztendlich konnte ich mit dem Set der Band deutlich mehr anfangen, als ich erwartet hatte, was nun aber auch nicht heißt, dass ich ihre Karriere verfolgen werde.


Was gäbe es sonst noch zu sagen? Sängerin Ellie Rowsell trug einen Playsuit, nach abgeschnittenen Jeansshorts wohl die neue Lieblingskleidung für Frauen auf Festivals. Außerdem verlor der Schlagzeuger bei einem Lied einen seiner Sticks, und sofort kam ein Bühnentechniker angerannt und reichte ihn ihm. Sehr aufmerksam.

Setliste:

Fluffy
Your Love's Whore
90 Mile Beach
The Wonderwhy
Storms
You're a Germ
Lisbon
Blush
Bros
Giant Peach
She
Moaning Lisa Smile


Anschließend konnten wir gleich vor Ort bleiben, denn als nächstes sollten hier die Dänen von Mew auftreten, die wir erst kürzlich beim Maifeld Derby gesehen hatten. Auch bei der zweiten Begegnung mit der Band in kurzer Zeit fiel wieder auf, wie wenig der Sänger zu seinen Bandkollegen passte. Mein Freund mutmaßt, dass die Bandmitglieder als Kinder Nachbarn waren und die Rockerjungs den Chorknaben stets verprügelten, bis sie ihn schließlich als einzigen ihnen bekannten Sänger in ihre Band einladen mussten.


Der heute deutlich weniger rockermäßig wirkende Bassist (er hatte vergessen, seine Brille abzunehmen) erklärte überzeugend, man habe ich sehr gefreut, auf das Festival eingeladen zu sein, weil man schon so tolle Konzerterlebnisse in den Niederlanden gehabt habe. Da sei man sogar mit einem Sonntagnachmittagsslot zufrieden.

Trotz zufriedener Band entpuppte sich das Set verglichen mit dem beim Maifeld Derby als kleine Enttäuschung, denn die Band hatte für diesen Auftritt weniger Zeit und sich entschlossen, ausgerechnet das Highlight „Comfortig Sounds“ wegzulassen.  So war das Set dann letztlich eine nahezu identische Wiederholung von dem in Mannheim (auch wenn „Apocalypso“, „Saviours of Jazz Ballet (Fear Me, December)“ und das seltsame Medley durch „Snow Brigade“ und „Water Slides“ ersetzt wurden),  minus Highlight. Wir waren froh, die bessere Version bereits gesehen zu haben.


Setliste:

Witness
Satellites
Special
The Zookeeper's Boy
The Night Believer
Beach
Snow Brigade
Water Slides
Am I Wry? No
156


Nach dem Ende von Mew liefen wir geradezu ins Set von First Aid Kit. Die schwedischen Schwestern haben auf der Liste ihrer Fans Pelle Carlberg, der uns von den Live-Qualitäten des Duos vorgeschwärmt hatte. Da wir ausgerechnet ihren besten Song „The Lion’s Roar“ abgepasst hatten, beließen wir es dabei, denn noch besser konnte es schließlich nicht werden. Außerdem wurden auch beim Best Kept Secret immer mindestens zwei Bühnen gleichzeitig bespielt, so dass man manchmal die Qual der Wahl hatte.


Nun, an Tag drei, galt es auch endlich einmal, eine andere Bühne auszuprobieren. Immerhin gab es fünf von ihnen, und alle unsere bisherigen Konzerte hatten auf denselben zwei stattgefunden. Also machten wir nun einen Ausflug ins Neuland alias Bühne 5, wieder ein Zelt. Hier ragte die Bühne weiter in den Zuschauerraum hinein, so dass die Zuschauer halbrund um sie herum stehen konnten, was eine gute Sicht ermöglichte. Holzpaneele im Hintergrund ließen das Zelt hübsch und keineswegs als „Nebenbühne“ wirken.


Ich selbst wurde an diesem Punkt (trotz schicker neuer Location) von akuter Festivalmüdigkeit überwältigt und ging mir einen Milchkaffee und eine Schaukel suchen. Mein Freund sah sich das Set von Alvvays aus Kanada allein an und berichtete, es handele sich quasi um eine prototypische Indieband mit einem jungen Mann im Ringelshirt, einem Mädchen mit Nerdbrille und einer putzigen Sängerin, die Musik im Stil von The Pains of Being Pure at Heart machte. Am besten gefielen ihm und dem Publikum „Archie, marry me“ und „Atop a Cake“ sowie das Kirsty MacColl Cover „He’s On The Beach“.


Setliste:

Your Type
Next of Kin
The Agency Group
Ones Who Love You
Archie, Marry Me
Underneath Us
He's on the Beach
Dives
Atop a Cake
New Haircut
Party Police
Adult Diversion


Anschließend gönnten wir uns eine längere Pause, machten einen Abstecher zur futuristischen Zeltbühne 3, von der uns Kate Tempest schnell wieder vertrieb, und entdeckten eine ganze Reihe von Fressständen, die uns bis dahin gar nicht aufgefallen waren. Bei diesem Festival musste definitiv niemand hungrig bleiben – vorausgesetzt, man hatte genügend Geld auf dem Chip. Dann tankten wir am Seeufer noch ein bisschen Urlaubsgefühl, während die Wasserwacht, die hier schon seit Freitag auf- und abfuhr, endlich ein bisschen zu tun hatte und gelegentlich Schwimmer zurück in Ufernähe schickte.


Dann war es Zeit für den Auftritt von Future Islands, die ich zwar nicht dieses, aber letztes Jahr bereits beim Maifeld Derby gesehen hatte. Leider hatten wir uns dieses Mal für Stehplätze ganz vorne rechts entschieden, wo man außer Basswummern kaum etwas hören konnte. Selbst die zahlreichen Ansagen des Sängers Samuel T. Herring konnte ich nur verstehen, wenn gleichzeitig keinerlei Musik gemacht wurde.


Da blieb im wesentlichen der visuelle Genuss, und da hat Samuel ja auch immer einiges zu bieten. Sein seltsam bodennaher Tanz ist ja seit dem Auftritt bei David Letterman bekannt, aber dieses Jahr zeigte er auch Moves, die zumindest ich noch nicht kannte: Er tanzte Kasatschok und Can-Can, er streichelte am Bühnenboden ein unsichtbares Tier (sicher ein Kätzchen!), pflückte unsichbares Obst, er riss sich (zum Glück wieder unsichtbar) sein Herz heraus und betrachtete es. Was muss der Mann für eine Kondition haben! Ich würde nach 30 Sekunden Kasatschok sowieso keuchend auf dem Boden liegen, aber er singt ja auch noch nebenbei und kann sich somit nicht einmal erlauben, außer Atem zu kommen.


Der Auftritt kam (natürlich) sehr gut an, um uns herum wurde viel mitgetanzt. An manche Songs erinnerte ich mich noch vom letzten Auftritt beziehungsweise dem Album „Singles“. Nachdem wir unseren Standort weiter nach hinten korrigiert hatten, stimmte auch der Sound. Future Islands berücksichtigten bei der Auswahl der Setliste ihre letzten drei Alben „Singles“ (5 Titel), „On The Water“ (2) und „In Evening Air“ (4) und präsentierten auch ihre beiden neuen Lieder „The Chase“ und „Haunted By You“, die zum Record Store Day auf einer Single veröffentlicht wurden.


Erwähnenswert wäre noch Samuels Abgang, denn er verließ die Bühne Richtung See und erreichte den Backstagebereich dann auch über das Wasser. Verrückter Mann.

Setliste:

Inch of Dust
A Dream of You and Me
Walking Through That Door
Long Flight
Balance
Before the Bridge
The Chase
Doves
Haunted By You
Light House
Seasons (Waiting on You)
Tin Man
Spirit


Anschließend hatten wir bis zum Headliner-Auftritt nichts zu tun, also wagten wir einen weiteren Besuch bei Bühne 5 und sahen uns SOKOs guten Freund Ariel Pink an. Dafür, dass wir gerade erst den Auftritt eines eher verrückten Künstlers hinter uns hatten, setzten Ariel und seine Band mühelos einen drauf. Der Großteil der Band trug Frauenkleidung, Ariel selbst einen seltsamen Overall, unter dessen offenem Reißverschluss ein Ringelshirt und ein Bauchansatz zu sehen waren. Den (Bier-)Bauch pflegte er während des Konzerts durch den Konsum von mindestens zwei Dosen Jupiler.

Die Musik... nun ja, irgendwo zwischen enervierender Garage-Rock-Oper und dumpfer Synthesizer-Sounds, deren Refrains ad ultimo wiederholt wurden, was immerhin das Identifizieren der Setliste vereinfachte. Der Schlagzeuger (in Bikini und Cowboyhut) bekam seinen großen Auftritt bei „Black Ballerina“, er trat hinter dem Schlagzeug hervor und performte mit viel Posieren den Song. Neben zwei Songs von Ariel’s Pink Graffiti schlichen sich auch zwei reguläre Coverversionen in das seltsame Set mit hinein: Das instrumentale „Bright Lit Blue Skies“ (The Rockin’ Ramrods) und das soulige „Baby“ (Donnie & Joe Emerson).


Was sollte das alles nur? War das ironisch? Ein Statement? Ein Test, wie die Zuschauer reagieren? So richtig schockieren kann man als Mann in Frauenkleidern glücklicherweise ja nicht mehr, schon eher durch die schlechte Musik. Ein Auftritt, den ich unter „Bands, die ich nicht verstehe“ verbuchen kann.

Setliste:

White Freckles
Jell-o
Four Shadows
Lipstick
Not Enough Violence
Gettin' High in the Morning
Goth Bomb
One Summer Night
Fright Night (Nevermore)
Black Ballerina
Bright Lit Blue Skies
Baby
Picture Me Gone


Nun war es schon fast Zeit für den Sonntags-Headliner alt-J. Womit wir schon wieder beim Label „Bands, die ich nicht verstehe“ sind, denn alt-J sind musikalisch natürlich Millionen Meilen von Ariel Pink entfernt, dennoch kann ich die überaus verbreitete Begeisterung für diese Band nicht so recht nachvollziehen. Die Songs, die ich kenne, erscheinen mir als recht normale Popsongs, die weder positiv noch negativ auffällig sind. In der recht langen Wartezeit vor der Bühne wurde durch die meist sehr jungen Fans um uns herum allerdings klar, dass hier für die meisten das absolute Highlight bevorstand.


Als das Set mit „Hunger of the Pine“ begann, vertiefte sich dieser Eindruck, denn um mich herum wurde eifrig mitgetanzt, -gesungen und -dirigiert. Ich war sicher unter den ganz wenigen, die nicht jede Note kannten.

Die Band an sich war statisch, jeder blieb hinter seinem Instrument, die (wenigen und austauschbaren) Ansagen übernahm Gus Unger-Hamilton (Keyboard, Gesang). Joe Newman (Gesang, Gitarre), Thom Green (Schlagzeug) und der Tour-Bassist Cameron Knight trugen nichts zur Kommunikation bei.


Dafür gab es vorne sonst einiges zu sehen, die mit reichlich Scheinwerfern bestückte Bühne erstrahlte in immer wieder neuen Farben und Mustern und wurde zum Beispiel während der nacheinander dargebotenen zwei Teile von „Bloodflood“ in blutrotes Licht gehüllt.

Das Mädchen neben mir garnierte seine soeben Handy-gefilmte Snapchat-Story mit „Aaaaalt-J!“ und postete somit die Band, die ich nicht verstehe, in einem Medium, das ich nicht verstehe. Das passte immerhin zusammen (zumal ich für beides sicherlich nur zu alt bin).


Die Setliste wurde genau so durchgespielt, wie sie bereits in letzter Zeit bei Konzerten zu hören gewesen war, nach „The Gospel of John Hurt“ trat man wohl nun der Form halber für gefühlt 30 Sekunden ab, um dann den Zugabenteil zu absolvieren, inklusive von „Lovely Day“, einem Bill Withers-Cover, und des größten, am meisten mitgesungenen Hits „Breezeblocks“.

Dann war das Konzert vorbei, das Festival quasi ebenfalls (alt-J waren nicht die letzte Band, aber die letzte große und bekannte). Um uns unmissverständlich klar zu machen, dass hier nichts mehr geschehen würde, legte man in ohrenbetäubender Lautstärke Rick Astleys „Never Gonna Give You Up“ auf, zu dem die Besucher, viele fröhlich mitsingend, geordnet das Festivalgelände verließen. Hoffentlich hat das jemand für Rick Astley festgehalten.


Setliste:

Hunger of the Pine
Fitzpleasure
Something Good
Left Hand Free
Dissolve Me
Matilda
❦ (Guitar)
Bloodflood
Bloodflood Pt. 2
❦ (Ripe & Ruin)
Tessellate
Every Other Freckle
Taro
Warm Foothills
The Gospel of John Hurt

Lovely Day
Nara
Leaving Nara
Breezeblocks



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Der Festivalsamstag begann recht gemütlich auf unserem B&B-Bauernhof, aber mit sechs Konzerten stand uns ein anstrengender Tag bevor....

Best Kept Secret Festival - Tag 2


Der Festivalsamstag begann recht gemütlich auf unserem B&B-Bauernhof, aber mit sechs Konzerten stand uns ein anstrengender Tag bevor.


Los ging es mit den Temples auf der Hauptbühne, die man bereits beim letztjährigen Maifeld Derby hatte sehen können, was ich damals aber verweigert hatte. Von den Fotos, die mein Freund damals gemacht hatte, war mir die vogelnestartige Lockenfrisur des Sängers noch in lebhafter Erinnerung, und ich kann nun bestätigen, dass er sie noch hat.

Insgesamt wirkt die Band, als wäre sie entweder direkt aus den 70ern in unsere Zeit gebeamt worden oder auf einem Kostümfest – zu seiner kuriosen Frisur trug der Sänger eine schwarze Paillettenjacke, während der Gitarrist eine Samtjacke mit Spiegeln präsentierte, die ich mir so ähnlich 1991 im Londoner Kensington Market (sicherlich auch als Relikt der 70er) auch schon gekauft hatte.


Wenn man so viel zur Optik schreibt, bedeutet das häufig, dass zur Musik nicht viel zu sagen ist. In der Tat fand ich die Temples nicht schlecht, konnte mich für ihren Retrosound mit langen Instrumentalteilen (insbesondere beim letzten Song „Mesmerize“) aber nicht recht begeistern. Im Rahmen ihres Sets stellte die Band auch zwei neue Songs vor, „Volcano / Saviour“ und „Henry’s Cake“.


Setliste:

Sun Structures
A Question Isn't Answered
Colours to Life
Volcano / Saviour
Ankh
Henry's Cake
Keep In The Dark
Shelter Song
Mesmerise


Nach einer Esspause  fanden wir uns wieder vor der Hauptbühne an, wo nun Of Monsters and Men an der Reihe waren. Deren erstes Album „My Heart is an Animal“ gefiel mir durchaus gut bis sehr gut,  bis zu dem Moment, als mir klar wurde, dass sie im Grunde dieselbe Musik wie Mumford & Sons machen, nur mit zusätzlichem weiblichen Gesang. Diese späte Erkenntnis spricht sicher nicht für meine Musikalität, und dass ich die isländische Band seitdem weniger mag, nicht für meinen Logiksinn, aber na ja.

Vor zwei riesigen, in verschiedenen Farben beleuchtbaren Ms trat eine neunköpfige Band auf die Bühne, bei der man sich mal wieder fragen musste, wie sie sich wohl kennen gelernt hatte: Abgesehen von der einheitlich schwarzen Kleidung, für die drei Damen aus Samt, passte hier zumindest optisch nichts zusammen.


Meine Vorbehalte gegen die Band wurden insofern bestätigt, als das Publikum oft und nachdrücklich zum Mitklatschen aufgefordert wurde – wobei das ja viele Musiker machen, und auch solche, die ich schätze. Doof finde ich es aber immer.

Das restliche Publikum sah das natürlich anders, klatschte gerne mit und feierte vor allem die Lieder des ersten Albums regelrecht ab. Die Instrumentierung (zu manchen Liedern wurden eine Trompete und Posaune eingesetzt) ging dabei akustisch etwas unter, nicht aber die charmanten isländischen Akzente.


Zum Ende hin hatten wir es wieder etwas eilig, denn wieder einmal galt es angesichts des eng gestrickten Zeitplans zu priorisieren. So waren wir schon auf dem Weg ins Bühne-2-Zelt, als Of Monsters and Men als letzten Song ihren größten Hit „Little Talks “ anstimmten. Schade.

Setliste:

Human
King and Lionheart
Empire
Hunger
We Sink
Dirty Paws
Mountain Sound
Wolves Without Teeth
Lakehouse
Crystals
Little Talks


Interessierter waren wir aber an Death Cab for Cutie, die nun, noch recht früh am Samstag, einen der von uns mit am meisten Vorfreude erwarteten Auftritte absolvierten. Was im einmal mehr sehr vollen Zelt zunächst extrem irritierte, war, dass Gründer und Sänger Ben Gibbard anscheinend keine Sekunde still halten konnte. Die Lieder der Band sind im allgemeinen gar nicht allzu schnell und häufiger recht emotional (wobei die ersten drei zugegebenermaßen eher rockig und fast überhastet klangen), aber alles, was er vorne am Mikrophon sang,  untermalte er mit einem zappeligen Tanz, so dass sein Jeanshemd quasi sofort durchgeschwitzt war. Man bekam richtig Lust, ihm beruhigend die Hand auf den Arm zu legen und zu sagen, dass er jetzt einmal gaaanz entspannt sein soll.  Lediglich, als er für „I Will Possess Your Heart“ und das letzte Lied „Transatlaticism“ an ein im Bühnenhintergrund stehendes Klavier wechselte, wurde es atmosphärisch etwas ruhiger. „I Will Possess Your Heart“ und „Sould Meets Body“ waren auch die Lieder, die beim Publikum am besten ankamen.


Das klingt jetzt furchtbar negativ, tatsächlich gewöhnte ich mich aber irgendwann an die Zappelei, und musikalisch war der Auftritt sehr gelungen. Das Cover des aktuellen Albums „Kintsugi“ zierte den Hintergrund. Zwei Gastmusiker, von denen einer wie der Mandarin aus Iron Man 3 aussah, ersetzten Chris Walla, der die Band nach den Aufnahmen verlassen hatte.

Viel gesagt wurde nicht gerade, recht spät im Set erfolgte eine Bandvorstellung. Nur vor „Marching Bands of Manhattan“ sagte Gibbard, dieser Song sei Mark Gardener von Ride gewidmet. Er könne gar nicht ausdrücken, was für ein großer Einfluss dieser für ihn gewesen sei, er habe ihn gerade backstage kennen gelernt und sei begeistert, wie nett der Brite sei: „Exactly how you want your heroes to be“.


Das Konzert war im Grunde auch „exactly how we wanted it to be“ und hätte gerne auch noch um eine Stunde verlängert werden dürfen. Der Back-Catalogue der Band hätte das auch sicherlich bei gleicher Qualität ermöglicht.

Setliste:

The New Year
Crooked Teeth
Doors Unlocked and Open
The Ghosts of Beverly Drive
Black Sun
Little Wanderer
I Will Possess Your Heart
You Are a Tourist
Cath...
Soul Meets Body
Marching Bands of Manhattan
Transatlanticism


Nach Death Cab For Cutie nahmen wir uns eine Eispause: Das Set von Balthazar auf der Hauptbühne hatte bereits begonnen, und da wir für Ride wieder rechtzeitig im Zelt sein wollten, hätten wir in jedem Fall Anfang und Ende verpasst. Also holten wir uns ein Eis und betrachteten das Bühnengeschehen aus der Ferne.

Was dabei sofort auffiel: Balthazar haben in den Niederlanden einen anderen Bekanntheitsgrad als in Deutschland, wo ich sie erst kürzlich im Kölner Gloria sah. Allein, dass man ihnen gegenüber Death Cab for Cutie und Ride die größere Bühne zugeteilt hatte, sprach Bände – und wie wir nun sehen konnten, war der Zuschauerraum auch gut gefüllt. In unserem B&B hatten wir die Band auch bereits im Radio gehört, wo sonst nur Hits der 80er und 90er liefen. Man kann also sicher sagen: Balthazar sind im flämischen Raum eine große Nummer.


Dem Anlass entsprechend wirkte die Band auch schicker gekleidet als im Kölner Gloria – leider konnte ich aus unserer Distanz sehen, ob  Maarten Devoldere wieder seine geklebten Schuhe anhatte. Überrascht war ich darüber, dass die Kommunikation mit dem Publikum auf Englisch stattfand – ich hatte immer gedacht, dass das belgische Flämisch und Niederländisch weitgehend dieselbe Sprache seien. Vielleicht waren sie sich auch – anders als die Autoren der Menütafeln der Food Trucks – bewusst, dass auch internationale Gäste anwesend waren.

Setliste:

Decency
Then What
Leipzig
The Boatman
Nightclub
The Oldest of Sisters
Bunker
Fifteen Floors
I Looked For You
Sinking Ship
Do Not Claim Them Anymore
Blood Like Wine


Nach der neuen Single „Bunker“ kehrten wir bereits ins Zelt zurück und konnten uns dort auch gleich gute Stehplätze für Ride sichern – wobei sich zunächst nur Deutsche in unserem Alter für die Band zu interessieren schienen. Ich war sehr gespannt auf den Auftritt, denn ich hatte die Shoegaze-Band zu ihren eigentlichen Hochzeiten nie live gesehen, und über die Auftritte seit der überraschenden Wiedervereinigung hatte man nur Positives lesen können. Das sahen wohl auch andere so, denn nach und nach wurde es doch noch sehr voll.


Während im Bühnenhintergrund dieses Mal kein neues Albumcover (welches auch?), sondern nur der Bandname zu sehen war, stellten wir, während als Intro „Fyt“ von This Mortal Coil lief, amüsant fest, dass auf diversen Kisten im Bühnenbereich dick die Buchstaben BE zu lesen waren. Das muss wohl Andy Bells Anteil des Beady Eye-Equipments gewesen sein, denn die Band Liam Gallaghers, deren Gitarrist er war,  hatte sich ja praktischerweise kurz vor der Ride-Reunion getrennt. Vielleicht hat Andy ja irgendwann Zeit, die Buchstaben zu übermalen.


In Ride nimmt Herr Bell zweifellos eine exponiertere Stellung ein als bei Beady Eye oder gar Oasis. Während des Auftritts stand er links von Mark Gardener und sang bei so gut wie jedem Song mit, „Seagull“ und „Vapour Trail“ sogar allein. Gardener, der eigentliche Frontmann, stand in der Mitte und trug einen etwas kurios wirkenden Hut, mit dem er aber aktuell fast immer zu sehen ist – dabei sind die Ride-Fans doch auch nicht mehr komplett faltenfrei, da könnte man eigentlich problemlos zum eigenen Haarverlust stehen. Aber, um vorgreifend meinen Freund zu zitieren: „Wer so gut spielt, dürfte auch im Clownskostüm auftreten.“


Vom Bassist und vom Schlagzeuger nahm man, da sie quasi im Dunkeln agierten, weit weniger wahr. Nachdem kein Keyboarder dabei war, waren die entsprechenden Passagen (sehr markant gleich im ersten Song „Leave Them Alll Behind“) anscheinend vorab eingespielt worden. Die Setliste umfasste eher das Frühwerk von Ride, die meisten Titel (je drei) stammten von „Going Blank Again“ und „Nowhere“, von „Tarantula“ oder „Carnival of Light“ war dagegen nichts dabei. Der Rest der gespielten Songs setzte sich aus frühen EPs der Band zusammen.


Die Setliste ließ jedoch, davon abgesehen, dass auch hier ein längeres Konzert natürlich wünschenswert gewesen wäre, wenig zu wünschen übrig.  Am besten gefielen mir der Opener und „OX4“, aber toll war eigentlich alles, mein Freund konnte sich am meisten für „Seagull“ und „Drive Blind“ begeistern. „Drive Blind“, der letzte Song, ging über in eine ausgiebige Lärm- und Feedbackorgie, bevor der Song dann wieder aufgenommen wurde – großartig. Während die Band sonst weitestgehend eher stoisch geblieben war, geriet während des „Krach-Teils“ alles in Bewegung, der Schlagzeuger stand, Andy Bell erzeigte Rückkoppelungen und alle machten so viel Krach wie möglich.


Und Death Cab For Cutie bekamen ihre Lorbeeren zurück (wenn auch kein Lied gewidmet): Mark Gardener dankte ihnen als Quasi-Vorband und sagte über sie „There are many good bands and some great ones“. Darüber, dass Ride ebenfalls auf diese Liste gehören, waren sich wohl alle Zuschauer einig. Das höchste mögliche Lob kam wohl von meinem Freund, der feststellte, dass Noel Gallagher (wegen dem er ja das Festival hatte besuchen wollen) dieses Konzert nicht würde toppen können. Was für ein Glück, dass wir Ride dieses Jahr noch einmal sehen dürfen!


Setliste:

Leave Them All Behind
Like a Daydream
Polar Bear
Seagull
Sennen
OX4
Time of Her Time
Dreams Burn Down
Taste
Vapour Trail
Drive Blind


Zurück im Tageslicht hatten mittlerweile die Vaccines die Hauptbühne erklommen. Wieder so eine Band, deren erstes Album mir gefiel, und die ich dann nicht so recht weiter verfolgt habe. Die Vaccines sind große Poser, einige Bandmitglieder trugen eine Art Teamjacke, auf deren Rücken irgendetwas über Vietnam stand, alle Musikinstrumente, vom Schlagzeug bis hin zu den Gitarren und Bässen, waren weiß und die Bühnenlautsprecher von unterschiedlich leuchtenden Neonröhren eingefasst. Frontmann Justin Young hat offenbar eine Anleitung über die besten Rockstargesten und -bewegungen studiert, denn er bot sie alle nach und nach dar.


Wiederum zeigte sich, dass die Bandvorlieben in Deutschland und Holland sich offenbar unterscheiden, den einen Slot als Co-Headliner hatten die Vaccines beim Hurricane und Southside Festival bei weitem nicht ergattern können, dort fanden ihre Auftritte mittags (ab 13:30 Uhr) bzw. nachmittags (ab 16:45 Uhr) statt.


So richtig Ernst nehmen konnte ich das alles nicht, aber das war ja auch gar nicht notwendig (und möglicherweise auch nicht beabsichtigt). Bei den Zuschauern kam die Band hervorragend an, viele Lieder wurden mitgesungen und frenetisch abgefeiert, am meisten “If You Wanna”. Nur der Hit “Post Break-up Sex” fehlte seltsamerweise.

Setliste:

Handsome
Ghost Town
Dream Lover
Wetsuit
Minimal Affection
Bad Mood
Wolf Pack
All In White
Melody Calling
Give Me A Sign
Teenage Icon
If You Wanna
Norgaard
Wreckin' Bar (Ra Ra Ra)


Nach den Vaccines konnten wir zur Abwechslung einmal bleiben, wo wir waren, denn als Headliner der Hauptbühne war Noel Gallagher als nächstes dran. So sicherten wir uns bühnennahe Stehplätze und warteten eben.

Auch Noel hatte natürlich ein Banner zur Bühnendekoration dabei, und zwar eines, das man bei der Europatour vor einigen Monaten noch nicht gesehen hatte. Es wurde schlicht von den Buchstaben „NGHFB“ geziert.


Noel selbst erschien samt Band mit einigen Minuten Verspätung zum Intro „Shoot a hole into the sun“. Natürlich erwartete ich aufgeregt, was der Künstler an diesem Abend anhaben würde. Ein langärmliges Polohemd wie in Düsseldorf? Ein kurzärmliges wie in Brüssel? Ein Karohemd wie in Mailand? Die Antwort lautete dann: eine Lederjacke. Eine Begrüßung gab es zunächst nicht, dafür als ersten Song „Everybody’s on the Run“. Die Band schien, inklusive der drei nur zu einzelnen Liedern (etwa „Riverman“) auftretenden Bläser, dieselbe zu sein wie bei der Europatournee, wurde aber nicht vorgestellt.


Noels erste Worte ans Publikum waren irgendetwas mit „Shit“, möglicherweise „Eat fucking shit“. Offenbar hatte ihn jemand im Publikum durch ein Banner oder Schild geärgert. Wenig später wurden wir dann doch noch ganz normal begrüßt.

Die Setliste entsprach in etwa der (gegenüber März und April leicht veränderten) aktuellen Liste von Songs, die Noel aktuell immer spielt – wenn auch stark gekürzt. So wurden nur 14 der sonst üblichen 20 Songs gespielt und „Do The Damage“, „The Death Of You And Me“ oder „Ballad Of The Mighty I“ fielen leider dem Rotstift zum Opfer.


Leider entschloss er sich an diesem Abend, ausgerechnet das erst in den letzten Wochen häufig gespielte „Whatever“ wegzulassen, dabei wäre das für uns der einzige „neue“ Livesong gewesen. Auf den LED-Wänden seitlich der Bühne konnte man teils dieselben Projektionen sehen wie bei der Europatournee, beispielsweise Kinderbilder aus den 70ern zu „Fade Away“.

Zweimal noch sprach Noel mit dem Publikum, zuerst fragte er, welche Bands man heute so gesehen habe und welche die beste gewesen sei. Als jemand im Publikum „You“ rief, sagte er nur „... ist he correct answer!“. Schon fast am Ende des Sets, vor „Digsy’s Dinner“, fragte er dann, ob Fans aus Manchester anwesend seien (angeblich schon) und widmete ihnen den Song.


Eine Zugabe gab Noel als einziger Headliner des Festivals nicht, wobei der Vergleich zu den Konzerten im Frühjahr zeigte, dass er die Standard-Zugaben einfach schon in anderer Reihung mit gespielt hatte: Nach „The Masterplan“ und einem mit Textproblemen gesungenen „AKA... What a Life!“ war mit „Don’t Look Back in Anger“ das zu kurze Set auch schon wieder beendet.

Neben „Don’t Look Back in Anger“ war sicherlich „Champagne Supernova“ der beliebteste und am meisten mitgesungene Song des Abends, aber die Stimmung war insgesamt sehr gut.


Setliste:

Everybody's on the Run
Lock All the Doors
In the Heat of the Moment
Fade Away
Riverman
You Know We Can't Go Back
Champagne Supernova
Dream On
The Mexican
If I Had a Gun...
Digsy's Dinner
The Masterplan
AKA... What a Life!
Don’t Look Back in Anger

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