Neulich beim Jubiläum: Maifeld Derby 2015, Tag 3

U.

Der dritte Tag des Maifeld Derbys begann für uns erst nachmittags – nachdem wir schweren Herzens auf den Mittagsauftritt von Hello Piedpiper verzichtet hatten. Die Ohren waren (hauptsächlich natürlich von Mogwai) noch müde, und der Rest von uns auch.


An diesem Tag machten wir zunächst einen Besuch bei der Steckenpferddressur, die dieses Jahr deutlich an Sensationen zugenommen hatte. Mit einer einfachen Kür war da bezüglich Siegchancen wohl nichts mehr zu machen, die meisten Teilnehmer involvierten Freunde als Moshpit, lebendiges Hindernis und sicherlich vieles mehr. Eine Teilnehmerin hatte sogar, statt sich für eines der vier vorhandenen Steckenpferde zu entscheiden, ihr eigenes dabei und absolvierte ihren Pflicht- und Kürteil auf „Guinness“, den die Jury vorher beeindruckt gestreichelt hatte.


Unser erster Musikact des Tages war die amerikanische (mehrheitliche) Frauenband Waxahatchee, deren Sound mich sofort an 90er Jahre Grunge, insbesondere Hole erinnerte. Übrigens ist Waxahatchee eigentlich ein Soloprojekt der Sängerin Katie Crutchfield, die Band hat sie nur zum Touren dabei.


Sowohl das Stammmitglied als auch das Reiseteam von Waxahatchee  erschien mir als etwas zwanghaft hip: nabelhohe 80er Jahre Jeans, extrakurzes Top aus derselben Epoche, absichtlich ausgebleichtes Blümchenkleid aus den 90ern … scherzhaft meinte ich zu meinem Freund, die Band stamme sicherlich aus Brooklyn, was sich dann auch prompt als wahr herausstellte. Musikalisch konnte mich das Ganze auch nicht fesseln.


Anschließend ging es ins Zelt zu Mew. Beim Probehören diverser Bands in der Vorbereitung aufs Derby hatte ich meinem Freund gesagt, dass mir die dänische Band vergleichsweise gut gefallen hätte, was er recht ungläubig zur Kenntnis nahm.

Auf der Bühne löste Mew bei uns sofort die Frage aus, wie die Bandmitglieder sich wohl kennen gelernt haben mochten: Der Bassist sah mit seinen komplett tätowierten Armenaus wie ein Rocker, der Keyboarder mit seinen langen Locken wie ein Hippie und der Sänger, als sei er zehn Jahre jünger als die restliche Band und Erdkundelehrer…


Die Skepsis meines Freundes angesichts meiner Aussage war insofern verständlich, als ich die Musik der Band mit dem ähnlichen Namen, Muse, stets ablehne, weil mir das alles zu melodramatisch ist. Auch in Mews Musik fehlt es nicht an Pathos, sie gefällt mir aber dennoch besser. Das mag auch daran liegen, dass das Set sich als Best-of Review entpuppte und keine der sperrigeren Titel der Band enthielt. Von den ersten zehn Songs der Setliste waren acht Singles aus den letzten 13 Jahren. Nur "The Night Believer" und "Saviours of Jazz Ballet" sind Albumtitel.

Akustisch wurde ein kurzes Medley aus "Clinging To A Bad Dream", "The Zookeeper's Boy" und "Louise Louisa" dargeboten - eine etwas komische Idee, nachdem einer dieser Songs bereits in voller Länge gespielt worden war. Technische Probleme am Keyboard ließen uns anschließend um den letzten Song der Setliste bangen. Doch nachdem diese behoben waren, präsentierten uns Mew das neunminütige Highlight "Comforting Sounds".


Im Programmheft war zu lesen, dass Mew in Dänemark große Hallen füllen, während sie im restlichen Europa eher ein Geheimtipp sind. Ich freue mich jedenfalls darauf, die Band in drei Wochen beim Best Kept Secret Festival wiederzusehen.

Setliste:

Witness
Satellites
Special
The Zookeeper's Boy
The Night Believer
Beach
Am I Wry? No
156
Apocalypso
Saviours of Jazz Ballet (Fear Me, December)
Medley (Clinging To A Bad Dream / The Zookeeper's Boy / Louise Louisa)
Comforting Sounds


Anschließend war eine Esspause angesagt, in der ich endlich ein Handbrot ergatterte (was natürlich in den vorangegangenen Tagen auch möglich gewesen wäre, aber die Schlange an diesem Stand war immer so lang). Auf der direkt an den Cateringbereich angrenzenden Fackelbühne spielten nun vor einer großen und begeisterten Zuschauerzahl die Österreicher Wanda, und zwar so laut, dass ich mein Brot mit Ohrenstöpseln aß (also in den Ohren, nicht auf dem Brot). Grundsätzlich überzeugte mich Wandas Musik nicht, aber ich muss zugeben, dass der als letztes gespielte „Hit“ der Band, „Bologna“, sich hervorragend als Ohrwurm eignet.

Anders als in den vorangegangenen Jahren war der Parcours d’Amour dieses Mal auch am letzten Festivaltag geöffnet, was prima war und möglicherweise mit der Verlegung des Festivals auf Pfingsten zu tun hatte (Gewinn eines kompletten Feiertags zum Abbauen für die Helfer). Nach dem Ende des Wanda-Auftritts trafen wir dort die Australier Husky an.  Der Parcours war ein weiteres Mal extrem gut gefüllt, so dass wir nur noch seitlich einen Platz ergatterten und so auch den Vorteil des durchsichtigen Baldachins über der Bühne erkannten: Wir konnten die Band immerhin durch eine Plastikwand sehen.

Husky sind live nicht ganz so soft wie auf Platte. Hits wie "I'm not coming back" animierten vereinzelte Fans dazu, auf ihren Plätzen und vor der Bühne zu tanzen. Von allen Parcours-Konzerten, die wir bei diesem Derby sahen, hatten Husky die meisten Zuschauer.


Natürlich hatten wir aber schon wieder einen anderen Termin, der nahte, und so verließen wir den Auftritt schon bald wieder, um zu Fink ins Palastzelt zu gehen. Der ehemalige Triphop-DJ Fin Greenall macht heutzutage eher nachdenkliche Musik. Als wir ins Zelt kamen, war er aber zunächst noch mit Aufbauen beschäftigt und ignorierte das Publikum. Immerhin konnten wir aber seine gewaltige Halskette und seine äußerst bunten Sneaker betrachten. Fink hatte eine Gitarre, die von seinem Albumcover geziert wurde - eigentlich seltsam, dass man so etwas nicht öfter sieht.

Für mich als Songzeilen-Mitschreiberin (für die Setlisten) war es überaus angenehm, dass auf dem ganzen Festival Fink der Musiker war, den ich sowohl beim Sprechen als auch beim Singen am besten verstand, und das schließt die deutschsprachigen mit ein.


Als der Keyboarder gegen Ende des Sets plötzlich in Nebelwolken gehüllt war, lachten sich Fink und sein Gitarrist schlapp und forderten eine Wiederholung der Nebelpracht. Als der Keyboarder erneut von Nebel umhüllt war, führte Fink eine dramatische Zauberergeste aus, der Nebel lichtete sich un der Keyboarder war... verschwunden.


Vor „Looking Too Closely“ erklärte er, er habe den Song zunächst nicht veröffentlichen wollen, weil er ihm als zu kommerziell erschienen sei. Seine Managerin habe dann erklärt, sie werde hinschmeißen, wenn das Lied nicht aufs Album käme. Wie sicherlich die meisten im Publikum teilten wir die Ansicht der Managerin.

Am Ende des Fink-Sets konnten wir zwei Dinge beobachten, die unsere Sympathien für das Maifeld Derby bestätigten. Zum einen gab es wieder einmal frenetischen Applaus, und man konnte Greenall und seiner Band anmerken, dass sie über den Jubel gleichermaßen überrascht wie erfreut waren (während des Sets hatte er bereits gesagt, dass er sich mit seiner Musik auf Festivals häufig fehl am Platz fühle). Zum anderen bedankte Greenall sich besonders ausführlich bei der Dame am Mischpult, die Derby-seitig seinen Sound gestaltet hatte, weil sie ihre Sache offenbar besonders gut gemacht hatte.


Setliste:

Pilgrim
Warm shadow
Sort of Revolution
Hard Believer
Looking too closely
This is the thing
Wheels
Berlin Sunrise


Nun machten wir uns auf den Weg zum Brückenaward-Zelt, wo es zunächst danach aussah, als würde die belgische Band BRNS (sprich: Brains) für uns allein auftreten: Die Musiker befanden sich bereits im Soundcheck auf der Bühne, Publikum war aber mehr oder weniger nicht vorhanden. Das änderte sich glücklicherweise noch, und tatsächlich wurde das Zelt noch sehr voll, insbesondere, wenn man bedachte, dass parallel die Tages-Headlinerin Róisín Murphy spielte.

Die Besonderheit von BRNS ist, dass der Sänger der Band gleichzeitig der Schlagzeuger ist. Die Maifeld-Betreuer hatten die Band wohl ein bisschen vergessen, denn nach dem ersten Song bat er erst einmal um ein Bier für alle Musiker, was dazu führte, dass aus dem Publikum zumindest einige halbvolle Becher gereicht wurden. Kurz danach materialisierte sich am Bühnenrand auch ein eilig herbeigeschaffter Bierkasten.


Bei "My Head Is Into You" spielten drei der vier Bandmitglieder Melodika, der vierte Bandkollege hatte als Ausgleich ein seltsames buntes Glockeninstrument, das er nahezu bei jedem Song benutzte, und zu "Slow Heart" kam ein Kinderklavier vom Flohmarkt zum Einsatz.


Der Auftritt von BRNS sorgte bei allen im Zelt für große Begeisterung, die bei ihrem "Hit" "Mexico" kulminierte. Das Publikum forderte nach "Our Lights" lautstark eine Zugabe. Das klappte leider nicht, aber die Band kehrte zumindest auf die Bühne zurück und verkaufte höchstpersönlich Merchandise.

Setliste:

Void
Here Dead He Lies
Omen
My Head Is Into You
-
Slow Heart
Mexico
Many Chances
Behind The Walls
Clairvoyant
Our Lights


Begeisterung bei allen im Zelt? Ich wanderte im Gegensatz zu meinem Freund nach drei Liedern ab, weil mich doch interessierte, was Róisín Murphy so machte. Als ich das Palastzelt betrat, war ihr Auftritt , zudem weniger Publikum erschienen war als zu Archive and Mogwai am Vorabend, bereits im Gange, die Sängerin trug einen schwarzen Anzug und eine Sonnenbrille mit Plüsch, ein etwas seltsames Bühnenoutfit. Schnell wurde jedoch klar, dass es für so gut wie jedes Lied ein neues Outfit gab, es folgte eine Fellhose mit rotem Blazer, eine Kostümierung als Rose und ein Paillettenkleid, das zunächst von einem Mantel und Kopftuch bedeckt war, zuletzt noch diverse Masken.


Bei so viel Bühnenaction - Róisín hatte auch massenweise Musiker dabei, und im Bühnenhintergrund gab es manchmal Projektionen - wurde die Musik schon beinahe nebensächlich, was sicherlich viel damit zu tun hatte, dass sie mir nicht sonderlich gefiel. Murphys ehemalige Band Moloko war nicht ganz meins gewesen, hatte aber doch den einen oder anderen guten Song, während ich ihr Solomaterial überhaupt nicht kannte und beim Konzert auch ziemlich nichtssagend fand. Das restliche Publikum sah das aber anders und forderte nach dem regulären Ende eine Zugabe, die in diesem Fall - anders als bei allen anderen Derby-Auftritten, die wir gesehen hatten - auch gewährt wurde. Sie sang uns das italienische "Non Credere" (Murphy hat eine ganze EP mit italienischen Coversongs veröffentlicht). Vorher hatte sie definitiv "Dear Miami", "House of Glass" und "Jealousy" zum besten gegeben, mehr kann ich zur Setliste nicht sagen.


Fehlt noch ein Fazit: Musikalisch war mein fünftes Maifeld Derby für mich das schwächste, aber das wusste ich auch schon vor der Anreise und ist reine Geschmackssache. Organisatorisch wird das Festival von Jahr zu Jahr immer besser, so dass mir eigentlich nichts zum Meckern einfällt. Mehr Sitzgelegenheiten wären prima, und fünf bis zehn Minuten Pause zwischen den Bandauftritten, das war's aber auch schon.


Im vergangenen Jahr konnten einige Bands wie der Headliner The National anscheinend hauptsächlich gebucht werden, weil sie wegen des Primavera-Festivals sowieso schon in Europa waren. Wenn das stimmt, wäre es natürlich ratsam, den Festivaltermin in Zukunft wieder parallel zu einem größeren zu legen.

Ansonsten: Bitte so weitermachen!

Neulich beim Jubiläum: Maifeld Derby 2015, Tag 2

U.

Der Maifeld-Samstag begann mit der schwierigen Entscheidung, was der richtige Zeitpunkt sei, zum Festivalgelände zu fahren. Letztlich fiel die Entscheidung auf das Set der jungen Norwegerin Aurora am späten Nachmittag im Palastzelt. Die 18jährige hat noch kein Album, wurde im Programmheft aber über alle Maße gelobt, ein kurzer Youtube-Check war ebenfalls positiv ausgefallen.


Aurora wirkte auch auf der Bühne unglaublich jung, die Tatsache, dass die kleine Frau einen riesigen schwarzen Blazer über einem sackartigen Kleid trug, verstärkte diesen Eindruck noch. Beim Darbieten ihrer eindringlichen Songs entwickelten ihre wedelnden Arme häufig eine Art Eigenleben, ihre Stimme liegt irgendwo zwischen Björk und den Cranberries. Bei den meisten Songs wurde sie von Gitarre, Schlagzeug und Keyboard begleitet, zwei Lieder, "Awakening" und "Murder Song" trug sie aber allein mit dem Gitarristen vor.

Besonders sympathisch wirkte ihre immer wieder geäußerte Freude über die unerwartet große Zuschauerzahl im Zelt: „There are so many of you!“ „Thank you for being so many!” “You are now many more than when I first said there are so many of you!“


Vielleicht lag es an der Resonanz, das die Sängerin vor “Running With The Wolves” den riesigen Blazer abwarf und nach ihrem Gesangspart im letzten Lied “Conqueror” ihre In-Ears sorgfältig auf dem Boden ablegte, um dann einen wilden Tanz aufzuführen, der auch bei der Keyboarderin auf der Bühne Überraschtheit auslöste - den Tanz bekommt also wohl nicht jedes Publikum zu sehen!

Die spontane und recht hektische Fahrt zum Festival hatte sich gelohnt, denn wir wurden mit einem der (für uns) besten Auftritte des Maifeld Derbys 2015 belohnt.


Setliste:

?
Warrior of love
Runway
Under the water
Awakening
Murder Song
Under Stars
Running with the wolves
Conqueror

Nach diesem schönen Konzerteindruck wanderten wir zu Amish Winehouse im Parcour d’Amour. Mal ehrlich, wer gibt seiner Band einen derart bescheuerten Namen?


Angesichts des Bandnamens hätte ich eher eine krachige Schülerband erwartet, aber Amish Winehouse sind eine durchaus erwachsene Band aus den Niederlanden, die ruhigen Folkpop macht. Ein Song wurde mit den Worten: „The next song is a bit loungy, so you can all chill in a melancholy way“ angekündigt – aber ehrlich gesagt galt dieses Statement für jedes Lied.

Da das Ganze musikalisch eher langweilig ausfiel, fanden wir es nicht so schlimm, dass die Band ihren zugedachten Zeit-Slot bei weitem nicht ausfüllte und das gesamte Set nur etwa 25 Minuten dauerte. So waren wir überraschend schnell wieder auf dem Rückweg ins Palastzelt.


Dort war nun The Soft Moon an der Reihe, eine amerikanische Ein-Mann-Band, die bereits im Vorprogramm von Depeche Mode zu sehen war. Ich war nach Lektüre der Programmheftbeschreibung an dem Auftritt interessiert gewesen, hielt ihn aber letztlich nur fünf Lieder lang aus, die Musik war doch allzu krachig nach Art der lautesten Lieder von Nine Inch Nails. Luis Vasquez bediente zu den Liedern abwechselnd Gitarre, Keyboard oder auch mal ein Fass, man konnte aber in Nebel und Dunkelheit kaum etwas sehen. Letztlich passte der Auftritt weder sonderlich gut zum frühen Abend noch zum Maifeld Derby.


Also ging es eben wieder raus ins Tageslicht, wo nun auf der Fackelbühne der Auftritt von The Rural Alberta Advantage begann. Im Programmheft stand, die Band habe via Facebook Spargel-Catering geordert, was ja schon einmal sympathisch klingt. Auf der Bühne bot das kanadische Trio eingängigen Folk-Pop, der viele zum Mitsingen und-tanzen anregte. Letzteres hatte sicher auch mit der vor wenigen Minuten beendeten Bundesliga-Saison zu tun, denn einige der begeisterten Tänzer trugen VfB Stuttgart- und FC Augsburg-Trikots. Aber auch sonst haben The Rural Alberta Advantage, die viele Songs von ihrem aktuellen Album "Mended With Gold" spielten, offenbar Fans in Mannheim.


Setliste:

Stamp
Muscle relaxants
Don't haunt this place
Our love...
Drain the blood
Tornado 87
Frank, AB
On the rocks
Runners in the Night
Terrified
Edmonton
Barnes' Yard


Im Zelt waren nun die Maifeldderby-Veteranen Sizarr zu sehen, die bereits vor zwei Jahren hier aufgetreten waren – und vor drei Jahren angekündigt, aber von einem Gewitter am Konzert gehindert worden waren. Die drei Musiker aus Landau haben in der Zwischenzeit ein zweites Album veröffentlicht und offensichtlich ihre Fanbasis erweitert, denn das Zelt war gut gefüllt, in den ersten Reihen mit vorwiegend jungen und weiblichen Anhängern.

Nicht geändert hat sich, dass die Band nicht sonderlich gesprächig ist, lediglich zu einer Vorstellung und der Empfehlung, bitte auch den Auftritt der befreundeten Band Drangsal zu besuchen, konnte man sich durchringen.


Sizarrs Sound ist heutzutage teilweise etwas rockiger als früher. Philipp Hülsenbeck wechselte nur selten ans Keyboard, während Fabian Altstötter beim Singen teils Gitarre oder Keyboard spielte, teils Rasseln schwenkte. Die Instrumente der Band waren seltsam am Bühnenrand auf Podeste gestellt worden, so dass sich Fabian dazwischen in einem Graben zu befinden schien.

Irgendwie lassen mich Sizarrs Auftritte immer etwas ratlos zurück. Für mich wäre es hilfreich, wenn die Band etwas Spielfreude vermitteln könnte, sei es nun Verbal oder durch Mimik / Gesten. Interessante Songs sind ja durchaus vorhanden. So kamen neben den älteren Hits wie "Purple fried" und "Boarding time" vor allem "Baggage man" sehr gut an.


Setliste:

I may have lied to you
Clam
Purple fried
Run dry
Scooter Accident
Baggage man
You and I
How much for this
Boarding time
Timesick


Anschließend war ein kleiner Spurt in den Parcours d’Amour angesagt, wo bereits Charlie Cunningham aufspielte. Der britische Musiker, der noch kein Album veröffentlicht hat, begleitete seine ruhigen Balladen selbst auf der Gitarre und schaffte es gleichzeitig, auf dem Corpus einen Rhythmus zu klopfen.

Er zeigte sich sehr angetan darüber, dass der Parcours so voll war, insbesondere angesichts der Tatsache, dass parallel die Amerikaner Brand New auf der Fackelbühne standen (und ergänzte scherzhaft, dass manche jetzt sicher bestürzt dächten: „Was? Brand New spielen auch hier und ich bin stattdessen hier?“). Auch das restliche Lineup des Festivals, insbesondere Mogwai, schien seinen Geschmack zu treffen.


Eine Setliste kann ich nicht anbieten, aber Cunningham erklärte bei einem Lied, es handele davon, Heroin ausprobieren zu wollen, wenn sich das Leben sowieso dem Ende nähere, aber wirklich erst dann. Cunninghams Auftritt wurde, wie die meisten im Parcours, mit sehr viel Ruhe und anschließendem Applaus bedacht.


Auch unser Besuch im Parcours d’Amour näherte sich schnell seinem Ende, denn wir mussten zurück ins Palastzelt zum Headliner Archive.

Archive ist so eine Band, gegen die ich überhaupt nichts habe, mit der ich mich aber auch noch nie richtig auseinander gesetzt habe. Um so gespannter war ich auf den Liveauftritt. Das Festivalgelände hatte sich in den letzten paar Stunden deutlich stärker gefüllt, so dass ich annahm, dass viele Besucher extra für die Auftritte von Archive und Mogwai Tagestickets erworben hatten.


So war das Palastzelt dann auch recht dicht gefüllt, als die Band die Bühne betrat. Mein Freund hatte mir vorab erklärt, dass Archive manchmal mit und manchmal ohne Sängerin auftreten (korrekter wäre es wahrscheinlich, zu sagen, dass Archive ein Künstlerkollektiv sind, bei dem zwei Frauen dabei sind, das aber in wechselnder Besetzung live auftritt), und es zeigte sich schnell, dass ihre Derby-Performance „ohne“ war – was ich bedauerte und was sich, zum Beispiel durch das Fehlen von "Black And Blue", auch auf die Setliste auswirkte. Erschienen waren ein Schlagzeuger, links bzw. rechts neben ihm ein Bassist und ein Gitarrist, an beiden Bühnenrändern waren zwei Keyboarder platziert. Sie alle trugen eine Art schwarze Uniformjacke, auf deren Ärmeln das stilisierte „A“ für Archive zu sehen war.


Vorne am Bühnenrand befanden sich Pollard Berrier und Dave Penn, beide ohne Uniformjacke, und übernahmen annähernd abwechselnd den Leadgesang. Beide spielten manchmal Gitarre, Penn gelegentlich auch unterstützend Schlagzeug.

Das zumindest mir am beste bekannte Lied „Fuck U“ wurde schon früh im Set dargeboten und im Publikum eifrig mitgesungen, ansonsten boten die meist mit langen Instrumentalteilen versehen Songs eher Anlass zum Mittanzen als zum Mitsingen. Auf der Bühne war es dabei recht dunkel, es gab auch keine Deko – lediglich der jeweilige Leadsänger wurde leicht angestrahlt.


So richtig konnte mich Archives Auftritt nicht fesseln, da ich insgesamt wenig Begeisterungsfähigkeit bezüglich endloser Instrumentalteile aufbringen kann. Ich hatte aber den Eindruck, dass die Band beim Publikum gut ankam.


Setliste:

Feel It
Fuck U
Dangervisit
Finding it so hard
?
Ruination
Conflict is
Bullets
Ride in squares
?

Anschließend legten wir ein weiteres Mal den Weg zum Parcours d’Amour zurück, wo die Bühne mittlerweile rot angestrahlt war und Musée Mécanique auf ihr standen. Die Tribüne war voller, als wir sie bislang erlebt hatten, es waren also bei weitem nicht alle Festivalbesucher bei Archive gewesen und hatten sich für eine ruhigere Variante entschieden.

Konstantin Gropper von Get Well Soon hatte sich im Programmheft als Musée Mécanique-Fan geoutet, und in der Tat ließen sich durchaus Parallelen zwischen den Arrangements dieser Band und denen von Gropper ziehen – auch wenn der Gesang völlig anders klang.


Auch hier kann ich keine Setliste anbieten, zumal wir wieder einmal den Anfang verpasst hatten, aber bei unserem Eintreffen wurde gerade die Single „A Wish We Spoke“ angekündigt und erklärt, dass der Musikexpress das Video featured. Dieser Blog übrigens auch, aber das konnte die Band am Samstagabend noch nicht wissen.

Zum letzten Song des Sets wurde uns erklärt, es handele sich um "The Shaker's Cask", den Epilog des (Konzept-) Albums "From Shores Of Sleep" und beziehe sich auf Robert Schumann, den wir ja sicher alle bestens kennen würden. Das hat möglicherweise nicht ganz gestimmt.


Zurück im Palastzelt war die Zeit für den zweiten Headliner des Samstags gekommen: Mogwai. Wer oben in meinen Sätzen zu Archive gelesen hat, dass ich mich für endlose Instrumentalteile nur selten begeistern kann, wird nicht sonderlich überrascht darüber sein, dass mich auch die Ankündigung der schottischen Band nicht in Begeisterungsstürme versetzt hatte. Im Grunde geht es mir bei Mogwai ganz ähnlich wie bei Archive (und anders als bei José González): Ich verstehe schon, was anderen daran gefällt, kann es aber selbst nur schwer teilen.

Dabei sorgte die Instrumentalband sogar für einige Gesangseinlagen – bei einigen Songs kam ein Zusatzmusiker auf die Bühne, der einmal sang ("Mexican Grand Prix"), gelegentlich auch andere Instrumente (Geige und Schlagzeug) bediente, und auch der Keyboarder sang bei einigen Songs stimmverzerrt mit. Der Mittelteil der Bühne blieb, in Abwesenheit eines eigentlichen Sängers, aber meistens verwaist.


Der Hintergrund war nun nicht mehr komplett frei von Deko (wie vorher bei Archive), sondern war an der Rückseite mit einem Banner des letzten Albumcovers dekoriert, das neonartig leuchtete. Jedoch wurden mit "Deesh" und "Remurdered" nur zwei Songs aus "Rave Tapes" dargeboten. Ansonsten wurde die Bühne von Verstärkermassen verziert. Diese hatten auch Auswirkungen, denn beim nun stattfindenden Klangfeuerwerk war ich doch sehr, sehr froh, Ohrenstöpsel dabei zu haben, und auch mein im allgemeinen weniger lautstärkeempfindlicher Freund griff hastig zum Schallschutz. Man soll Mogwai auf dem gesamten Gelände sehr gut gehört haben…

Besonders „gemein“ war "Mogwai Fear Satan", das langsam auszuklingen schien, dann aber plötzlich nochmals mit voller Lautstärke infernalisch weiter ging. Interessant war das Set in jedem Fall, musikalisch fand ich es ebenfalls angenehm, aber große Freunde werden Instrumental-Endlostracks und ich wohl nie werden.


Setliste:

White Noise
I'm Jim Morrison, I'm Dead
Rano Pano
Mexican Grand Prix
Ithica 27ø9
Hunted by a Freak
Mogwai Fear Satan
How to Be a Werewolf
Deesh
Remurdered
2 Rights Make 1 Wrong
We're No Here

Neulich beim Jubiläum: Maifeld Derby 2015, Tag 1

U.
Mir kommt es gar nicht so vor, als sei mein Besuch beim ersten Maifeld Derby bereits so lange her, aber es ist Tatsache: Das Festival feierte dieses Jahr schon seinen fünften Geburtstag. Aus einer zweitägigen Veranstaltung ist über die Jahre ein Drei-Tages-Event mit vier Bühnen und dem höchst ernsthaften Wettbewerb „Steckenpferd-Dressur“ geworden, geblieben ist der Ort, ein Reitplatz am Mannheimer Stadtrand.


Lange waren wir uns trotz früh erworbener, vergünstigter „Scheuklappen-Tickets“ nicht sicher gewesen, ob wir dieses Jahr wirklich wieder nach Mannheim fahren sollten. Die Headliner waren mit Roísín Murphy, Archive, Mogwai und José Gonzales zwar für ein Festival dieser Größe absolut adäquat, aber ich hätte mir keinen von ihnen ausgesucht. Und auch unter den vielen, vielen weiteren Bands und Einzelkünstlern war dieses Mal im Vorfeld nicht wirklich etwas für mich dabei.

Letztlich tröstete ich mich dann mit dem Gedanken, dass mich in vergangenen Jahren einige Künstler, die ich vorher überhaupt nicht gekannt hatte, durchaus beeindruckt hatten, beispielsweise The Miserable Rich oder Spaceman Spiff. Das müsste doch wieder zu schaffen sein, außerdem bleibt das Maifeld Derby auch nach fünf Jahren eine höchst angenehme Veranstaltung, bei der viele Ärgernisse anderer Festivals (nervige Mitgäste, Gedrängel und Staus auf den Wegen zwischen den Bühnen, penetrante Sponsoren, übertriebene Sicherheitskontrollen) einfach nicht existieren.

Bei unserer Ankunft zeigte sich zunächst, dass sich dieses Mal im Vergleich zum Vorjahr nicht allzu viel geändert hatte. Die Schlange zur Bändchenausgabe funktionierte in einer angemessenen Geschwindigkeit. Die Bühnen befanden sich an denselben Orten wie im Vorjahr, lediglich die Verkaufsstände, die kein Essen im Angebot hatten, waren auf den Weg zur Akustikbühne Parcours d’Amour gezogen. Die Essensstände befanden sich wie gehabt alle in einer Gruppe, allerdings fehlte zu unserer großen Überraschung erstmalig die Landmetzgerei Kumpf, die gerade in den ersten Jahren des Festivals die Verpflegung mehr oder weniger komplett übernommen hatte.


Dafür lachte mein Vegetarierinnenherz angesichts der Auswahl zwischen Falafel, vegetarischem Chili, Pommes Frites, Handbrot, Maultaschen, Asia-Essen und Kuchen, und wenig später entdeckten wir am Hamburger Currywurst-Stand auch den handgeschriebenen Hinweis, er verkaufe ausschließlich Würste von Kumpf. Für die Traditionalisten unter den Gästen war also ebenfalls gesorgt!

Nach kurzer Orientierung gingen wir zum Parcour d’Amour, dessen Bühne auch in diesem Jahr eine Veränderung erfahren hatte. Bereits im Vorjahr hatte sie sich nicht mehr in den vordersten Sitzreihen des Reitstadions befunden sondern davor, was den Zuschauerraum vergrößerte, aber auch die Künstler gegebenenfalls Regen aussetzte – geschützt waren sie nur durch ein Dache, aber nicht von der Seite. Wohl um das zu verbessern, hatte die Bühne dieses Mal eine Art Rundbogen aus durchsichtigem Plastik.

Auf ihre befand sich bei unserem Eintreffen am frühen Freitagabend zunächst noch Patrick Bishop, ein Folkmusiker aus der Schweiz, der sich vor allem dadurch in mein Gedächtnis einbrannte, weil er offenbar nicht weiß, wie alt er ist – zumindest erklärte er, er werde 2016 20 Jahre alt, weshalb die Person mit der Sitznummer 1986 ein Album geschenkt bekäme. Irgendetwas kann da nicht gestimmt haben ...


Eigentlich hatten wir uns im Parcours eingefunden, um die im Zeitplan als nächstes vorgesehene Kooperation zwischen Get Well Soon und dem Schriftsteller Arnold Stadler zu sehen. Man konnte im Hintergrund aber gut sehen, wie And The Golden Choir seine zahlreichen Instrumente auspackte sowie kleine Tische zusammenschraubte, und ein Blick auf Facebook bestätigte schon bald, dass die beiden Slots getauscht worden waren – zum Unmut vieler, die direkt nach Get Well Soon auf der Hauptbühne die russische Band Motorama sehen wollten und sich nun unerwartet zwischen beiden Bands entscheiden mussten. Und war es egal, wir waren ohnehin an allen drei Band interessiert.


Als die Bühne frei war und Tom Siebert auch hier seine And The Golden Choir-Instrumente aufbauen konnte, bemerkte ich zunächst, dass er zwar wieder einen schwarzen Pullover trug, aber ein anderes Modell als wir in Wetzlar gesehen hatte. Zum Auftritt selbst trug er aber wieder den bekannten Pullover, er hat also offenbar einen „Bühnenpullover“.

Richtig glücklich scheint And The Golden Choir nicht mit dem spontan nach vorne verschobenen Auftritt gewesen zu sein. Vielleicht haben ihm auch technische Probleme zu Beginn des Auftritts – er brach den ersten gesungenen Song zunächst ab, weil ein brummendes Geräusch störte – die Laune verdorben.


Das Set an sich war eine verkürzte Version von dem, das ich vor kurzem in Wetzlar gesehen hatte, wobei vor allem die schnelleren Songs in der Setliste verblieben waren. Neben den uns bereits bekannten kuriosen Instrumenten wie Santur oder Thüringer Waldzither hatte Siebert auch etliche Einrichtungsgegenstände wie eine Stehlampe dabei, sogar einen uns bereits bekannten quietschenden Rollwagen, der mittlerweile aber zur Geräuschvermeidung mittlerweile nur noch getragen wird.

Sieberts Idee, seine eigene Band zu sein, indem er die für jeden Song notwendigen Instrumente selbst eingespielt und auf Vinyl gepresst hat, um dann live dazu zu singen und ein weiteres Instrument zu spielen, ist nach wie vor faszinierend. Die Konzertdarbietung war auch wieder wunderbar und litt nur unter der wahrnehmbaren Hektik oder Frustration. Außer einem scherzhaften „Hallo, ich bin Get Well Soon!“ zu Beginn seines Auftritts sagte Siebert auch fast nichts.


Setliste:

Another Half Life
The Transformation
My brother's home
It's not my life
?
My Heaven Is Lost
Dead end street
Angelina
?
In Heaven


Anschließend war es also Zeit für Get Well Soon, die bei diesem Derby einen besonderen Auftritt absolvieren sollten, nämlich eine Kombination aus Konzert und Autorenlesung. Der Roman „Der Tod und ich, wir zwei“ von Arnold Stadler diente Konstantin Gropper als Inspiration für die EP „Henry – the infinite desire of Heinrich Zeppelin Alfred von Nullmeyer“, also liegt es nah, Text und Lieder zu kombinieren.

Während Get Well Soon nun ihr Equipment auf die Bühne trugen, konnten wir amüsiert Konstantin Groppers kleinen Sohn beobachten, der vom Zuschauerbereich immer nachdrücklicher forderte, dass der Papa einmal winken solle, was dieser zum Glück irgendwann, nachdem schon ein paar Tränchen gekullert waren, dann auch tat.


Zu Beginn des Auftritts erklärte Gropper, Stadler habe eine Bahn-Odyssee hinter sich, was sicher die Erklärung für den verschobenen Auftrittsbeginn darstellte.

Die Band und der Autor teilten sich die Bühne, wobei Get Well Soon dieses Mal ohne Verena Gropper (die sich vermutlich in der Babypause befindet) angetreten waren. Los ging es mit „Age 14, Jumping Off The Parents’ Mezzanine“, dann las Stadler aus dem Roman, dann spielte die Band den nächsten Song der EP.


In der Theorie hatte ich mir dieses Arrangement durchaus reizvoll vorgestellt. Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass die EP auf einem Roman basiert, und eigentlich gefallen mir solche Inspirationen häufig gut, und Lesungen mag ich generell auch. In der Praxis sah das leider etwas anders aus, denn zum einen entpuppten sich Stadlers Lesepassagen als unglaublich lang – Get Well Soon spielten im Rahmen des einstündigen Konzerts nur die vier Lieder der EP – zum anderen war das Vorgelesene für Nichtkenner des Romans ein ziemliches Durcheinander. Stadler ist leider auch kein sonderlich guter Vorleser und versprach sich häufig.

Das zugegebenermaßen einmalige Event entpuppte sich also für mich als Enttäuschung und führte zu Reue über die Entscheidung, zugunsten dieses Auftritts auf Motorama verzichtet zu haben.


Setliste:

Age 14, Jumping Off The Parents’ Mezzanine
Promenading Largo Maggiore, You Wouldn’t Hold My Hand
Mail From Heidegger
You Will Be Taken Care Of


Für uns ging es anschließend ins Palastzelt, wo Gisbert zu Knyphausen bereits seinen Auftritt begonnen hatte, so dass wir den ersten Song verpassten. Über zu Knyphausen wusste ich im Vorfeld wenig, habe ihn aber in der Vergangenheit schon einmal live allein mit seiner Gitarre gesehen – das muss 2008 in Haldern gewesen sein. Damals gefielen mir die textlastigen Lieder des Sängers recht gut, aber ich muss zugeben, dass ich Liedermacher eher in intimerem Umfeld gewohnt bin und mir der Auftritt auf großer Bühne mit Rockband ein wenig seltsam vorkam.


Der Auftritt war eine Kombination aus Gisbert zu Knyphausen und Kid Kopphausen, einem gemeinsamen Projekt von zu Knyphausen und dem mittlerweile verstorbenen Künstler Nils Koppruch, dessen Band mit dabei war. Daher wurden auch Songs wie „Staub und Gold“, „Meine Schwester“ und „Das Leichteste der Welt“ gespielt. Das einzige englischsprachige Lied des Sets konnte ich leider nicht zuordnen. Zu Knyphausen hatte sich vorher für sein schlechtes Englisch entschuldigt, doch daran hat es nicht gelegen.

So richtig warm wurde ich mit diesem Set nicht, wobei es wiederum die Texte mancher Lieder waren („Mörderballade“, „Sommertag“), die mir dann doch ein bisschen gefielen. Dennoch, mit einem Auftritt von Enno Bunger oder Spaceman Spiff wäre ich sicherlich glücklicher geworden. Vielleicht wäre der parallel verpasste Auftritt von Soak die bessere Wahl gewesen? Meiner Begeisterung ebenfalls nicht förderlich war der hohe Geräuschpegel im Zelt, auch recht weit vorne brüllten sich Zuschauer gegenseitig komplizierte Zusammenhänge ins Ohr, statt einfach rauszugehen.


Setliste:

?
Staub und Gold
Meine Schwester
Erwischt
? (englisch)
Mörderballade
Jeden Montag
Kräne
Sommertag
Verschwende deine Zeit
Das leichteste der Welt
Kleine Ballade
Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten
Nur ein Satz


Draußen auf der Fackelbühne spielten nun bereits die Allah-Las ihren 60er Jahre Sound. Das Quartett, das auf der Bühne von einem Keyboarder und einem Congaspieler ergänzt wurde, kam mit seiner fröhlichen, tanzbaren Musik beim Publikum gut an. Der Schlagzeuger und der Bassist durften je einmal den Gesangspart übernehmen, und mehr habe ich zu dieser Band auch nicht zu berichten. Höchstens, dass der Schlagzeuger einen Wolldecken-Umhang zu tragen schien.


Zurück im Zelt begann nun der Auftritt des Headliners vom Derby-Freitag: José González.  Über dessen Bestätigung hatte ich mich in etwa so sehr gefreut wie über die von Warpaint im vergangenen Jahr, also überhaupt nicht. Im Grunde empfinde ich González auch als eine softerer Version der rockigen Mädchen – ebenso langweilig, ebenso endlose Lieder, ebenso begeisterte Fans, die mich ratlos machen. Selbst die blaue, diffuse Beleuchtung war ähnlich wie bei Wapaint im letzten Jahr.


González hatte einige Musiker dabei, unter anderem ebenfalls einen Congaspieler. Er selbst sang immer wieder dieselben Songzeilen zur Gitarre, teils von eigenen Liedern, teils von Songs seiner eigenen Band Junip, teils coverte er ein recht breites Spektrum anderer Künstler (Kylie Minogue, Massive Attack, The Knife). Diese Lieder klangen aber nach Behandlung durch die González-Weichspültechnik auch alle gleich. „Teardrop“ war im Vergleich noch der beste Song. Einer der auf einem Podest stehenden Mitmusiker war übrigens James Mathé, der unter dem Namen Barbarossa eigene Musik veröffentlicht. Im González-Set durfte er seinen Song „Home“ zum Besten geben, der zumindest nicht negativ auffiel.

González, der zwischenzeitlich drei Lieder solo dargeboten hatte („Crosses“, „Hints“ und „Heartbeats“), bekam viel Applaus von anderen Zuschauern, auch wenn der Geräuschpegel im Zelt wiederum sehr hoch war, ich mochte ihn nach diesem Auftritt auch nicht lieber als vorher.


Setliste:

Stories We Build, Stories We Tell
Killing For Love
Hand On Your Heart (Kylie Minogue Cover)
Every Age
Walking Lightly (Junip Song)
Cycling trivialities
Crosses
Hints
Heartbeats (The Knife Cover)
What will
Let It Carry You
Home (Barbarossa Cover)
This Is How We Walk On The Moon (Arthur Russell Cover)
Teardrop (Massive Attack Cover)
Leaf Off / The Cave


Nach so viel Frustration, die sich aufgestaut hatte, kam doch zum Abschluss ein Punkkonzert gerade recht. Bei Love A hatten wir (wieder einmal, vielleicht sind die Derby-Zeitpläne doch ein wenig ZU dicht gestrickt) den Anfang verpasst. Als wir das Brückenaward-Zelt betraten, war der Platz vor der Bühne bereits dicht gedrängt besetzt, Teile der Menge tanzten Pogo, die Absperrgitter wurden einer Belastungsprobe unterzogen und später gab es auch vereinzelte Crowdsurfer zu sehen, denen die Security entspannt zusah. Vielleicht war es also ganz gut, dass wir nur noch ein (sicheres) Plätzchen am seitlichen Bühnenrand fanden und das Geschehen von dort betrachteten.


Von hier aus waren Texte und Ansagen leider eher schlecht zu verstehen, immerhin bekamen wir gut mit, dass der Sänger sich versehentlich mit dem Mikrophon gegen einen Zahn stieß und sich für den Rest des Konzerts darüber beklagte, dass dieser nun wackelte – er fragte auch scherzhaft, ob ein Zahnarzt anwesend sei. Ansonsten störte ihn die Verletzung nicht sonderlich, und auch sonst benahm er sich mit echtem Körpereinsatz wie ein echter Punk, zeigte oft und gerne den Mittelfinger und spuckte gerne Wasser aus.


Love A hätten eigentlich einen besseren Slot als den „Rausschmeißer“ des ersten Abends verdient, und auch eine der größeren Bühnen. Vielleicht machen die Derby-Planer ja wieder eine Ausnahme (wie dieses Mal bei Motorama) und buchen dieselbe Band in zwei aufeinander folgenden Jahren. Zu wünschen wäre es ihnen und uns.


Am besten kamen die Hits „Trümmer“, „Windmühlen“ und „Brennt alles nieder“ an, die lauthals mitgeschrien wurden, und so wurde auch unser bis dahin musikalisch etwas mauer Tag ein wenig aufgewertet. So zogen wir versöhnt durch die Nacht und waren sogar radikalisiert genug, vor dem Hotel einfach im Halteverbot zu parken.

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