Mein Freund bekam zu Weihnachten Karten für die aktuell in Brühl gastierende Ausstellung "The World of Tim Burton" geschenkt. Das ...

Nightmare After Christmas: The World of Tim Burton in Brühl

Mein Freund bekam zu Weihnachten Karten für die aktuell in Brühl gastierende Ausstellung "The World of Tim Burton" geschenkt. Das fanden wir beide ganz prima, denn wir hatten uns zwar ursprünglich dafür interessiert, dann aber prompt alles wieder vergessen. Nachdem die Ausstellung bereits in Prag, Tokio und Osaka gezeigt wurde, endet ihr Besuch in Brühl am 3. Januar. Viel Zeit bleibt also nicht mehr, um die Werke des Regisseurs in Deutschland zu besichtigen.


Dennoch hatten wir nicht mit einem derartigen Ansturm gerechnet. Als wir am 29. Dezember Brühl erreichten, erkannte man das Max-Ernst-Museum mühelos an der mehrere hundert Meter langen Menschenschlange, die geduldig auf Einlass wartete. Viele der Wartenden waren zweifelsfrei als Tim Burton-Fans zu erkennen, sie trugen Haarspangen oder Taschen, die von Jack Skellington aus The Nightmare before Christmas geziert wurden, oder auch von den Figuren aus Corpse Bride. Im Kleidungsstil dominierte schwarz und geringelt zu bunten Haaren. Hier waren wir zweifellos richtig (wenn auch nicht passend gekleidet), aber wie lange würden wir wohl auf den Einlass warten müssen? Mit dem Motto "versuchen kann man es ja mal" gingen wir an der Schlange vorbei zum Einlass, in der Hoffnung, dass Besucher, die wie wir bereits Tickets hatten, vielleicht gar nicht anstehen mussten. Zu unserer großen Freude war das tatsächlich der Fall, wir durften sofort in die Ausstellung.


Ganz leer war es selbstverständlich innerhalb des Gebäudes auch nicht. Für die beiden Hauptbereiche der Ausstellung musste man sich ebenfalls wegen Überfüllung erst einmal anstellen, aber das ging erfreulicherweise relativ schnell - und ich halte es auch für richtig, wenn man die Zahl der Menschen, die sich vor Bildern und Skulpturen drängeln, einschränkt, sonst hat ja niemand etwas von den Exponaten.

In Teil 1 konnte man zunächst drei riesige Skulpturen und dann Zeichnungen und Comics sehen, die Burton bereits als Schüler angefertigt hatte. Unter anderem durfte er als Sieger eines Wettbewerbs einer Anti-Müll-Kampagne die Müllfahrzeuge seiner Heimatstatt Burbank in Kalifornien mit einem von ihm designten Schild ausstatten. Auch sonst wurde schnell klar, dass Burton bereits als Kind zum einen sehr produktiv war und zum anderen der ihn auszeichnende, leicht makabre Zeichenstil mit einem großen Herz für Außenseiter bereits weitgehend vorhanden war.


Im größeren Ausstellungsbereich wurden dann Werke von Burton gezeigt, die er größtenteils schuf, als er bereits in Lohn und Brot stand (zunächst bei Disney, wo seine Beiträge zu Filmen wie Taran und der Zauberkessel allerdings meist im Endprodukt keine Berücksichtigung fanden). Am interessantesten waren hier natürlich Entwürfe und Modelle von Figuren, die man bereits aus Filmen kannte, etwa den Marsmenschen aus Mars Attacks, den Oompa Loompas aus Charlie und die Schokoladenfabrik oder dem Bogeyman aus The Nightmare before Christmas. Eine ganze Reihe Skulpturen stand dabei unter Glasglocken, die wiederum an die Aliens aus Mars Attacks erinnerten. Auch Skizzen des "Pinguins" aus dem zweiten Batman-Film gab es zu sehen - und vieles, vieles mehr. Vielfach kamen schon die ersten Entwürfe der Figuren dem letztlichen Endergebnis sehr nahe.


Weitere Bilder und Dioramen zeigten ein weiteres Mal, dass Burton eher zu viele als zu wenig Ideen hat. Besonders beeindruckend fand ich in diesem Zusammenhang einen recht großen Rahmen mit vollgekritzelten Papierservietten. Schön auch Skizzen mit kleinen Gedichten, die man sich ebenfalls leicht als Kurzfilme vorstellen könnte, etwa eines darüber, wie es sein müsste, eine Freundin mit vielen Augen zu haben (interessant, aber sie würde alles fluten, wenn sie weint). Dann gab es noch eine "Dunkelkammer", in der einige Zeichnungen mit Schwarzlicht bestrahlt und andere mit Hilfe von Taschenlampen erkundet werden konnten.


Zuletzt reihten wir uns ein weiteres Mal in eine Schlange ein: In einem winzigen "Kinosaal" wurde Burtons Frühwerk Hansel and Gretel von 1982 gezeigt. Burton durfte den Kurzfilm für den damals neu gegründeten Disney Channel produzieren, dort fand man ihn aber so gruselig und verstörend, dass er nach einmaliger Ausstrahlung an Halloween im Archiv verschwand. So richtig konnte auch ich mich nicht für das Werk begeistern, auch wenn es sicherlich sehr originell ist. Wer mag, findet eine vollständige Version auf Youtube.


Insgesamt eine sehr unterhaltsame, interessante und abwechslungsreiche Ausstellung, bei der ich froh bin, sie nicht verpasst zu haben.


In der Ausstellung darf übrigens nicht fotografiert werden, weshalb die hier verwendeten Bilder (außer den ersten beiden) Screenshots aus dem Video von der Ausstellungseröffnung sind.



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Na, alle gut durch die Weihnachtstage gekommen? Dadurch, dass der 27. Dezember dieses Jahr ein Sonntag ist, haben wir irgendwie immer noc...

Sendeschluss: Erdmöbel - Nonstop Christmas


Na, alle gut durch die Weihnachtstage gekommen? Dadurch, dass der 27. Dezember dieses Jahr ein Sonntag ist, haben wir irgendwie immer noch Weihnachten - und in Großbritannien wird wegen des 26., der auf einen Samstag fiel, der 2. Feiertag sogar morgen nachgefeiert. "Nonstop Christmas" also, und sehr passend geben Erdmöbel im heutigen Sendeschluss ihr gleichnamiges Lied zum Besten.

Im Video schnipst und swingt der Geist von James Last, wobei ich das Gefühl nicht los werde, dass es sich nicht um den echten handelt.




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Als mein Freund mir kurz vor dem vierten Adventswochenende eröffnete, er wolle mit mir zum Weihnachtskonzert von Erdmöbel in Darmstadt, d...

Nonstop Weihnachtslieder: Erdmöbel in der Darmstädter Central Station


Als mein Freund mir kurz vor dem vierten Adventswochenende eröffnete, er wolle mit mir zum Weihnachtskonzert von Erdmöbel in Darmstadt, das am Sonntag stattfand, war ich eher mittelbegeistert. Zwar hatte ich das Konzert in der Kölner Kulturkirche vor zwei Jahren durchaus in positiver Erinnerung, aber ich fühlte mich durch zahlreiche Weihnachtsvorbereitungen ohnehin schon geschwächt und hätte mich auch über einen Abend auf dem Sofa gefreut. Allerdings muss man angesichts des aktuellen sommerlichen Wetters ja für die Weihnachtsstimmung tun, was man kann, insofern war es sicherlich doch sinnvoll, den Weg nach Darmstadt und die kurze Nacht vor einem Arbeitstag in Kauf zu nehmen.


Die Kölner Band hatte als Vorband einen weiteren Kölner dabei, Eric Pfeil. Diesen weiß ich als Musikjournalist zu schätzen, sein Debütalbum "Ich hab mir noch nie viel aus dem Tag gemacht" ließ mich jedoch ratlos und genervt zurück. Seine aktuelle Veröffentlichung "Die Liebe, der Tod, die Stadt, der Fluss", kannte ich deshalb überhaupt noch nicht. In der Livedarbietung erschien mit das neue Werk im Vergleich zum Vorgänger erfreulich un-schlagermäßig, was sicherlich auch daran liegt, dass es sich um ein grundsätzlich eher deprimierendes Album handelt. Schon beim Betreten der Bühne warnte uns Pfeil, er sei hier, um uns die Weihnachtsstimmung auszutreiben.


So drehte sich dann auch "Die Stadt" um dringend verlassenswerte Städte und "Himmelwärts" darum, dass im letzten Jahr zu viele Pfeil nahe stehende Menschen gestorben seien. Zwischen den Songs machte Her Pfeil durchaus humorvolle Zwischenansagen, etwa, dass Erdmöbel vier Stunden spielen würden und anschließend eine Gothic-Schaumparty sei - mit schwarzem Schaum.

Setliste:

Königsmörder
Die Stadt
Marzipan in Michigan
Himmelwärts

Erdmöbel hatten bereits bei Pfeils letztem Song einen Kurzauftritt, sammelten sich direkt vor der Bühne, filmten ironisch Handyvideos des Sängers und forderten "Zugabe!". Schon jetzt war zu erkennen, dass man das letztjährige Kleidungsmotto "jeder etwas Goldenes" fortführte in Form von Hosenträgern (und einer neuen Fliege, Christian Wübben), Schuhen (Markus Berges), Blouson (Ekki Maas) und Krawatte (Wolfgang Proppe).


Das Darmstädter Konzert war das letzte der diesjährigen Weihnachtstournee, vielleicht waren Erdmöbel deshalb in ausgesprochen ausgelassener Stimmung und hatten es an diesem Sonntagabend auch überhaupt nicht eilig - das Konzert umfasste letztlich 20 Lieder und dauerte zweieinhalb Stunden - immerhin weniger als die von Eric Pfeil prognostizierte Dauer.


Erdmöbels Werke umfassen mittlerweile so viele Weihnachtslieder, dass eine entsprechende Tournee beinahe unumgänglich erscheint, denn wann sollte man all diese Songs über Schnee, Engel, Lametta und so weiter sonst spielen? Entsprechend fokussierte sich die Setliste zunächst fast ausschließlich aufs Weihnachtswerk, mit Ohrwürmern wie "Nonstop Christmas" (das ein Superfan im Publikum angeblich bereits den ganzen Tag lang gehört hatte) oder auch "Der letzte deutsche Schnee", mit dem man erklärtermaßen versuchte, ein etwas weihnachtlicheres Wetter herbei zu singen.

Zu vielen Liedern gab es "Hintergrundinformationen", etwa dass Russisch Brot nicht, wie von Markus Berges vermutet, aus Hannover stamme, sondern aus Ostdeutschland (ich persönlich hätte ja ganz naiv Russland vorgeschlagen). Zu "Melodika", das auf Platte der Schauspieler Ulrich Matthes singt, erklärte Berges, der Schauspieler habe Erdmöbel zwar gefragt, ob er bei einem Lied mitsingen dürfe, bei der Antwort "Ja, bei einem Weihnachtslied" aber erst einmal schlucken müssen. Matthes habe von seinem schlimmsten Weihnachten erzählt - nämlich dem, bei dem er 1970 trotz vorherigem intensiven Studieren des Quelle-Katalogs gegen seinen Wunsch eine Melodika geschenkt bekommen hatte. Er hätte sich auch erfolglos erbeten, dass dieses Instrument in "seinem" Lied nicht zum Einsatz komme.


Anschließend war dann das Publikum gefragt: Zu "Ding Ding Dong (Jesus weint schon)" eröffnete die Band samt Instrumenten im Zuschauerraum eine Polonaise, der sich die Publikumsmitglieder ungewöhnlicherweise am vorderen Ende anschließen sollten - was zu einer sehr langen, fröhlichen, aber nicht unbedingt sonderlich beweglichen Menschenkette führte. Hinterher bemerkte die Band, eine so enthusiastische Polonaise habe man nicht einmal in Köln erlebt.

Ein solches Kompliment war auch dringend erforderlich, denn vorher hatte sich Berges ein wenig mit seinen mangelnden Ortskenntnissen blamiert, indem er die Mathildenhöhe als „Theresienhöhe“ titulierte – Ekki setzte noch eins drauf, in dem er den dort befindlichen Hochzeitsturm scherzhaft in „Beerdigungsturm“ umbenannte.


Vor „Muss der heil’ge Nikolaus sein“ gab es eine weitere Gemeinschaftsaktivität, denn nun sollte das Publikum schnell die im Text genannten deutschen Bundeskanzler auswendig lernen und mitsprechen. Zum Thema Helmut Schmidt erklärte Ekki dabei, dass dieser zwar in späteren Jahren sehr verehrt worden sei, als Bundeskanzler aber nur Quatsch beschlossen habe (nämlich die Stationierung von Atomwaffen sowie Atomkraftwerke) und vor allem ihn, Ekki, als Demonstranten habe verprügeln lassen. Markus kommentierte dazu, diese Geschichte hätte Ekki bereits bei allen Auftritten erzählt, selbst in Hamburg, aber auch dort glücklicherweise erst nach der Polonaise.


Nun verstanden sich aber alle Beteiligten so gut, dass wenig später bei „Goldener Stern“ ein Drehtanz vorgeschlagen wurde, der erstmals beim Kölner Kinderweihnachtskonzert zum Einsatz gekommen war – was aber nichts machte, denn, so Ekki, Erwachsene und Kinder unterscheiden sich weniger voneinander als man häufig denkt.

Bei „Aufs Christkind“ wurde schließlich der Text mit Wünschen, die Ekki im Publikum erfragte und dann Markus auf die Bühne "lieferte", ergänzt, etwa mit „ein Lied ohne Städtenamen im Text“ (Wunsch von Eric Pfeil an die Band), „Hausaufgabenmaschine“ oder auch dem Wunsch nach einer Schwangerschaft. Mein Freund wurde ebenfalls angesprochen, versäumte es aber leider, "ein Wohnzimmerkonzert mit Erdmöbel" zu antworten.


Mit „Weihnachten (Last Christmas)“ endete schließlich der „Weihnachtsteil“ des Konzertes, die Band ging dabei von einer Seite der Bühne ab und kehrte von der anderen sofort wieder zurück. Nun folgten noch vier jahreszeit-unabhängige Hits, nämlich „Dreierbahn“, „In den Schuhen von Audrey Hepburn“, „Das Leben ist schön“ und zuletzt „Nah bei dir“. Natürlich musste auch nun wieder intensiv mitgesungen werden, insbesondere beim letzten Lied, für das sich auch Eric Pfeil, nun mit einer Bommelmütze, wieder auf der Bühne einfand, dann ging der sehr ausgelassene und lange Konzertabend zu Ende.

So richtig in Weihnachtsstimmung bin ich zwar nun immer noch nicht, aber Erdmöbel haben in dieser Hinsicht ganz klar ihr Bestes gegeben. Ob die Schaumparty noch stattgefunden hat, kann ich aber nicht sagen, wir mussten nach Hause und ins Bett...


Setliste:

Ich wollte, die Welt ginge immer bergab
Nonstop Christmas
Fräulein Frost
Der letzte deutsche Schnee
Blinker
Weihnachten in Tamariu
Russisch Brot
Melodica
Ding Ding Dong (Jesus weint schon)
Rakete zwischen den Jahren
Erster Erster
Muss der heil’ge Nikolaus sein
Lametta
Goldener Stern
Aufs Christkind
Weihnachten (Last Christmas)

Dreierbahn
In den Schuhen von Audrey Hepburn
Das Leben ist schön
Nah bei dir



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Mit And The Golden Choir sind wir fast eventuell vielleicht bestimmt ein bisschen für ein Wohnzimmerkonzert verabredet - mal sehen, ob es...

Sendeschluss: And the Golden Choir - My Transformation


Mit And The Golden Choir sind wir fast eventuell vielleicht bestimmt ein bisschen für ein Wohnzimmerkonzert verabredet - mal sehen, ob es 2016 klappen wird.

Das Konzept von Tobias Sieberts Soloprojekt besteht darin, dass der Musiker sämtliche Instrumente für seine Lieder im Studio einspielt, das meiste davon auf Schallplatten presst und dann den gesang und ein weiteres Instrument live beisteuert. Dabei ist er übrigens ganz schön streng: Nur weil ein Instrument erst am Ende eines Liedes zum Einsatz kommt, heißt das nicht, dass sein Schweigen beim Warten auf den Einsatz es nicht auf die Endaufnahme schaffen würde.

Das Video veranschaulicht diesen Prozess: Siebert überall im Einsatz.






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Das Video dieser Woche klingt musikalisch ein wenig nach Pulp und behandelt visuell recht anschaulich das immer weiter Klicken durch Yout...

Sendeschluss: Fiction - Half Yawning


Das Video dieser Woche klingt musikalisch ein wenig nach Pulp und behandelt visuell recht anschaulich das immer weiter Klicken durch Youtube-Videos, in diesem Fall in einem britisch-historischen Kontext.

Das Video macht Spaß und zusätzlich Lust, ebenfalls einen Nachmittag lang Interessantes und Kurioses auf dem Videoportal zu konsumieren - eine schöne Videoidee.

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Liebe U., M. walking on the Water begrüßten mich in den letzten 26 Jahren schon mit „Hallo Mainz!“, „Hallo Köln!“ (zweimal) und „Hallo ...

Ohne U. bei M. in W.: M. walking on the Water im Wiesbadener Kesselhaus


Liebe U.,

M. walking on the Water begrüßten mich in den letzten 26 Jahren schon mit „Hallo Mainz!“, „Hallo Köln!“ (zweimal) und „Hallo Weinheim!“. Gestern bekam ich erstmals ein „Hallo Wiesbaden!“ zu hören, was gut passte, da ich mich auch zum ersten Mal im Kesselhaus befand. Der im Wasserturm befindliche Konzertraum hat im Frühjahr die Nachfolge der Räucherkammer angetreten und dürfte nicht nur schöner sondern auch etwas größer geraten sein. Die bescheidene Beleuchtung ist geblieben, jedoch wird die Bühne nicht mehr von störenden Säulen unterteilt.

Gestern Abend hatten sich rund 100 Personen dort eingefunden, um die Krefelder Band auf einem ihrer zu seltenen Konzerte zu sehen. Für dich, liebe U., und den ein oder anderen Zuschauer mehr, wäre noch Platz gewesen. Krankheitsbedingt bleibt das Konzert in Weinheim vor viereinhalb Jahren jedoch vorerst dein einziges Konzerterlebnis mit M. walking on the Water.

Die Bühne war wie gewohnt mit vier auf Stäben befestigten, hin und her schwingenden Glühlampen dekoriert, die an diesem Abend im Dauereinsatz waren. Im Vergleich zu unserem letzten Konzert fehlte jedoch die Lampenkette, und der Dresscode der fünf Herren hatte sich geändert: anstatt auf weiße Kleidung war die Wahl auf florale Hemdmuster gefallen. Nur Axel Ruhland hatte sich dem widersetzt, dafür aber seine Geige mit Schmetterlingen geschmückt.


Das Quartett eröffnete das Konzert mit dem instrumentalen „Melitaah“ und hielt sich bis auf eine Ausnahme an die ausliegende Setliste. Insgesamt wurden in 110 Minuten 21 Lieder gespielt, also 3 weniger als zuletzt. Auch die Auswahl der Songs hatte sich deutlich verändert, denn vom letzten Album „Flowers For The Departed“ wurden nur noch 3 Songs berücksichtigt und das vorletzte, „File“, komplett ignoriert. Also mehr alte Songs!

An zweiter Stelle hätte eigentlich „Holy Night Of Rosemary“ kommen sollen, jedoch wurde von Mike Pelzer, der an diesem Abend den Großteil der Songs sang und zwischen Akkordeon, Keyboard und Gitarre wechselte, „Adventures And Narrations“ angestimmt. Erst beim sechsten Song, „Lovesong For You“, übernahm Markus Maria Jansen, der auch für die Kommunikation mit dem Publikum verantwortlich war, den Gesang. Anschließend kokettierte er mit der trägen Veröffentlichungspolitik der Band und überlegte laut, von wann denn das letzte Album sei: „Von 2008? Oder 2009?“ Die Antwort auf diese Frage (2011) führte zu der Aussage „Für unsere Verhältnisse eigentlich gar nicht so lange her.“ Damit fand bis zu diesem Moment schon fast mehr Kommunikation statt als vor einigen Jahren während des gesamten Konzertes. Leider ging das auf diese Ansage folgende „Love Is On Your Side“ ziemlich in die Hose, was Jansen mit „Das hätten wir beim Soundcheck mal spielen sollen“ kommentierte.
Man hatte zunächst den Eindruck, dass sich die Band beim ersten Konzert ihrer kurzen Wintertournee erst noch ein wenig warm- und einspielen musste.


Zur Mitte des Sets folgte mit Visages „Fade To Grey“ die einzige Coverversion des Abends, die M. walking on the Water vor vielen Jahren bereits eingespielt, aber nun erst zum Gedenken an den verstorbenen Steve Strange veröffentlicht haben. In Ermangelung einer Französin sang für diese Aufnahme die Kellnerin aus der Bandstammkneipe den französischen Text ein, beim Konzert schlüpfte Mike Pelzer Dank Textblatt in deren Rolle („Mike macht die Französin“). Wie beim vorherigen „Bury Me Upright“ erhielt die Band viel Applaus, was sich bei den folgenden Songs noch deutlich steigern sollte. „Misery“, „Linda Lee“ und „Soldier Of Love“ sorgten für tanzendes, „Anymore“ und das nachgeholte „Holy Night Of Rosemary“ für lautstark mitsingendes Publikum.


Zu „Pink Pinks“ erzählte Markus Maria Jansen, dass es sich hierbei um den zweiten Song handele, den M. walking on the Water jemals aufgenommen hätten (nämlich1986) und verausgabte sich Mike Pelzer an der Mundharmonika. Mit „Party In The Cemetery“, einem weiteren Song von ihrem Debütalbum, beschlossen sie den Hauptteil, aber nicht ohne die Tradition Martell Beigang (Schlagzeug), Konrad Mathieu (Bass) und Axel Ruhland (Geige) jeweils ein Solo zu ermöglichen.  Als sich die beiden Sänger danach im Finale des wieder aufgenommen Songs mit ihren Instrumenten am Boden wälzten, verabschiedete sich der etwas beschwerlich auf die Beine kommende Jansen mit den Worten: „Ich bin zu alt für diesen Quatsch.“


Glücklicherweise bezog er dies nicht auf die Zugaben, denn das Quintett bescherte uns zunächst mit einer tollen Version von „Pluto“, das trotz starker Konkurrenz vielleicht mein Lieblingslied der Band ist. Zu Recht erhielten sie dafür danach die Zurufe „Sehr, sehr geil“ und „Danke!“. Daher konnte man der Band auch verzeihen, dass an Zugaben im Vergleich zu früheren Auftritten etwas gespart wurde: Nach „Poison“ stimmten sie abschließend „Dead President’s Waltz“ an, das sie akustisch im Publikum vortrugen, Akkordeon-Verspieler, Text-Hänger („Weiß jemand noch eine Strophe?“) und kaum hörbare, entstöpselte E-Geige („Ist das leise!“) inklusive.

Ein nicht perfekter Auftritt, der etwas Anlaufzeit benötigte, aber dennoch wenige Wünsche offen ließ. Und beim nächsten Mal bist du wieder dabei, U.!



Setliste:

Melitaah
Adventures And Narrations
Wooden Lady
Sing Sally
Magical Forest
Lovesong For You
Love Is On Your Side
The Rain Will Fall
Bury Me Upright
Fade To Grey (Visage Cover)
Misery
Holy Night Of Rosemary
Linda Lee
Anymore
Pink Pinks
Necessary
Soldier Of Love
Party In The Cemetery

Pluto

Poison
Dead President’s Waltz

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Für die kleine, aber engagierte Gruppe der Vinylplattensammler ist der Record Store Day eine Art Weihnachten: An diesem Tag, der als Marketi...

Gekauft: November 2015

Für die kleine, aber engagierte Gruppe der Vinylplattensammler ist der Record Store Day eine Art Weihnachten: An diesem Tag, der als Marketingmaßnahme für kleine, unabhängige Plattenläden gedacht ist, kommen etliche Sonderveröffentlichungen in den Handel, die häufig extra in kleinen Auflagen produziert werden.


In der Theorie klingt das großartig, in der Praxis mussten mein Freund und ich vor einigen Jahren in Frankfurt feststellen, dass die Platten, die er gerne erwerben wollte, an keinen der Frankfurter Plattenläden auch nur ausgeliefert worden waren, und so grasten wir die Geschäfte, die sich noch dazu in großem Abstand zueinander befinden, weitestgehend umsonst ab - und begegneten dabei immer wieder denselben anderen frustrierten Kaufinteressenten.

Um so überraschter war ich, als ich neulich den Clarks-Laden im Montabaurer Outlet betrat, und mich dort im Schuhregal ein paar Schuhe anlachte, das mit einer kleinen Plastikschallplatte und den Worten "Record Store Day" verziert war. Offenbar werden für den Nationalfeiertag der Vinyl-Liebhaber also auch Merchandise-Artikel produziert. Die besagten Schuhe waren Desert Boots aus knallblauem Lackleder und stammen anscheinend vom Record Store Day 2013. Ursprünglich dürften sie 130 Euro gekostet haben, die mir der Gag sicherlich nicht wert gewesen wäre, aber im Outlet kosteten sie nun kundenfreundliche 36 Euro, was doch um einiges besser klang.


Was der Farbton dieser Schuhe genau mit Schallplatten zu tun haben könnte, wird wohl das Geheimnis von Clarks bleiben, aber wenn man die Schuhe von hinten betrachtet, sieht man, dass die gestickte "Schallplattenrillen" aufweisen. Sehr schick. Im Netz fand ich übrigens auch Bilder von anderen Paaren, es scheint das Modell auch in schwarz, pink und in schwarzweiß gemustert gegeben zu haben.

Das andere Schuhpaar im Outlet (in einer klein ausfallenden Größe 38) sucht übrigens noch ein neues Zuhause - falls jemand also noch eines braucht...


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Letzte Woche sah ich die Hälfte von  The Interview , wegen dem Nordkorea Sony derart bedrohte und unter Druck setzte, dass der Film letztlic...

Gesehen: November 2015

Letzte Woche sah ich die Hälfte von The Interview, wegen dem Nordkorea Sony derart bedrohte und unter Druck setzte, dass der Film letztlich nur in wenigen Kinos gezeigt wurde. Nur die Hälfte, weil der Film wirklich unerträglich schlecht ist. Ich bin vermutlich selten einer Meinung mit Kim Jong-un, aber die Welt wäre ohne dieses Machwerk wohl ein besserer Ort.


Viel erfreulicher ist da die neueste Marvel-Serie, Jessica Jones. Nachdem ich aus der Fernsehsparte des "Marvel Cinematic Universe" bereits Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. sowie Agent Carter komplett kenne und auch auch einige Folgen von Daredevil gesehen habe, erschien mir einer weitere solche Serie eigentlich überflüssig, schließlich soll ja nicht meine gesamte knappe Freizeit im Marvel-Universum stattfinden.

Nachdem Jessica Jones aber von Anfang an mit Lob überschüttet wurde, musste ich dann doch reinschauen und bin recht angetan. Die Titelheldin, gespielt von Krysten Ritter, die man bereits in Breaking Bad sah, ist weniger Superheldin als eine tief traumatisierte Person, die versucht, sich mit einer Tätigkeit als Detektivin und viel Alkohol irgendwie durchs Leben zu bringen. Dass die Antiheldin auch übernatürliche Fähigkeiten hat, offenbart sich dem Zuschauer erst nach und nach und spielt auch bislang (ich kenne erst drei Folgen) eine eher untergeordnete Rolle.

Natürlich möchte man als Zuschauer wissen, wer oder was Jessica in ihren gegenwärtigen Zustand gebracht hat, und die ersten Hinweise auf einen ebenfalls übernatürlich ausgestatteten Bösewicht namens Kilgrave, der andere mit seiner Stimme willenlos machen kann, finde ich ebenfalls vielversprechend. Hoffentlich erfüllen die kommenden Episoden die Hoffnungen, die die ersten geweckt haben.

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Von Claire North habe ich nun schon einen ganzen Haufen Bücher gelesen, denn unter dem Pseudonym Kate Griffin schrieb die Engländerin die be...

Gelesen: November 2015

Von Claire North habe ich nun schon einen ganzen Haufen Bücher gelesen, denn unter dem Pseudonym Kate Griffin schrieb die Engländerin die bei mir höchst beliebten Romane über und um Londons "Midnight Mayor". Als Claire North hat sie bereits den Roman The First Fifteen Lives of Harry August veröffentlicht, über den ich im Rahmen meiner Monatsrückblicke auch schon berichtet habe. Während die Romane ums magische London allesamt irgendwie zusammenhängen und im selben Universum spielen, stehen die Claire North-Bücher bislang für sich allein, haben aber dennoch eine in ihrer Ungewöhnlichkeit ähnliche Struktur.


Das ergibt keinen Sinn? Nun, besser kann ich es nicht erklären. Die Romane sind handlungstechnisch völlig unabhängig voneinander, haben aber gemeinsam, dass sie zwar in unserer Realität spielen, aber die Hauptpersonen völlig irrwitzige Eigenschaften haben. Harry August aus dem ersten Roman wird wieder und wieder neu geboren und kommt dabei stets am selben Tag, unter denselben Umständen auf die Welt - was er dann mit seinem Leben anstellt, ist aber ihm überlassen, und er kann sich an seiner vorherigen Leben erinnern. Im zweitem Roman, Touch, den ich im November las, ist der Erzähler Kepler ein Geist. Er / sie hat keinen eigenen Körper, kann aber lebende Menschen bewohnen, die dann für diesen Zeitraum "ausgeschaltet" sind. Per Berührung kann er den "Wirt" wechseln und macht das so seit Jahrhunderten - teils mit Zustimmung der von ihm ausgewählten Personen, teils ohne. Am Ende von Touch gibt es eine Vorschau zum nächsten Roman von Frau North, Forget Me Not. Inhalt: Ein Mädchen wächst auf und erkennt, dass es den Menschen in ihrem Umfeld schwerer und schwerer fällt, sich an sie zu erinnern, bis sich schließlich niemand mehr ihre Existenz merken kann.

Kommen wir aber zurück zu Touch: Die Geschichte um von Menschen Besitz ergreifende Geister sowie Gruppierungen, die diese vernichten wollen, hat mich sehr gefesselt. Zum einen ist es spannend, in die Welt aus der Sicht von Kepler einzutauchen, der / die jede Person sein kann, die er / sie gerade sein möchte. Die Implikationen einer derartigen Existenz werden glaubhaft dargestellt. Das moralische Dilemma, in dem einem einerseits die Geister relativ sympathisch sind, man andererseits aber natürlich Mitleid mit den von ihnen gegebenenfalls für Jahrzehnte unfreiwillig bewohnten Menschen hat, war ebenfalls sehr interessant. Ich denke, ich werde auch den nächsten Roman von Frau North lesen.

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Weihnachtszeit ist Geschenke-Suchzeit. Vielleicht deshalb legen Local in Love ihrem neuen Album "Kalender" einen ebensolchen be...

Sendeschluss: Locas in Love - Oh!


Weihnachtszeit ist Geschenke-Suchzeit. Vielleicht deshalb legen Local in Love ihrem neuen Album "Kalender" einen ebensolchen bei, da hat man dann gleich auch etwas für den Gabentisch an Heiligabend.

Die Bilder in Kalender stammen von Bandmitglied Stefanie Schrank, die auch die aktuelle Single "Oh" singt und, basierend auf den Kalenderbildern, die grafische Grundlage für das Video geschaffen hat.

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Sie reißen nicht ab, die lustigen Adele-Videos. Zum einen gibt es ein sehr kurzes Telefonat zwischen ihr und Lionel Richie: Zum andere...

Zwischen-Sendeschluss: Täglich grüßt Adele

Sie reißen nicht ab, die lustigen Adele-Videos. Zum einen gibt es ein sehr kurzes Telefonat zwischen ihr und Lionel Richie:


Zum anderen hier ein sehr schönes Mash-Up von Filmszenen, die gemeinsam den Text von "Hello" nacherzählen:

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