Neulich in den Schulferien: The Lake Poets im Wiesbadener Walhalla

U.

Am Sonntag habe ich einen neuen Ground gemacht. Was, das geht nur bei Fußballspielen? Glaube ich nicht, wäre zumindest schade.

Die betreffende neue Konzert-Location heißt „Walhalla“, es handelt sich aber nicht etwa um einen mit Büsten vollgestellten Tempel bei Regensburg und schon gar nicht den Himmel der Germanen, sondern ein 1897 im Neobarockstil erbautes Haus in Wiesbaden. Das Gebäude hat im Laufe der Jahre als Veranstaltungsort verschiedene Aufgaben erfüllt, so befindet sich im Keller ein Kino und im ersten Stock ein – nicht benutzbarer – Ballsaal.


„Nicht benutzbar“ ist in diesem Kontext leider auch eine generell naheliegende Formulierung, denn das durchaus beeindruckende Gebäude mit Stuck und Spiegeln ist in einem erbärmlichen Zustand. Teils sieht man Feuchtigkeit am palast-ähnlich wirkenden Dekor, die Fenster sind abgehängt, damit kein Tageslicht mehr eindringen kann, und an manchen Stellen haben die Wände schon richtige Löcher. Für eine Sanierung wären mindestens 12 Millionen Euro erforderlich, und anscheinend findet sich niemand, der diese ausgeben möchte.


Geschlossen ist das Gebäude trotz der Schäden nicht, es bietet ein recht bunt gemischtes Kulturprogramm, das aus Weltmusik, Swing, Theater und Konzerten besteht und im relativ kleinen „Spiegelsaal“ stattfindet. Dieser enthält neben den namengebenden Spiegeln auch einen gewaltigen Kronleuchter, unter dem ich wegen des Gebäudezustandes lieber nicht sitzen wollte. Wer weiß schon, wie lange die Decke, an der er befestigt ist, noch hält? Der Saal ist bestuhlt, am Sonntag gab es auch kleine Tische für die Getränke.


Wir waren angereist, um ein Konzert des englischen Sängers The Lake Poets zu besuchen, aber zunächst bestieg dessen ebenfalls aus einer Person bestehende Vorband We Were Strangers die Bühne. Dabei handelt es sich um den Bandnamen von Stefan Melbourne aus Manchester, der laut eigenen Angeben etwas neben sich stand, weil die Band erst 15 Minuten vor Auftrittsbeginn aus Husum angereist war. Er war quasi direkt aus dem Auto auf die Bühne geklettert, fing sich aber recht schnell und war dann recht angetan von Location und Publikum (weil letzteres ruhig und aufmerksam war).


Melbourne spielte acht Songs, zu denen er sich selbst auf der Gitarre begleitete. Einer hieß vermutlich „Castaway“ und handelte von der Liebe und Schiffbruch (weil er Liebe und Schiffe mag), ein weiterer hieß „The ballad of Jojo Burn“ und war davon inspiriert, dass ihm ein Fremder in Manchester an der Bushaltestelle seine Lebensgeschichte erzählt hatte. Außerdem gab es noch ein Lied, das als „Daylight“ angekündigt wurde und eines über Melbournes Bruder, der laut ihm ein Idiot ist. Für letzteres stöpselte er seine Gitarre aus und spielte „unplugged“. Mit einem Song wagte er sich stilistisch in die Blues-Kategorie, die anderen blieben im von uns präferierten Singer-Songwriter-Genre.


Der Auftritt des müden, aber gut gelaunten und charmanten Sängers (der im Rahmen der Tour Deutsch gelernt hat, nämlich „Prost“ und „Dankeschön“) ging schnell vorbei, er verabschiedte sich mit einer Ankündigung von The Lake Poets ("It'll blow your mind. But in a good way!"), dann warteten wir gespannt auf den Hauptact.

Dieser hatte quasi dasselbe Setup, war also ebenfalls allein mit der Gitarre auf der Bühne, allerdings hatte er noch eine zweite Gitarre und wechselte manchmal.

Auch Martin Longstaff war zwischen seinen Liedern recht gesprächig, und so wissen wir jetzt, dass er die Tour quasi als Urlaub macht und in seinem echten Leben Lehrer ist. Außerdem ist er seit kurzem verlobt und war schon früher einmal in Deutschland unterwegs, beispielsweise in Mainz, wobei sein Deutsch-Wortschatz dem seiner Vorband entspricht.


The Lake Poets hat letztes Jahr sein erstes Album veröffentlicht, das er in Nashville aufgenommen hat und in der erst kürzlich erschienenen Vinylversion dabei hatte. Angeblich bereute er, sich für eine schwere Vinylvariante entschieden zu haben, bei der auch noch als Extraplatte ein Live-Album dabei ist, weil sein Reisegepäck nun so schwer sei. Aber ich denke, dass kann man auch als Verkaufstrick verstehen…

Alle gespielten Lieder bis auf vier stammten dann auch von besagtem Album, und zu den meisten weiß ich jetzt genau, wovon sie handeln. In „Friends“ geht es beispielsweise um einen Bekannten von der Universität, der Longstaff offenbar nicht leiden konnte, die offene Konfrontation aber stets vermied. „Edinburgh“, das in einer gerechten Welt ein großer Hit wäre, handelt vom Streit eines Paars in einer Bar der gleichnamigen Stadt – die er sehr mag, in der es laut ihm aber auch nicht sonderlich schwierig ist, in einen Kneipenstreit zu geraten.

Zu Beginn des Konzertes hatte Longstaff gesagt, es werde nur traurige Songs zu hören geben, und vielfach traf das zu. In „1996“ geht es um einen verstorbenen Freund, anschließend folgte ein Cover des Liedes „Short term Long term“ der sicherlich mit ihm befreundeten Band This aint Vegas. In „To the lighthouse” thematisiert Longstaff seine angebliche Neigung, bei Parties betrunken Frauen anzuquatschen und diese mit seinen nicht vorhandenen Literaturkenntnissen beeindrucken zu wollen. Er versicherte aber, den gleichnamigen Roman von Virginia Woolf tatsächlich zu kennen.


Danach folgten zwei weitere traurige Lieder: In „Black and blue“ thematisiert er ein Erlebnis als Lehrer, bei dem er entdeckte, dass eine seiner Schülerinnen daheim geschlagen wird, ohne, dass jemand etwas dagegen unternommen hätte. „North View“ dreht sich um seine kürzlich verstorbene Großmutter, die ihr Leben lang fröhlich und von Menschen umgeben war, aber zuletzt an Alzheimer litt und sich sehr einsam und ängstlich fühlte. Mit „Your Face“ kehrten wir dann wieder in glücklichere Gefilde zurück, es entstand während seiner Plattenaufnahmen in Nashville. „See you tonight“ ist ein Trostlied an seine Verlobte, die eine Weile lang an ihrem Arbeitsplatz gemobbt wurde. Eigentlich wollte er den betreffenden Kollegen verprügeln, musste sich dann aber damit begnügen, seine Gefühle in dem Song zu verarbeiten.

Bei „Dead Horses“ und „Shipyards“ weiß ich leider nicht, worum es im Text genau geht, aber bei erstgenanntem wurde das Publikum aufgefordert, mitzusingen – was auch viele taten, allerdings nur wenige in der an und für sich vorgegebenen Falsetthöhe.

Eine Zugabe bekamen wir nach dem offiziellen Konzertende und viel Applaus dann auch noch zu hören, dann konnten Interessierte noch die erwähnten schweren Vinylplatten erwerben, was mein Freund sich natürlich nicht zweimal sagen ließ - oder auch die leichtere CD von We Were Strangers. Uns hat der Auftritt von The Lake Poets sehr gut gefallen, und auf dem Heimweg musste ich mir vorwerfen lassen, einen Wohnzimmerauftritt des Künstlers bei uns Zuhause (den man mit Blick auf den Tourplan eventuell hätte arrangieren können) aus Zeitgründen abgelehnt zu haben. Aber vielleicht klappt es ja dennoch irgendwann.

Zum Walhalla bleibt zu sagen, dass dem Gebäude wirklich zu wünschen wäre, dass sich ein Investor findet. Die Konzertatmosphäre war auch im unrenovierten Zustand sehr angenehm und besonders. Ich würde hier gerne wieder einmal ein Konzert besuchen - nur unter dem Kronleuchter möchte ich auch dann nicht sitzen.



Setliste:

Windowsill
Rain
Friends
Edinburgh
1996
Short term long term
To the lighthouse
Black and blue
North View
Your face
See you tonight
Dead horses
Shipyards

How do you love me

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