Nach einer erholsamen Nacht im Hotel folgte am Samstag der zweite Festivaltag in Holland. Mittlerweile hatte ich bei Wikipedia gelesen, dass...

Im psychedelischen Kaninchenbau: Down The Rabbit Hole Festival 2016, Tag 2

Nach einer erholsamen Nacht im Hotel folgte am Samstag der zweite Festivaltag in Holland. Mittlerweile hatte ich bei Wikipedia gelesen, dass die von uns besuchte Auflage des Down The Rabbit Hole Festivals erst die dritte war.


Während wir mittags noch im Hotelzimmer Notizen zu den Konzerten des Vortags machten, häuften sich weitere Schreckensmeldungen vom Hurricane Festival in Deutschland. Auch vor unserem Fenster regnete es dauerhaft, was uns natürlich Sorgen bereitete.

Es gab noch einen weiteren Anlass zum Meckern: In der Nacht hatten sich die Festival-Organisatoren dazu durchgerungen, die genauen Orte, an denen sich die Parkplätze befanden, zu veröffentlichen und diese mit Buchstaben zu benennen. Tagesbesuchern wurde geraten, Parkplatz D zu benutzen, auf dem wir bereits am Vortag geparkt hatten. Pendelbusse würden weiterhin zwischen den Parkplätzen und dem Festivalgelände hin- und herfahren – und zwar bis Mitternacht.


Bis Mitternacht? Sowohl PJ Harveys Auftritt am Vorabend war um Mitternacht vorbei gewesen, genauso war auch der Samstags-Hauptact The National angesetzt. Um das Festzelt zu verlassen und in einer Menschenmasse den kompletten Campingplatz zu überqueren, musste man mindestens 25 Minuten einplanen. Erwartete man etwa von uns, dass wir auf den Headliner verzichteten, um den letzten Bus zu nehmen? Was würde passieren, wenn dieser Bus bereits voll war? Davon abgesehen hätte es nach den Headlinern durchaus noch andere Musikacts und Parties gegeben, von denen Tagesbesucher nun offenbar ausgeschlossen waren. Ich fragte via Facebook nach, wie all das gedacht war, bekam jedoch von Festival-Seite keine Reaktion.


Letztlich beschlossen wir, das Risiko einzugehen und bis zum Ende zu bleiben. Der Fußweg zum Parkplatz dauerte um die 45 Minuten, das würden wir im Notfall eben in Kauf nehmen. Bei unserer Ankunft auf dem nun noch durchweichteren Wiesen-Parkplatz ergab sich eine weitere Sorge: Beim Einparken war es arg rutschig und matschig, so dass man sich durchaus Gedanken machen konnte, ob uns nachts beim Wegfahren die Reifen durchdrehen würden…


An all dem konnte man nichts ändern, also konzentrierten wir uns auf das erste Konzert des Tages im zweitgrößten Zelt Teddy Widder. Das britisch-französische Damenquartett Savages macht Postpunk. Sängerin Jehnny Beth trug einen schwarzen Anzug mit Fransen an den Ärmeln, dazu sehr hohe Pumps, viel Silberschmuck und unter dem Jacket nur ein Bustier. Die Haare waren zurück gegelt, Augen und Lippen stark geschminkt – ein bisschen wirkte sie, als würde sie in einem Robert Palmer-Video der 80er Jahre mitspielen. Auch die anderen Bandmitglieder an Gitarre, Bass und Schlagzeug trugen schwarz, wobei Gitarristin Gemma Thompson offenbar niemals lächelt. Selbst bei der Verabschiedung der Band, als anderen nach einem offensichtlich gelungenen Auftritt gut aufgelegt waren, verzog sie keine Mine.


Die Aufmerksamkeit lag aber ohnehin voll auf Jehnny Beth, die auf der Bühne umher schritt, ausladende Gesten machte und insgesamt eine wilde Bühnenshow ablieferte. Obwohl ich vorab noch nichts von der Band gekannt hatte, wurden die Songtitel so oft in den Liedern erwähnt, dass die Setliste ein Klacks war. Andere Besucher kannten die Band deutlich besser als ich, schon nach einigen der rockigen Lieder bildete sich vor der Bühne ein Moshpit, der sich bis zu den ruhigen „Mechanics“ und „Adore“ hielt. Vereinzelt gab es auch Crowdsurfing, dass überraschenderweise nicht von Ordnern unterbunden wurde.


Die Setliste berücksichtigte die beiden Alben der Band („Silence Yourself“ und „Adore Life“)  im Verhältnis acht zu fünf, den Abschluss bildete die Non-Album Single „Fuckers“, die Beth mit den Worten „This is our last song, and we mean every word of it!“ ankündigte. Vorher hatte sie auf einen „You are sexy!“-Ruf aus dem Publikum mit „I can’t return the compliment“ reagiert – um dann zu klären „…because I don’t know you.“


Der Publikumsstimmung tat dieser Dämpfer keinen Abbruch. Mich konnten Savages musikalisch aber nicht so recht packen.

Setliste:

 I Am Here
Sad Person
City's Full
Slowing Down the World
Husbands
When in Love
I Need Something New
The Answer
Hit Me
No Face
T.I.W.Y.G.
Mechanics
Adore
Fuckers


Weiter ging es im selben Zelt mit Glen Hansard. Der irische Musiker ist wohl am besten durch seinen Film „Once“ bekannt, eine fiktive Liebesgeschichte zwischen Straßenmusikern in Dublin, in dem Hansard mit seiner damaligen Freundin die Hauptrolle spielte und viel sang. Wieder einmal war der Besucherandrang riesig, und da wir das Zelt zwischenzeitlich verlassen hatten, blieb uns nur ein Platz in der Mitte.

Auf der Bühne konnte man bereits anhand von Stühlen und Mikrophonen sehen, dass eine größere Zahl Musiker erwartet wurde, und tatsächlich wurde PJ Harveys Rekord vom Vorabend gebrochen: Glen hatte zehn Musiker dabei, darunter jeweils drei Streicher und Bläser. Die Bühnenausleuchtung dieser Menschenschar blieb minimalistisch, es gab nur einige Standscheinwerfer.


Die Stimmung beim Konzert war von Anfang an ausgelassen, sowohl auf der Bühne wie davor. Vor dem dritten Lied „My Little Ruin“ erklärte Hansard als Scherz und in Nachahmung eines fiktiven betrunkenen Festivalbesuchers, er werde versuchen, einen Bierbecher aufzufangen, und streckte die Hand aus – was sofort zu Becherwürfen führte und bei insgesamt drei Versuchen natürlich schief ging. Aber immerhin wurde er auch nicht allzu sehr von verschüttetem Bier durchtränkt.

Die Darbietung von „When Your Mind's Made Up”, dem einzigen Song aus „Once”, wechselte mehrfach zwischen sehr ruhig und absolut bombastisch, was äußerst eindrucksvoll war und für jubelnden Applaus sorgte. Wenig später, bei „Astral Weeks“ verließen alle Musiker bis auf Hansard und den (Kontra-) Bassist die Bühne. An einer Liedstelle wurde das Publikum zum Mitsingen (eigentlich war es eher ein Schrei) ermuntert, indem Hansard sagte, es sei egal, ob man den richtigen Ton treffe, wenn man mit Gefühl sänge, träfe man immer den Ton. (Am nächsten Tag sollte es von Suedes Brett Anderson noch eine andere Interpretation zu diesem Thema geben.)
Hansard erklärte, die Band habe eine Weile nicht gemeinsam gespielt, und es mache großen Spaß, wieder zusammen zu sein. Vielleicht aus dieser Wiedersehensfreude, vielleicht auch routinemäßig, wurden gelegentlich kleine „Scherze“ in Songs eingebaut. So wurde „Love Don't Leave Me Waiting” in einer Passage plötzlich zu Aretha Franklins „Respect”, in „MacCormack’s Wall“ hörte man kurz den Sesamstraßen-Song „Mana mana“.


Da wir angesichts der stets sehr vollen Konzerte nicht bis zum Ende warten wollten, um dann gegebenenfalls bei The National im Hauptzelt ganz hinten zu stehen, machten wir uns während des schlechtesten Songs, der Blues-Nummer „Way Back in the Way Back When“ auf den Weg – auch in dem Bewusstsein, dass wir Glen Hansard im August beim „A Summer’s Tale“-Festival wiedersehen werden. Im Netz konnte man später lesen, dass dieses Konzert, anders als alle, die wir an den drei Tagen gesehen hatten, Zugaben gehabt hatte, sogar zwei von ihnen mit insgesamt drei Liedern.

Insgesamt war dieser Auftritt für uns eine Überraschung: Weder hatten wir damit gerechnet, dass Hansard mit derart vielen Musikern auftreten würde, noch hatten mir mit der dadurch möglichen, sehr abwechslungsreichen Musik gerechnet. Auch die enormen Entertainer-Qualitäten des Sängers hatten wir so nicht erwartet.


Das ganze Konzert beim Down The Rabbit Hole festival gib es aktuell übrigens in guter Qualität hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=QzEws42yryQ

Setliste:

Didn't He Ramble
Winning Streak
My Little Ruin
When Your Mind's Made Up (The Swell Season Song)
Just to Be the One
Bird of Sorrow
Astral Weeks (Van Morrison Cover)
Love Don't Leave Me Waiting
McCormack's Wall
Lowly Deserter
Way Back in the Way Back When
This Gift

Don't Do It (Marvin Gaye Cover)
Her Mercy

Devil Town (Daniel Johnston Cover)



Obwohl wir uns in unseren Augen frühzeitig auf den Weg Richtung Zelt “Hotot” und The National gemacht hatten, waren viele, viele bereits vor Ort, als wir ankamen. Mit beinahe unverschämter Schlängelei sicherten wir uns noch annehmbar bühnennahe Stehplätze, mussten dann aber noch eine halbe Stunde lang die definitiv unverschämte Drängelei anderer ertragen.


Bevor die Band auftrat, lief vom Band „Please, Please Let Me Get What I Want“ von The Smiths. Dann standen The National, wie häufig begleitet von einigen zusätzlichen Musikern, die Blasinstrumente spielten, schon auf der Bühne. Matt Berninger erklärte, man werde als erstes einen neuen Song namens „Find A Way“ spielen, aber von diesem hörten wir nur wenige Noten – ein Dessner-Bruder bemühte sich redlich am Klavier, konnte diesem aber offensichtlich nicht die gewünschten Töne sondern nicht viel mehr als ein Brummen entlocken. Als der Versuch abgebrochen wurde und einige klatschten, scherzte Berninger „Oh come on, that wasn’t it!“, behauptete dann aber scherzhaft, das nächste The National Album sei komplett „atonal and out of time“.


Eigentlich war uns auch versprochen worden, „Find A Way“ käme dann eben später im Set, das passierte aber nicht. Stattdessen hörten wir eine recht normale The National-Setliste, deren Songs vielfach von Animationen begleitet wurden, die wir noch gut von vorherigen Konzerten kannten – etwa Blutstropfen bei „Bloodbuzz Ohio“ und Regen bei „England“.

Die vorherige Kenntnis anderer The National-Liveauftritte erwies sich an diesem Abend als Vorteil, denn so konnte man quasi im Kopf Lücken ergänzen. Denn leider verfügte der Auftritt über keinen sonderlich guten Sound, außerdem war Matt Berninger ausgesprochen schlecht bei Stimme und krächzte viele Lieder eher als dass er sie sang.


Ansonsten war viele „wie immer“, so etwa Berningers Sprung ins Publikum zu „Mr. November“ – er joggte in recht hohem Tempo an uns vorbei – und seine Bühnenausbrüche, bei denen er unter anderem einen Weinkühler auf der Bühne ausschüttete (was bei den dort liegenden Stromkabeln sicher keine gute Idee war) und wenig später noch eine halbvolle Weinflasche zerschlug. Immerhin warf er diese Gegenstände nicht, wie vorher schon einen Becher, ins Publikum.

Das Set enthielt dann doch noch zwei neue Songs, „Kingston“ und „The Day I die“, sonst fühlte es sich ziemlich nach „business as usual“ an. „England“ kündigte Berninger in einer BREXIT-Referenz mit den Worten „This is for England. Please come back.“ an. Gar nicht einordnen konnte ich seine Vorstellung der Zusatzmusiker, zu denen er meinte, er wisse nicht, ob er sie „knobtwisters“ oder „brassholes“ nennen solle. Freundlich klang das nicht…


Und so war der mit Vorfreude erwartete The National-Auftritt letztlich eine ziemliche Enttäuschung, über die nur die wie immer sehr schönen, und auch durch schlechten Sound und krächzige Stimme unzerstörbaren Lieder etwas hinweg halfen. Da war es schon konsequent, dass wir auch keine Zugabe zu hören bekamen.

Setliste:

Find A Way (abgebrochen)
Don't Swallow the Cap
Sea of Love
Bloodbuzz Ohio
The Day I Die
Afraid of Everyone
Squalor Victoria
I Need My Girl
This Is the Last Time
Kingston
Slow Show
Pink Rabbits
England
Graceless
Fake Empire
Mr. November
Terrible Love



Anschließend blieb für uns noch die spannende Frage, wie wir zum Auto kämen und ob wir dieses bewegen können würden. Als wir das Gelände verließen, stand dort, obwohl Mitternacht nun längst vorbei war, ein etwa halbvoller Bus, den ein handgeschriebenes „D“ zierte. Hervorragend! Nach ein bisschen Wartezeit auf andere Konzertgänger wurden wir problemlos zum Parkplatz gefahren, wo sich das Auto dann unter gewaltiger Matsch-Entwicklung wegfahren ließ. Der Abend hatte also ein Happy End.




0 Kommentare:

Letztes Wochenende fanden in Deutschland die Festivals Hurricane und Southside statt. Fanden statt? Nun, die Besucher des Hurricane musst...

Im psychedelischen Kaninchenbau: Down The Rabbit Hole Festival 2016, Tag 1


Letztes Wochenende fanden in Deutschland die Festivals Hurricane und Southside statt. Fanden statt? Nun, die Besucher des Hurricane mussten wegen Unwettern die erste Nacht vor Ort im Auto verbringen, während das Southside nach sintflutartigen Regenfällen ganz abgebrochen wurde. Einige Wochen davor waren bei Rock am Ring mehr als 80 Besucher bei Gewittern verletzt worden.

Das führt zu einem leicht mulmigen Gefühl, wenn man sich, wie ich, zeitgleich bei einem Festival befindet! Beim Down The Rabbit Hole in Holland gab es jedoch keine Katastrophenmeldungen dieser Art. Dass alles glatt gelaufen wäre, kann man aber nun auch nicht behaupten.


Bereits einige Tage vor Veranstaltungsbeginn hatten die Festivalorganisatoren bekannt gegeben, dass die als Parkplätze gedachten Wiesen wegen Durchnässung nicht als solche nutzbar seien. Man habe stattdessen andere Parkplätze im nahe gelegenen Nimwegen angemietet, von diesen würden dann alle Festivalgäste mit Pendelbussen zum eigentlichen Gelände gebracht. Viele Informationen gab es dabei nur auf Niederländisch – bei einem niederländischen Festival völlig in Ordnung, und es gibt ja Google Translate, aber vom Nachbarfestival Best Kept Secret waren wir damit verwöhnt worden, sämtliche Informationen auch auf Englisch zu bekommen.

Das war natürlich keine gute Nachricht: Als Campingverweigerer hatten wir uns in einem Hotel eingemietet, das aber nicht in Nimwegen, sondern näher am Festival lag. Nun mussten wir also Festival-täglich einen Umweg machen und zusätzlich die zu erwartende erhebliche Verzögerung durch das Warten auf den Bus in Kauf nehmen. Aber für die Camper, die ihre gesamte Ausrüstung zunächst in einen Bus verfrachten mussten, war diese Nachricht bestimmt schlimmer, dachte ich mir. Am Anreisetag Freitag häuften sich auf Facebook dann Kommentare von Leuten, die seit einer oder zwei Stunden vergeblich auf einen Bus warteten. Das machte wenig Mut.


Im Internet hatte es geheißen, die Parkplätze in Nimwegen seien von der Autobahn aus gut ausgeschildert, und tatsächlich sahen wir bereits bei der Anreise von Deutschland aus, als wir zunächst auf dem Weg ins Hotel waren, ein entsprechendes Schild mit Leuchtschrift. Leider blieb es das einzige – als wir uns später auf den Weg Richtung Nimwegen machten, fanden wir keine Schilder mehr, und nachdem es keinerlei Informationen dazu gegeben hatte, wo diese verdammten Parkplätze sein sollten, kurvten wir lange blind durch die Gegend und fanden schließlich, weit weg von Nimwegen, wieder das ursprüngliche Schild. Wir folgten ihm, fanden weitere Wegweiser, folgten diesen immer weiter und endeten mit mehreren anderen Festival-Suchenden... im Nichts. Offenbar handelte es sich um die ursprünglichen Hinweisschilder zu den gesperrten Parkplätzen!


Am Ende unserer Nerven und Ideen fuhren wir nun einfach doch zum Festivalgelände, wo wir zu unserer großen Überraschung einen funktionierenden Parkplatz vorfanden. Man checkte freundlich unser Parkticket und winkte uns hinein. Allerdings handelte es sich auch bei dieser Wiese um einen Pendlerparkplatz, wenn auch einen, der am Rande des Festivalareals lag. Auch von hier fuhr also ein Bus zum eigentlichen Festival. Auf meine besorgte Nachfrage hin versicherte man mir aber, es sei später möglich, zu diesem Parkplatz zurück gebracht zu werden – schließlich mussten wir ja irgendwann zurück zum Auto und hätten einem Außenstehenden nicht einmal erklären können, wo genau sich diese Wiese eigentlich befand!


Halbwegs erleichtert erreichten wir nach stundenlangem Umherirren also endlich das Festival, bekamen im Handumdrehen unsere Bändchen und mussten dann erst einmal den kompletten Campingplatz durchqueren, um zum eigentlichen Veranstaltungsort zu gelangen. Hier fiel sofort auf, dass sehr viel Müll herumlag – mehr, als man am frühen Abend des ersten Festivaltages erwartet hätte. In der Umgebung der eigentlichen Festzelte war es noch schlimmer und wir erkannten, dass es beim Down The Rabbit Hole kein Becherpfand gibt. Die Leute kauften sich also steigenweise Bier und schmissen die Becher weg, und in den Zelten, die als Konzertbühnen dienten, wurden diese nach jedem Konzert bergeweise und mit erstaunlicher Geräuschentwicklung zusammen gekehrt.


Diese Egal-Haltung ist um so verwunderlicher, weil die Veranstalter sich ansonsten mit der optischen Gestaltung des Geländes unglaublich viel Mühe gegeben haben: Der Bereich der Bändchenkontrolle ist unter einer Stahlkonstruktion, die mit Rasen, Blumen, Bäumen und Windrädern dekoriert ist, wie ein psychedelischer Garten aus einem Drogentraum. Am nahe gelegenen See gibt es ein Wasserrad, nachts werden in einer Art Kunstinstallation Bilder auf einen Wassernebel projiziert (Periscope). Andere Wasserelemente können Besucher selbst durch Trampolinhüpfen steuern. Auf Wiesen stehen steampunk-artige, sich drehende Holzelemente, es gibt zahlreiche Sitzbereiche mit Liegestühlen und das ganze Areal ist so gestaltet, dass man auch nach zwei Tagen Aufenthalt immer wieder um eine Ecke biegen und etwas Neues entdecken kann.


Zwischen den Verkaufsständen finden auch Workshops statt, man kann beispielsweise aufwändig verzierte Floße bauen. Es gibt mehrere „Minidiscos“, eine „Kirche“, in der Dinner Shows veranstaltet werden, Kneipen, Cafés, eine „Speakers’ Corner“ und auch, unter einem Baldachin, Filmvorführungen. Nur geht man eben meist über eine knackende Plastikbecherschicht...


Durch unsere späte Anreise, die lange Suche nach dem Parkplatz und das Warten auf den Bus hatten wir die meisten Musikacts des Freitags bereits verpasst. Eigentlich hätten wir gerne Oscar und Sivert Hoyem  gesehen, aber deren Konzerte waren längst vorbei. Also ignorierten wir den Auftritt von Mac De Marco, suchten uns etwas zu Essen und begaben uns ins Hauptzelt „Hotot“, wo schon ein kleines Grüppchen vor der Bühne auf PJ Harvey wartete. Alle Bühnen sind nämlich Zelte mit Namen von Kaninchenrassen, deren Fassungsvermögen nicht dem (von uns) erwarteten Interesse an den Hauptacts entspricht – also sollte man zeitig vor Ort sein. Die kleine Zuschauergruppe wuchs schnell, und schon bald war es im vorderen Publikumsbereich ganz schön eng – na ja, zumindest spürte man so die draußen langsam aufziehende Kälte nicht.


PJ Harveys Musik mag ich ehrlich gesagt nicht sonderlich, sie war mir immer zu anstrengend und wehklagend – wobei sich das in jüngeren Jahren ja etwas geändert hat. Nur das Duett mit Nick Cave, „Henry Lee“, fand ich immer toll, aber mit einem Gastauftritt des Australiers war eher nicht zu rechnen. Immerhin hatte Frau Harvey jedoch zahlreiche berühmte Bandmitglieder dabei, darunter auch das ehemalige Bad Seeds-Bandmitglied Mick Harvey, außerdem ihren langjährigen Mitmusiker John Parish und der berühmte Blasmusiker Terry Edwards, der bei „The Ministry of Defence“ zwei Saxophone gleichzeitig spielte und mehrfach Raum für Soli erhielt.


Die Band, insgesamt waren sie zu zehnt mit Harvey als einziger Frau, lief mit Trommeln und Blasmusik als „Marching Band“ auf der Bühne ein. Alle waren in schwarz gekleidet und Polly Harvey spielte Saxophon – nachdem ich damit nicht gerechnet hatte, war ich mir im ersten Moment auch gar nicht sicher, ob es sich bei der Saxophonistin überhaupt um PJ Harvey handelte. Tatsächlich spielte man bereits den Anfang des ersten Liedes „Chain of Keys“, Polly trat schon bald samt Saxophon ans vorderste Mikrophon und alle Zweifel waren beseitigt. Sie trug ein Oberteil mit flatterigen, extrem langen Ärmeln, einen sehr kurzen Rock und Ankle Boots, dazu einen Haarschmuck mit Federn. Wie bereits in den 90ern in der Presse thematisiert wurde, ist Polly Harvey nach wie vor extrem schlank. Sie sieht auch nicht viel älter aus als vor 20 Jahren. Die gesammelten Männer bildeten (abgesehen davon, dass sie ihre Instrumente spielten) einen Chor, der häufig mit ihr in einen gospelartigen Wechselgesang trat.


Die Bühnenshow war recht minimalistisch gehalten: Es gab kaum auffällige Beleuchtung, als Hintergrund diente eine Projektion, die wie eine Betonwand mit Wabenstruktur wirkte.  Bei den Songs und den Posen und ausladenden Gesten PJ Harveys hatte man allerdings den Eindruck, alles sei ganz genau durchdacht und geplant. Der Gesang war perfekt, und Harveys Saxophon kam öfters zu Einsatz – in den ersten Liedern ständig, später wieder bei „The Wheel“ und „50ft Queenie“. Gitarre spielte sie dagegen, anders als erwartet, überhaupt nicht. Der Auftritt wurde von mehreren Kameras aufgezeichnet, es gab aber keine Videoleinwände – vielleicht sieht man die Hauptacts ja auch im niederländischen Fernsehen.


Gesprochen wurde auch so gut wie nicht: Lediglich nach „The Words That Maketh Murder“ sagte Harvey, der letzte Tag (an dem Großbritannien sich entschloss, die EU zu verlassen) sei für viele sehr verrückt gewesen, und sie las als Kommentar John Donnes Gedichtausschnitt „No Man Is An Island“ vor. Danach folgte „The Glorious Land“, was angesichts dessen Textes ( Our lands is ploughed by tanks and feet, Feet Marching) sicherlich auch in den Brexit-Kontext gesetzt werden sollte. Die markante Trompete, die den Song in der aufgenommenen Version kennzeichnet, fehlte allerdings live – erstaunlich, da ja eigentlich reichlich Blasmusiker anwesend waren.


Die Setliste fokussierte sich hauptsächlich auf die letzten beiden Alben Harveys, erst das zehnte Lied, „Under the Ether“, kam von einer früheren Veröffentlichung (nämlich „White Chalk“). Mit „50ft Queenie“ und „Down by the Water“ folgten dann wenig später sicher ihre beiden bekanntesten - und ebenfalls alten - Lieder, die auch am besten beim generell sehr positiv gestimmten Publikum ankamen. Bei „Down by the Water“ fielen auch zahlreiche Besucher in den Wechselgesang des Songs mit ein.

Das Set endete mit „To Bring You My Love“, bei dem John Parish allein im Rampenlicht stand, und „River Anacostia“, bei dem alle Musiker singend und ohne ihre Instrumente vorne an den Bühnenrand traten.


Die Show wirkte, als sei sie sehr genau choreographiert, keine Geste oder Bewegung von PJ Harvey oder ihren Bandmitgliedern wirkte spontan oder improvisiert. Entsprechend waren Musik und Gesang geradezu perfekt und entschädigten für den suboptimalen Einstieg ins Festival.

Setliste:

Chain of Keys
The Ministry of Defence
The Community of Hope
The Orange Monkey
A Line in the Sand
Let England Shake
The Words That Maketh Murder
No man is an island (poem by John Donne)
The Glorious Land
Medicinals
When Under Ether
Dollar, Dollar
The Wheel
The Ministry of Social Affairs
50ft Queenie
Down by the Water
To Bring You My Love
River Anacostia


Nach Konzertende machten wir uns in einem riesigen Menschenpulk auf den langen Weg über den Campingplatz nach draußen und waren gespannt, ob wir dort tatsächlich einen Bus finden würden, der uns zum Parkplatz bringen könnte. Tatsächlich standen vor dem Gelände ein paar Reisebusse und zwei wenig auskunftsfreudige Parkwächter, laut denen ausschließlich die Busfahrer über ihre Ziele Auskunft geben konnten. Wir fanden dann einen, der nach meiner hochdetaillierten Erklärung zum Standort unseres Autos („the parking lot that’s close to here!“ – so hatte der Busfahrer der Hinfahrt es mir aufgetragen) meinte, er werde dort zwar nicht hinfahren, könnte uns aber unterwegs absetzen. So geschah es auch, und nach einem etwas aufregenden, fünfminütigen Fußmarsch durch die ländliche Finsternis, während dem wir nicht sicher waren, ob wir zum richtigen Ort unterwegs waren oder gleich nur in einer dunklen, abgelegenen Wiese stehen würden, fanden wir unser Auto tatsächlich wieder.


0 Kommentare:

Eigentlich lohnt es sich ja nicht wirklich, über das Essen bei einem Festival zu berichten, wenn man nur einen Tag vor Ort war. Wir gaben un...

Neulich beim Durchfuttern: Das Essen beim Best Kept Secret 2016

Eigentlich lohnt es sich ja nicht wirklich, über das Essen bei einem Festival zu berichten, wenn man nur einen Tag vor Ort war. Wir gaben uns aber immerhin Mühe, unseren Möglichkeiten entsprechend möglichst viele Stände zu testen - auch wenn sich beim Festival der tausend Food Trucks natürlich noch viel, viel mehr zum Testen angeboten hätte.




Da man ja dazu lernt, lud ich beim Einlass gleich einmal 50 Euro auf den Armbandchip, mit dem man auch dieses Jahr an allen Essens- und Getränkeständen bezahlen musste, denn ich wusste ja bereits, dass das Preisniveau der Stände eher hoch lag - und wenn man ohnehin nur kurz vor Ort ist, muss man ja ohnehin nicht auf den Cent schauen.




Tatsächlich hatten wir seit dem Frühstück fast nichts mehr gegessen, so dass wir am frühen Abend  durchaus hungrig waren. Aber was kaufen? Käsefondue? Burger? Berliner Currywurst? Mac & Cheese? Einen Salatteller? Fisch? Bitterballen? Veganes Gyros? Kuchen? Frittierte Insekten? Mexikanisch? Thai? Indonesisch? Obst? Couscous? Pizza? Pasta? Klar war zumindest, dass Stände, die wir bereits im Vorjahr getestet hatten, außen vor blieben. Als Neuerung gab es dieses Jahr eine Grilltafel, eine Art Bierbank, durch deren Mitte ein Grill verlief, auf dem man die am entsprechenden Stand erworbenen Waren grillen konnte - eine originelle Idee, aber für Vegetarier eher ungeeignet.



Letztlich musste irgendeine Entscheidung getroffen werden, und so gab es für meinen Freund Falafel bei Falafel von Rolf. Für 7,50 Euro erhielt er etwa zehn kleine, handgemachte, frisch frittierte Bällchen in einer Art Eistüte aus Pita und auf einem Bett aus Salat. An einer kleinen Salatbar konnte man die Portion beliebig mit Mais, Rohkost und Karotten sowie zwei Saucen pimpen. Ich durfte ein Bällchen probieren und fand es sehr überzeugend - auch wenn man über den Preis natürlich nicht nachdenken durfte.




Ich gab sogar noch mehr aus: Für 8,50 Euro leistete ich mir bei The Good Life einen Wrap mit Spinat, Gemüse, Rote Beete und Ziegenfrischkäse. Auch mein Essen schmeckte sehr gut und war wegen der großen Portion Frischkäse sogar ziemlich sättigend. Bereits letztes Jahr hatte ich beim Best Kept Secret Rote Beete konsumiert - bei Rock am Ring wäre das sicher nicht passiert!




Etwas Platz für Nachtisch hatten wir aber noch und teilten uns im Interesse des Testens wieder auf. Im Vorbeigehen war uns bereits "The Public Pie" aufgefallen, wo es allerlei Kuchen zu kaufen gab. Am besten rochen die kleinen Apfeltörtchen, für die neben dem Stand ein Mädchen auf einer Leiter (man weiß nicht, warum dort) fleißig Äpfel schälte. So eines leistete ich mir, für 4,50 Euro gab es zumindest die Schlagsahne umsonst dazu. Das Törtchen schmeckte hervorragend und überraschte am Grund seines Teigförmchens mit Walnüssen.



Auch im Dessertbereich hatte man die Qual der Wahl, hinter der Bühne 2 gab es eine ganze Ansammlung von Kuchen- und Waffelständen. Dort kauften wir meinem Freund eine Waffel am Stil, die ebenfalls 4,50 Euro kostete, allerdings in der Menge vielleicht ein Drittel einer normalen Waffel darstellte. Sie schmeckte ebenfalls sehr gut, auch wenn viel von dem Puderzucker, mit dem sie bestäubt war, auf unserer Kleidung landete.



Danach waren wir gesättigt und widmeten uns den Konzerten - sechs Stunden später allerdings war uns vor der dreistündigen Rückfahrt noch nach einem Snack. Hierfür wählten wir ganz klassisch Pommes Frites, die es bei Friethoes auch nach Konzertende noch zu kaufen gab. Am Stand hatten sich lange Schlangen gebildet, aber das Verkaufspersonal schaffte es gleichzeitig, im Akkord Pommes auszugeben und zu schlechter Popmusik abzurocken. Mit 4,50 Euro pro Portion waren die frischen und wohlschmeckenden Fritjes beinahe ein Schnäppchen und stärkten uns für die Heimreise.

Schade, dass wir nicht mehr vom kulinarischen Angebot testen konnten, aber der Magen hat eben Grenzen. Dieses Wochenende besuchen wir mit dem "Down The Rabbit Hole" ein weiteres niederländisches Festival, und ich bin gespannt, ob es beim Speisenangebot mithalten kann.

0 Kommentare:

Letztes Jahr besuchte ich zum ersten Mal das Best Kept Secret Festival in Holland und war positiv angetan über viele Details, die diese V...

Neulich beim Tagesausflug: Das Best Kept Secret Festival 2016 (nur Tag 2)


Letztes Jahr besuchte ich zum ersten Mal das Best Kept Secret Festival in Holland und war positiv angetan über viele Details, die diese Veranstaltung angenehm machten: Es gab einen See direkt neben der Hauptbühne, Zelte im Wald, Schaukeln an Bäumen, ein weitläufiges Gelände mit einer Fülle an interessanten Fressständen und nicht zuletzt ein ansprechendes musikalisches Lineup. Diese Details in Verbindung zum kleineren Publikum und dem Verzicht auf aggressive Sponsorenwerbung machte das Best Kept Secret zu einer attraktiven Alternative zu Hurricane und Southside – die letztes Jahr gleichzeitig stattfanden und deren Line-up sich erheblich mit dem des vom selben Veranstalter organisierten Best Kept Secret überlappte.

Dieses Jahr fand das Best Kept Secret nicht mehr parallel zu Hurricane und Southside statt, und vielleicht deshalb war das Lineup dieses Mal nicht ganz so stark (das der deutschen „Konkurrenz“ allerdings ebenfalls nicht). Nach langem Überlegen entschieden wir letztlich, statt diesem ein anderes Festival in den Niederlanden zu besuchen, nämlich das „Down The Rabbit Hole“ am kommenden Wochenende, bei dem unter anderem Suede und The National auftreten.

So ganz konnten wir die Best Kept Secret-Geschichte dann aber dennoch nicht ad acta legen, erwarben noch am Freitagabend, nachdem wir zunächst auf Facebook erfolglos mit einer Niederländerin verhandelt hatten,  die unbedingt wollte, dass wir ihre Tickets mit an der Tankstelle käuflichen Gutscheinen bezahlten, fix via eBay Tageskarten zum Schnäppchenpreis für den Samstag und machten uns auf zu einer Tages(tor)tour nach Holland – sechs Stunden Auto fahren für vier Bands, nämlich Bloc Party, Dinosaur Jr., Air und Editors.


Ein Freund hatte dasselbe verrückte Vorhaben „Tagesausflug in die Niederlande“ bereits einen Tag früher umgesetzt und warnte uns, dass wir in jedem Fall Gummistiefel benötigen würden. Diese packten wir dann auch brav ins Auto, denn natürlich war uns klar, dass mit instabilen Wetterbedingungen zu rechnen war. Momentan regnet es in Holland genau wie hier sicher an den meisten Tagen dreimal, und wenn das Festivalgelände erst einmal matschig ist, bleibt es das auch für lange Zeit.

Spontan und völlig unvernünftig entschlossen wir uns aber bei unserer Ankunft auf dem Festivalparkplatz, doch einfach die bequemeren Turnschuhe anzulassen. Die Festivalbesucher, die wir sehen konnten, trugen zum Großteil keine Regenstiefel, und mussten es ja eigentlich wissen. Also fällten wir eine ziemlich dumme Entscheidung, denn selbstverständlich war überall auf dem Gelände Matsch, in dem man auch manchmal tiefer einsank, als ein Turnschuh hoch ist. Von den nassen Socken ganz abgesehen. Tatsächlich kamen wir bereits beim Anstehen für unsere Tagesbändchen in den Genuss unseres ersten Schauers.

Leicht durchweicht – Regenjacken hatten wir immerhin mitgenommen – erreichten wir nach einem längeren Fußmarsch das eigentliche Festival. Eine Weile lang wunderte ich mich, dass so viele der uns entgegen kommenden Fußballfans mit den deutschen Farben geschmückt waren, denn schließlich waren wir in Holland, und Deutschland spielte am Samstag auch überhaupt nicht. Ein etwas genauerer Blick ließ mich dann erkennen, dass die umgehängten Girlanden nicht etwa schwarz-rot-gold, sondern schwarz-gelb-rot waren – natürlich handelte es sich um belgische Fans, für die extra direkt vor dem eigentlichen Festivalgelände eine Leinwand aufgebaut worden war, denn Belgien spielte an diesem Nachmittag gegen Irland. Nett von den niederländischen Veranstaltern, dass die trotz der Nichtteilnahme Hollands an der aktuellen Europameisterschaft für die belgischen Fans sorgten.


Wir interessierten uns weniger für den belgischen Fußball und analysierten stattdessen das Angebot der Fressstände, die wie im vorherigen Jahr viel zu bieten hatten – wenn man sich nicht scheute, für kleine Portionen teuer zu bezahlen. Aber dazu berichte ich noch separat.

Adäquat gestärkt fanden wir uns dann vor der Hauptbühne ein, wo wir endgültig erkannten, dass dieser Festivalbesuch ohne Gummistiefel eine Herausforderung werden würde: Vor der Bühne befand sich ein riesiges, übel riechendes Matschfeld. Offenbar zeigt sich bei Nässe, dass der festgetretene Boden, der bei Trockenheit nicht sonderlich auffällt, zu einem Großteil aus Kuhfladen besteht. Bei Feuchtigkeit entfalten sie dann ihr volles Aroma. Wenn man wie wir keine Lust hatte, nach und nach im Kuhfladenmatsch zu versinken, blieb die Möglichkeit, sich auf einen leicht erhöhten Kabeltunnel zu flüchten, der von der Bühne aus durchs Publikum nach hinten verlief. Ansonsten lagen auch noch vereinzelte Holzplatten herum, auf denen man stehen konnte.


Bloc Party also. Ich mag die Musik von Kele Okereke und seinen Kollegen sehr gerne, insbesondere das zweite Album „A Weekend in the City“ hat es mir angetan, wobei ich, wie wohl viele, den Indie Pop-Songs positiver gegenüber stehe als den Elektroversuchen. Ein Konzertbesuch in Mannheim vor einigen Jahren entpuppte sich aber als kleine Enttäuschung, an diesem Abend war Kele offenbar schlecht gelaunt und beklagte sich über das „faule“ Publikum.


Am Samstag war das anders, am Publikum war offenbar nichts auszusetzen. Kele hat in den letzten Jahren offensichtlich viel Zeit im Fitness Studio verbracht und ist geradezu aufgepumpt. Vielleicht hat er in der Muckibude auch den aktuellen Bassisten von Bloc Party, Justin Harris, kennen gelernt, denn auch dieser wirkte sehr muskulös. Neben Bass spielte er auch Keyboard und - bei "Mercury" - Saxophon. Am Schlagzeug saß die sehr jung wirkende Louise Bartle, Bloc Partys einziges noch vorhandenes Gründungsmitglied neben Kele, Russell Lissack, spielte Gitarre.

Die Setliste berücksichtigte sämtliche Bloc Party Alben, wobei wir (und möglicherweise auch andere Indie-Fans) stets erleichtert waren, wenn Kele zur Gitarre griff, denn das versprach einen Song nach unserem Geschmack. Insgesamt schienen die elektronischeren Lieder generell etwas schlechter beim Publikum anzukommen, allerdings mit Ausnahme von „One More Chance“.


Aus unserer Sicht hätte die Setliste durchaus noch mehr Knaller wie „Like Eating Glass“ oder auch „I still remember“ sowie meinen persönlichen Favoriten „Waiting for the 7:18“ vertragen können, aber immerhin war es toll, die älteren Songs live zu hören. Bei einem Lied versagte übrigens das Keyboard, weshalb wir eine „special version“ zu hören bekamen, mit der die Band offensichtlich unzufrieden war. Aus Publikumssicht klang diese aber gar nicht so schlecht. Kele teilte uns gegen Ende mit, er reise am liebsten in die Niederlande, um high zu werden, ohne, dass diese Bemerkung bejubelt worden wäre. Vielleicht hätte ein freundlicher Kommentar zur belgischen Nationalmannschaft mehr Begeisterung hervorgerufen, denn ein Großteil des Publikums trug schwarz-gelb-rot.


Schade war, dass die Band nur 50 Minuten ihres einstündigen Slots nutzte. Aber es war schön, sie gesehen zu haben. Gerade die nahtlos ineinander übergehenden "Song for Clay" und "Banquet" rechtfertigte (fast) die lange Anreise.

Setliste:

Virtue
Hunting For Witches
Positive Tension
Mercury
Song For Clay
Banquet
One More Chance
Different Drugs
Octopus
The Love Within
Helicopter
Ratchet

Dinosaur Jr. kenne ich irgendwie aus meiner Jugend, ich weiß nur nicht genau, warum und inwiefern. Nachdem ich die Stimme von J Mascis durchaus erkenne, muss ich zu irgendeinem Zeitpunkt auch Musik der Band gehört haben. Aber wann und welche?


Der Auftritt von Dinosaur Jr. beim Best Kept Secret wird dieses Rätsel nicht lösen, denn er stand unter keinem guten Stern: Obwohl Bloc Party ihre Spielzeit nicht voll ausgenutzt hatten, blieben uns nur zehn Minuten, um von der Hauptbühne zum Zelt zu laufen, wo das Konzert stattfand. Dieses war schon mehr als gut gefüllt, weshalb wir uns nur außerhalb hinstellen konnten (dankenswerterweise waren die Außenwände geöffnet). Als Neuerung gegenüber dem Vorjahr hatten die Veranstalter links und rechts der Bühne Videoleinwände aufgestellt, so dass man theoretisch auch aus der Entfernung etwas sehen hätte können – wären die Leinwände denn etwas höher gehängt worden.

Bereits im vergangenen Jahr hatten wir die Erfahrung gemacht, dass es im Zelt, wenn man nicht sehr früh vor Ort war, schwierig werden konnte, einen Stehplatz mit Sicht auf die Bühne zu ergattern. Das erlebten wir auch jetzt.


So hörten wir uns nach der Ankündigung J Masics, es gehe ihm gesundheitlich schlecht und er werde, statt ganz abzusagen, im Sitzen spielen, einige Songs an, aber ohne viel zu sehen. Immerhin konnte man erkennen, dass Mascis auf einem Stuhl saß und ihm nach Bedarf Gitarren gereicht und wieder weggenomen wurden. Den Gegenpol zum sitzenden Sänger einerseits und dem glatzköpfigen Drummer andererseits bildete der einen Bassist Lou Barlow, der seine Haarmähne wild schüttelte. So richtig befriedigend war dieses weitgehend unsichtbare Konzert aber nicht, und so wanderte wir nach einigen Liedern ab.

Zeit für Air auf der Hauptbühne, vor der wir dieses Mal kein Plätzchen auf dem Kabelschacht mehr ergattern konnten und stattdessen rechts vor der Bühne in einem etwas weniger matschigen Bereich standen.


Air als Festivalband hatte ich mir im Vorfeld gar nicht so recht vorstellen können, ich weiß aber auch denkbar wenig über das französische Duo und kenne nur seine großen Hits. Es erschienen dann auf der Bühne nicht zwei, sondern vier ganz in weiß gekleidete, mittelalte Männer, die Synthesizer jeder Marke und jeder Epoche dabei zu haben schienen. Die beiden Zusatzmusiker waren für das Schlagzeug und weitere Keyboards zuständig, während die Stammbesetzung natürlich ebenfalls Keyboard (Jean-Benoît Dunckel) und Akustikgitarre (Nicolas Godin) spielte und gelegentlich sang.

Obwohl ich mehr Songs kannte als vorab befürchtet (viele der gespielten Titel stammten vom bekanntesten Album „Moon Safari“, „Playground Love“ kannte ich vom Soundtrack zu The Virgin Suicides), mochte der Funke bei mir nicht so richtig überspringen. Bei Tageslicht und auf einer Freilichtbühne wirkten Air einfach leicht deplatziert. Vielleicht wäre eine späterer Slot ihrer Musik eher gerecht geworden.


Viel gesprochen wurde auch nicht, lediglich vor und nach „Remember“ nutzte Nicolas die im Song eingesetzte Computerstimme, um sich auch gleich beim Publikum zu bedanken - woran er sichtlich Spaß hatte. Bei „Alpha Beta Gaga“ pfiff er dafür und spielte Banjo.

Bei den letzten drei Liedern, „Kelly Watch the Stars“, „Sexy Boy“ und „La Femme d’Argent“ lebte das Publikum dann noch sichtbar auf, und es wurde doch noch etwas wie Festivalatmosphäre spürbar.

Setliste: 

Venus
Don't Be Light
Cherry Blossom Girl
J'ai dormi sous l'eau
People in the City
Talisman
Remember
Playground Love
Alpha Beta Gaga
Radian
How Does It Make You Feel?
Kelly Watch the Stars
Sexy Boy
La Femme d'Argent


Nach Air blieben wir einfach vor der Bühne stehen, denn leider war der Fanandrang bereits so groß, dass man fürchten musste, als Spätkommer bei den Editors im tiefsten Matsch stehen zu müssen. Bereits in der Stunde Wartezeit begann es zu regnen, und eigentlich hörte es den gesamten Auftritt lang nicht mehr damit auf.

Nachdem im Bühnenhintergrund auf alt gemachte Ventilatoren aufgebaut worden waren, die sicherlich Fabrikatmosphäre schaffen sollten, wurde meine Geduld dadurch strapaziert, dass einer unserer wartenden Mit-Konzertbesucher, der für die gute Stimmung sichtbar nicht nur Bier konsumiert hatte, alle zwei Minuten „all sparks will burn out“ - und zwar nur diese eine Zeile - gröhlte. Immerhin scheint Tom Smith aber meine telepathische Botschaft erhalten zu haben, diesen Song aus Bestrafungsgründen an diesem Abend keinesfalls zu spielen.


Viele Lieder scheinen, anders als "All Sparks", auf der aktuellen Editors-Setliste feste Plätze zu haben, so erschien es unvorstellbar, dass nicht „No Harm“ das erste, „Papillon“ das vorletzte und „Marching Orders“ das letzte Lied sein könnten, und so war es dann auch. Gestrichen war dagegen der Akustikteil, in dessen Rahmen Tom Smith beim Konzert in Offenbach ausgerechnet „Smokers Outside The Hospital Doors“ dargeboten hatte. Dieses Lied hat zum Glück nun seine normale Instrumentierung zurückbekommen, die ihm viel besser steht.


Im übrigen hatte die Setliste auch Überraschungen parat, so spielten die Editors den neuen Song „The Pulse“, dessen Anfang Tom beim ersten Versuch am Klavier verpatzte. „Open Your Arms“ wurde als Lied angekündigt, das nur selten live gespielt werde, aber soeben den Weg zurück ins Bandgedächtnis gefunden habe. In Zeiten des Internets kann man solche Aussagen natürlich zeitnahe überprüfen, und tatsächlich wurde der Song in über 50 Konzerten der aktuellen Tournee erst dreimal gespielt - ebenso wie „No Sound But the Wind“, den uns Tom Smith gegen Ende allein am Piano vorspielte, und das nur in Belgien ein Nummer-1-Hit war. Kein Wunder, dass es beim Publikum so gut ankam!


Überraschend waren auch verschiedene Feuereffekte, die die Band in Hilvarenbeek dabei hatten, und die bei verschiedenen Liedern zum Einsatz kamen – teils als vier vom Bühnenrand emporschießende Flammen, teils als Feuerregen und am Schluss sogar als kleines Feuerwerk. Die Bühnenflammen gaben selbst auf 20 Meter Entfernung ein bisschen Wärme ans Publikum ab, so dass man sie ruhig häufiger hätte einsetzen hätte dürfen.

Gleich mehrmals erwähnte Tom, es sei nett, dass wir uns bei „miserable weather“ zu „miserable music“ eingefunden hätten, erwähnte im Verlauf der Show aber auch, dass der Auftritt ihn dennoch glücklich mache.


Uns eigentlich auch, es war trotz Dauerregen und Kälte ein schönes Konzert. Nur schade, dass Rachel Goswell, die am Vorabend mit Minor Victories (einer Band, bei der auch Editor Justin Lockey Mitglied ist) beim selben Festival aufgetreten war, nicht geblieben war, um bei den Stücken des aktuellen Albums „In Dream“, an denen sie mitgewirkt hat, live mitzusingen.

Setliste: 

No Harm
Sugar
Smokers Outside the Hospital Doors
Life Is a Fear
An End Has a Start
Formaldehyde
The Pulse
Eat Raw Meat = Blood Drool
The Racing Rats
Forgiveness
Munich
Open Your Arms
All the Kings
Ocean of Night
A Ton of Love
No Sound but the Wind
Papillon
Marching Orders

Es fehlt noch ein Fazit. Zweifellos macht jedes Festival bei Sonne mehr Spaß, und das gilt auch für dieses. Außerdem bedeutete der Tagesausflug auch, dass wir wenig Zeit hatten, um das Gelände zu erforschen und dabei vielleicht Neues zu entdecken. Und als ich um vier Uhr morgens im Bett lag und später am Sonntag halb komatös auf der Couch saß, konnte ich den Gedanken, dass die Reise eine ziemliche Schnapsidee war, nicht von der Hand weisen. Aber immerhin haben wir ein sehr gutes Editors- und ein gutes Bloc Party-Konzert gesehen und können Air unter "live gesehen" verbuchen. Dinosaur Jr. wohl nur unter "live gehört".


Außerdem habe ich dazu gelernt: Das Festival am nächsten Wochenende geht wieder über drei Tage, wir sind am Ende voraussichtlich schon um DREI Uhr morgens im Bett und den Montagvormittag habe ich vorsorglich frei genommen.

0 Kommentare: