Verloren im Nebel: The Jesus and Mary Chain in der Darmstädter Centralstation

U.

Mittlerweile fahre ich recht routiniert von Frankfurt aus nach Arbeitsende per Bahn in mehr oder weniger nahe gelegene Städte, um dort Konzerte zu besuchen, überraschenderweise war Darmstadt bis Donnerstag aber noch nicht dabei gewesen. Die Anreise dorthin ist denkbar einfach, in nur 25 Minuten schafft man es vom Frankfurter Hauptbahnhof vor die Halle... wenn man sie denn findet. Da die Centralstation über ihr eigenes Parkhaus verfügt, hatte ich sie bei früheren Besuchen erst sehr selten von außen gesehen, und das Gebäude findet sich etwas verschachtelt zwischen anderen... so handelte ich zunächst nach der Dirk Gently-Methode, indem ich anderen potenziellen Konzertgängern (schwarz gekleidet und etwas älter) folgte, aber diese waren wohl ebenfalls nicht ortskundig und irrten in der Fußgängerzone herum... bis uns allen schließlich ein Wegweiser weiter half.


Obwohl The Jesus and Mary Chain aktuell ihre ersten deutschen Konzerte seit 1998 geben, war der Darmstädter Termin anders als die anderen in Deutschland nicht ausverkauft. Für mich selbst war es das zweite Konzert der Band, denn ich sah sie vor zwei Jahren beim Best Kept Secret Festival - damals wurde das Album "Psychocandy" komplett gespielt. Als junge Männer habe ich die Brüder Reid also nie gesehen... dabei mochte ich ihre Musik in den 90ern durchaus gerne. Stichwort 90er Jahre: Nicht nur die suchenden Gäste in der Umgebung der Halle hatten eher die ältere Generation repräsentiert, auch innen sah man viel weißes Haar zu dunkler Kleidung.

Als Vorband trat zunächst Laura Carbone (der Ansager (!) nannte sie "Laura Carbon") auf, eine italienischstämmige Mannheimerin samt Band, die mit ihrer Musik stark an düstere Bands aus den 80er Jahren erinnerte und somit stiltechnisch recht gut zum Hauptact passte. Vorband-typisch wünschte die Sängerin am Ende ihres Sets viel Spaß mit der Hauptband und erklärte, sich zu freuen, The Jesus and Mary Chain begleiten zu dürfen - in diesem Fall klang es aber wirklich begeistert und bewundernd.


In der Umbaupause wurde auf etlichen Lautsprechern der Schriftzug "Jesus" enthüllt, außerdem untersuchten die Roadies die Bühne intensiv auf Stolperfallen - allerdings nicht sorgfältig genug, wie sich später zeigen sollte. Bevor der Hauptact nun die Bühne betrat, wurde noch schnell die Nebelmaschine angeworfen, die alles, inklusive des hinter der Bühne aufgehängten Covers der aktuellen Platte "Damage and Joy", hinter ihren Ausdünstungen verschwinden ließ. Angeblich traten die Reids früher gerne mit dem Rücken zum Publikum auf - heute spielt man eben hinter einer dichten Nebelwand.


Während wir vor zwei Jahren in Holland etwas zu spät erschienen waren und deshalb wegen der anderen Zuschauer nicht allzu viel von der Band sahen, hätte unsere Sicht am Donnerstag aus der zweiten Reihe eigentlich perfekt sein können - wäre da nicht der Nebel gewesen. Den Schlagzeuger konnte ich so gut wie überhaupt nicht erspähen, während der weißhaarige Bassist Mark Crozer und der Gitarrist Scott von Ryper gelegentlich hinter den Schwaden hervortraten. Ganz rechts und somit weit von uns entfernt konnte man schemenhaft zumindest die ergraute Wattebauschfrisur von William Reid ausmachen, während Jim Reid ganz vorne vergleichsweise gut sichtbar war - zumindest, wenn der Nebel sich gelegentlich kurz lichtete.

Mit dem Eintreten der Band flippten einige Superfans in unserer Umgebung völlig aus und schrien ihre Begeisterung nach jedem Lied Richtung Bühne, während die Mehrheit der Zuschauer altersgerecht eher erfreut mitwippte. Das Konzert begann stark mit vier Singles aus unterschiedlichen Alben: "Amputation", "April Skies", "Head On" und "Far Gone And Out". Nach dem zuletzt gesehenen "Psychocandy"-Set wurden dieses Mal bis auf "Stoned & Dethroned" und "Munki" alle Alben berücksichtigt.


Im Mittelteil der Setliste befanden sich viele Albumtracks, das Geschrei und Gehopse vor der Bühne wurde weniger. Jim Reid entpuppte sich als ausgesprochen freundlich und höflich, wenn auch nicht als sonderlich gesprächig. Wir hörten viele "Thank You"s und Ankündigungen der neueren und älteren Lieder - wobei die älteren besser ankamen.

Die für einige der Songs benötigte weibliche Gesangspartnerin, über deren Identität wir vorab bereits spekuliert hatten, war wider Erwarten nicht Laura Carbone, die aber vielleicht die bessere Wahl gewesen wäre - die von Jim Reid leider für mich nicht verständlich vorgestellte Sängerin (sehen konnte man von ihr auch nicht viel) sang schief und war kaum zu hören. Sie sang bei "Always Sad" mit und kehrte später für "Just Like Honey" nochmals zurück.


Der Nebel wurde nun teilweise so dicht, das selbst Jim Reid nicht mehr zu sehen war. Musikalisch galt die Maxime: Immer, wenn man dachte, noisiger geht es nicht mehr (wobei die Lautstärke zwar laut aber nicht ohrenbetäubend war), kam es doch anders und kulminierte schließlich im letzten Song "Reverence". Das Feedback überbrückte die Wartezeit auf den bereits mit dem letzten Lied vorab angekündigten Zugabenteil - sinngemäß hatte Jim Reid gesagt, nun komme zwar das letzte Lied, es werde aber überaus einfach sein, die Band für eine Zugabe zurückzuholen.


Die Nebelmaschinen hatten im Hauptteil alles gegeben, nun, im Zugabenteil, lichteten sich die Wolken erstmalig. Es gab satte sechs fest eingeplante Zusatz-Songs. Nach dem ruhigeren "Nine Million Rainy Days" kamen dann auch alle "Psychocandy"-Fans auf ihre Kosten, denn von diesem Album wurden vier Lieder gespielt. "Taste Of Cindy" geriet dabei sehr noisig. Ging noch mehr? Ja, beim Schlussteil von "War On Peace" holte William Reid noch einmal alles aus den Gitarren heraus. Vielleicht fiel Jim nun auch ein, dass es bei The Jesus and Mary Chain-Konzerten früher manchmal weniger harmonisch zuging und er dem Publikum noch ein paar Flüche schuldete. Jedenfalls stolperte er nach der Ankündigung des nun wirklich allerletzten Songs und rief, nachdem das Mikrophon geräuschvoll auf den Boden geknallt war, aus: "How many times have I tripped over that fucking mic tonight? Fucking bastard!" Da hatten die Bühnentechniker dann wohl doch nicht aufmerksam genug nach potenziellen Stolperstellen gesucht.

Insgesamt ein schönes Konzert einer Band, die nicht wie andere einfach nur dem aktuellen Wiedervereinigungs-Trend folgt, sondern auch neue Musik zu bieten hat. Nur schade, dass man von den Musikern so wenig sehen konnte...


Setliste:

Amputation
April Skies
Head On
Far Gone And Out
Between Planets
Blues From A Gun
Always Sad
Mood Rider
Teenage Lust
Cherry Came Too
The Hardest Walk
All Things Must Pass
Some Candy Talking
Halfway To Crazy
Reverence

Nine Million Rainy days
Just Like Honey
You Trip Me Up
The Living End
Taste Of Cindy
War On Peace

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