Es gibt immer wieder einmal interaktive Videos, die es dem Zuschauer erlauben, das Anzusehende mitzugestalten. Meistens ist das eine furc...

Sendeschluss: Real Estate - Stained Glass


Es gibt immer wieder einmal interaktive Videos, die es dem Zuschauer erlauben, das Anzusehende mitzugestalten. Meistens ist das eine furchtbar langweilige Angelegenheit, wenn man etwa den Bildausschnitt auswählen kann und somit entscheiden, ob man lieber etwas ansieht, das total langweilig ist, oder eben das eigentliche Video... oder aber das Video an sich ist so abstrakt, dass es irgendwie auch schon egal ist, ob man etwa wabernde Farbsegmente in irgendeiner Form beeinflussen kann. Gähn.


Die US-Band Real Estate hat sich hier aber etwas gleichermaßen Neues wie Einfaches ausgedacht: Das Video an sich steht fest, aber der Zuschauer darf es, wenn er denn Lust hat, selbst ausmalen! Das Ganze erinnert etwas an die Ausmalbücher für Erwachsene, die vor einigen Jahren in den Handel kamen.


Wer mag, kann sein Ausmalwerk nach Belieben in mehreren Durchgängen optimieren und es anschließend mit der Öffentlichkeit teilen. Zur interaktiven Version geht es hier entlang, wer einfach nur das Video sehen möchte, kann es unten anschauen.

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Ach ja, The Lemonheads, beziehungsweise ach ja, Evan Dando. Anfang der 90er, als der Dando-Hype seinen Höhepunkt hatte, verbrachte ich ei...

Hits im Minutentakt: Evan Dando im Kölner Underground


Ach ja, The Lemonheads, beziehungsweise ach ja, Evan Dando. Anfang der 90er, als der Dando-Hype seinen Höhepunkt hatte, verbrachte ich ein Jahr in London, wo sich der amerikanische Sänger zur echten Celebrity mauserte. NME, Melody Maker und Select druckten Titelstory um Titelstory, und ich las sie alle mit Begeisterung. Die Alben „It’s A Shame About Ray“ und später „Come On Feel The Lemonheads“ liefen bei mir rauf und runter, und da ich keine Gelegenheit bekam, die Band live zu sehen, kaufte ich mir auf einem Straßenmarkt eine Kassette mit einem illegalen Live-Mitschnitt.

Das alles ist lange her, aber die Erinnerungen waren stark genug, um mich selbst 2007 zu meinem nun endlich ersten Lemonheads-Konzert in die Frankfurter Batschkapp zu locken. Ich schrieb sogar einen Bericht darüber, der aber in den Tiefen des Internets verloren ging. Zusammenfassung: Dando wirkte geistig extrem abwesend und blickte konsequent über das Publikum hinweg, spielte mit seiner Band aber durchaus engagiert und schön. Das Konzert endete recht früh nach einem Solopart des Sängers mit Gitarre – später erkannte ich durch die Lektüre von Setlisten anderer Konzerttermine, dass nach dem Soloteil normalerweise noch einer mit Band gekommen wäre, der aber in Frankfurt fehlte. Der Abend war musikalisch gut, aber atmosphärisch fragwürdig – und eben sehr kurz.


Mittlerweile sind wieder schlappe zehn Jahre vergangen, und als mein Freund vorschlug, am letzten Sonntag nach Köln zu fahren und ein Evan Dando-Konzert (dieses Mal solo) zu besuchen, dachte ich zunächst an mein früheres Fantum, anschließend an den komischen Abend 2007 – und entschloss mich, mitzukommen.

Als wir endlich einen Parkplatz gefunden hatten und im Underground angekommen waren, spielte bereits der Support Act, eine Deutsche namens Jenny Bright mit Gitarre. Ich fand ihre Stimme sehr gut, ihre Songs aber eher belanglos. Für Evan füllte sich der Zuschauerraum dann stark, während mein Freund und ich in der Wartezeit zum Zeitvertreib diverse Wetten eingingen: Dandos Haarlänge (er: schulterlang, ich: kürzer), sein Outfit (er: Bandshirt, ich: Shirt ohne Band), Anzahl der gespielten Songs (er: 28, ich: weniger).

Nur die Wette um die Songzahl funktionierte letztlich: Evan Dando hat aktuell überschulterlange Haare, die er (Stand vom letzten Sonntag) ruhig einmal waschen könnte. Er trug ein seltsames rotes Sweatshirt sowie eine blaue Hose mit Farbspritzern, beides wirkte ein wenig, als käme es aus einem Altkleidersack. Im Alter (er ist mittlerweile 50) hat er eine gewisse Ähnlichkeit zu Michael Fitz entwickelt – dem „Carlo“ aus dem Münchener Tatort.


Gegenüber dem Batschkapp-Auftritt hatte sich nicht verändert, dass Dando offenbar keine Lust auf Interaktion mit dem Publikum hatte. Außer einigen „Thank you“s wurde im Grunde nicht gesprochen, dafür ein Lied nach dem anderen weggespielt, ohne auch nur minimal den durchaus großen Applaus abzuwarten – wobei der Blick entweder im Luftraum über dem Publikum ruhte oder die Augen geschlossen wurden.

Das änderte nichts daran, dass die gespielten Lieder vielfach toll waren beziehungsweise es immer noch sind. Das Publikum brach öfter in textsicheren Mitgesang aus, etwas bei „Rudderless“ oder „Into Your Arms“ – zu letzterem bildete sich ein regelrechter Männerchor, der sogar Dando ein halbes Lächeln abrang.


Ansonsten musste man sich damit begnügen, dass am Ende jedes Liedes direkt das nächste losging, wobei neben einer gewaltigen Zahl von Lemonheads- und Evan Dando-Songs auch eine Menge Coverversionen durchgespielte wurde. Ich kam kaum damit mit, die Lieder auf der umfangreichen mitgebrachten potenziellen Setliste abzuhaken beziehungsweise bei den mir unbekannten Songs Liedzeilen fürs spätere Googlen mitzuschreiben.

Nach sage und schreibe 28 Songs verließ Dando die Bühne, kehrte aber nach lautem Applaus überraschenderweise mit einer blonden jungen Frau namens Marciana Jones zurück, die ebenfalls eine Gitarre hatte. Später recherchierte ich, dass die beiden gemeinsam mit Willy Nelson die Band The Sandwich Police sind. Das Duo begann, gemeinsam weitere Coverversionen als Duette zu spielen, wobei sie die konkreten Songs und Texte gemeinsam spontan aus einer Kladde wählten. Auch zwei Lieder von The Sandwich Police waren dabei. Ein wenig fragte ich mich, warum Marciana nicht schon früher auf die Bühne gekommen war: Lieder wie "It's About Time" hätten von einer zusätzlichen weiblichen Stimme durchaus auch profitiert - so sorgte eben der Publikumschor für das im Text erwartete, weibliche "Sunshiiine!".


Der Zugabenteil wirkte sehr spontan und klang vielfach nach Countrymusik, wenn auch leider manche der spontan ausgewählten Lieder nicht funktiionieren wollten.  Ich fand ihn, obwohl ich keinen der Songs kannte, durchaus unterhaltsam, auch wenn das Ganze einen gewissen Touch von Fußgängerzonen-Konzert hatte. Nach weiteren zehn Liedern (von denen eines mit den Worten „Fuck it“ abgebrochen wurde) war das Konzert endgültig vorbei.

Der Abend war durchaus schön, aber hauptsächlich als Erinnerung daran, dass ich wieder einmal  meine Lemonheads-Platten und auch das Evan Dando-Soloalbum (das in einer erweiterten Wiederauflage am Merchandisestand verkauft wurde) anhören sollte. Dass ich in weiteren zehn Jahren wieder Lust verspüre, Herrn Dando live zu sehen, bezweifele ich aber eher. Ich brauche keinen Künstler, der permanent mit dem Publikum interagiert, aber ein wenig Sicherheit darüber, dass er weiß, dass ein Konzert stattfindet, finde ich schon wünschenswert.


Setliste:

Hard Drive
Being Around (The Lemonheads Song)
Frying Pan (Victoria Williams Cover)
Confetti (The Lemonheads Song)
I'll Be Here in the Morning (Townes Van Zandt Cover)
Down about it
My Idea (Chris Brokaw Cover)
(?)
The Outdoor Type (Smudge Cover)
Hospital (The Lemonheads Song)
Break Me
Hannah & Gabi (The Lemonheads Song)
Different Drum (Michael Nesmith Cover)
The Same Thing You Thought Hard
Rudderless (The Lemonheads Song)
Ride With Me (The Lemonheads Song)
Style (The Lemonheads Song)
All My Life
My Drug Buddy (The Lemonheads Song)
The Great Big No (The Lemonheads Song)
Losing Your Mind (The Lemonheads Song)
Frank Mills (Galt MacDermot Cover)
Favorite T (The Lemonheads Song)
It's About Time (The Lemonheads Song)
Bit Part (The Lemonheads Song)
Into Your Arms (The Lemonheads Song)
It's a Shame About Ray (The Lemonheads Song)
Tenderfoot (Smudge Cover)

I’ll Be Your Mirror (The Velvet Underground & Nico Cover)
Settled Down Like Rain (The Jayhawks Cover)
Splinters (The Sandwich Police)
Round Here (Florida Georgia Line cover)
Good Life (The Sandwich Police)
The Streets Of Baltimore (Bobby Bare Cover)
They Don’t Know (Tracy Ullman Cover)
Your Cheatin’ Heart (Hank Williams Cover)
Setting The Woods On Fire (Hank Williams Cover) - abgebrochen
In the Grass All Wine Colored

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Iggy Pop hat anscheinend eine Zweitkarriere als Moderator von Naturdokumentationen. Diese hier hat es allerdings so in sich, dass ich dar...

Sendeschluss: alt-J - In Cold Blood


Iggy Pop hat anscheinend eine Zweitkarriere als Moderator von Naturdokumentationen. Diese hier hat es allerdings so in sich, dass ich darauf hoffe, dass die arme Protagonisten-Maus nur ein routinierter Mäuseschauspieler ist. Sonst wäre das arme Tier womöglich von den Dreharbeiten völlig traumatisiert.

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Es gab diese kurze Phase in den 90ern, in denen Tim Burgess einen relativ normalen Haarschnitt hatte. Man konnte seine Augen sehen! Es ka...

Sendeschluss: The Charlatans - Plastic Machinery


Es gab diese kurze Phase in den 90ern, in denen Tim Burgess einen relativ normalen Haarschnitt hatte. Man konnte seine Augen sehen! Es kann ihm nicht gefallen haben, denn seit Ewigkeiten trägt er wieder seinen gewohnten Mop, der außerdem seit geraumer Zeit blondiert ist.

Auch das Lied "Plastic Machinery" erinnert an alte Zeiten, denn es klingt... richtig gut! Die Band bewegt sich im Video in verschiedenen Gegenden Barcelonas und verbreitet gute Laune. Bleibt abzuwarten, ob das neue Album "Different Days" ebenfalls so eingängig klingt.

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Über Ostern habe ich meinen Kleiderschrank aussortiert, zwei riesige Tüten Kleidung zum Altkleidercontainer geschleppt und zum etwa 20. ...

Gekauft: April 2017


Über Ostern habe ich meinen Kleiderschrank aussortiert, zwei riesige Tüten Kleidung zum Altkleidercontainer geschleppt und zum etwa 20. Mal beschlossen, dass ich ab jetzt viel weniger Bekleidung kaufe, noch sorgfältiger auswähle und dann nur noch Stücke besitze, die ich wirklich mag.

Nichtsdestotrotz habe ich im April auch bei Zalando bestellt. Vor kurzem entdeckte ich, dass der Onlineshop mittlerweile Artikel der von mir sehr geschätzten Marke "All Saints" führt, was dazu führte, dass ich mir einen teuren Rock und einen reduzierten Pullover aussuchte. Vielleicht war es ja durch den ersten Absatz aktiviertes Karma, aber obwohl ich in den letzten Jahren sicherlich fünfmal bei Zalando bestellt und als Lieferadresse stets meine Büroadresse gewählt habe, wurde diese Bestellung nun mit dem Vermerk "Empfänger unbekannt" zurück geschickt.


Zalando riet mir, dieselben Sachen einfach noch einmal zu bestellen und die Empfängeradresse nochmals zu prüfen  - wobei es hier nichts zu prüfen gibt - also habe ich das nun getan und bin gespannt, ob meine Bestellung dieses Mal bei mir ankommt. Und dann werde ich, gemäß meinen Vorsätzen, sehr genau abwägen, ob der Rock und der Pulli Dinge sind, die aktuell in meiner Garderobe fehlen. Versprochen.


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Schon wieder kann ich über einen aktuellen Film berichten, Guardians of the Galaxy Vol. 2 . Seltsam eigentlich, dass der Film keinen weit...

Gesehen: April 2017


Schon wieder kann ich über einen aktuellen Film berichten, Guardians of the Galaxy Vol. 2. Seltsam eigentlich, dass der Film keinen weiteren Titel hat, wie das sonst bei Marvel-Filmen üblich ist (also beispielsweise Captain America: Civil War).

Eigentlich war damals mein Hauptgrund, in das "Marvel Cinematic Universe" mit seinen mittlerweile Massen von Filmen einzusteigen, dass ich mich auf den ersten Avengers-Film freute, dessen Regisseur Joss Whedon war. Es schien quasi Voraussetzung für das Verständnis des Whedon-Films zu sein, dass man eben auch alles kannte, was bis dahin ins Kino kam, also die Iron Man-Filme, den zweiten Teil der Hulk-Serie sowie Thor. Mittlerweile ist Joss Whedan nach zwei Avengers-Teilen aus dem Projekt wieder ausgestiegen, dafür nimmt die Zahl der neuen Marvel-Filme immer weiter zu - letztes Beispiel ist der erneute Reboot der Spiderman-Filmreihe, den ich nun wirklich für übertrieben halte.

Als dann 2014 in der Post Credit Scene von Thor 2 - The Dark World auf den neuen Handlungs-Seitenast Guardians of the Galaxy verwiesen wurde, war meine erste Reaktion, dass jetzt meine Grenze erreicht war. Noch mehr Zeit wollte ich in diesen Marvel-Kram nicht investieren, von den Charakteren hatte ich noch nie gehört, das Ganze sah trashig aus und irgendwo ist auch einmal Schluss. Tatsächlich sah ich Teil 1 dann nicht im Kino.

Später auf Sky zeigte sich allerdings, dass Guardians of the Galaxy um einiges sehenswerter war als so mancher Iron Man-Film. Die Geschichte ist nur lose an den Rest des "Universums" angehängt, alle Figuren waren mir neu und vor allem: Die Handlung war gleichermaßen unterhaltsam, spannend und lustig.

Auf Teil 2, der seit letzter Woche im Kino läuft, hatte ich mich also tatsächlich gefreut, und ich wurde wiederum sehr gut unterhalten. Zur Handlung möchte ich gar nicht viel sagen, weil jede Nacherzählung ohnehin nur Sinn ergibt, wenn man zumindest Teil 1 kennt. Aber ich musste tatsächlich mehrmals laut lachen, und das passiert mir bei Filmen gar nicht einmal so oft.

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Im April las ich die Romanversion von Miss Peregrine's Home for Peculiar Children - nachdem ich letztes Jahr bereits den gleichnamig...

Gelesen: April 2017


Im April las ich die Romanversion von Miss Peregrine's Home for Peculiar Children - nachdem ich letztes Jahr bereits den gleichnamigen Film von Tim Burton gesehen hatte. Der Roman erzählt weitestgehend dieselbe Geschichte: Jacob führt ein ziemlich leeres Leben, hat quasi keine Freunde und ein distanziertes Verhältnis zu seinen Eltern. Als Kind fühlte er sich seinem Großvater nahe. Dieser zeigte ihm diverse Fotos seltsamer Kinder, die scheinbar fliegen konnte, unsichtbar waren oder unendlich stark, und behauptete, er sei mit ihnen aufgewachsen. Der ältere Jacob hält die Fotos für Fälschungen, ist aber dennoch tief getroffen, als der Großvater ermordet wird und er glaubt, am Tatort ein Monster gesehen zu haben.


Jacob überredet seinen Vater dazu, mit ihm nach Wales zu reisen, wo der Großvater während des zweiten Weltkriegs in einem Kinderheim war. Zunächst entdeckt er nur ein verfallenes Haus, doch dann findet er eine versteckte Zeitschleife - und erkennt, dass die Kindheitsfreunde seines Großvaters, die er von den Fotos kannte, tatsächlich existieren und außerhalb der voranschreitenden Zeit immer noch leben - und sich so vor den Monstern verstecken, von denen Jacob eines gesehen hat.

Bis zu dieser Stelle sind Buch und Film nahezu gleich. Vermutlich ist der Film aber, anders, als das aktuell üblich ist, nicht auf Fortsetzungen ausgelegt, während der Roman nur der erste Teil einer Buchreihe ist. Wohl deshalb schreitet die Geschichte im Film deutlich weiter voran als das im Buch der Fall ist. Es gibt auch weitere Änderungen - beispielsweise verliebt sich Jacob im Film in Emma, ein Mädchen, das so leicht ist, dass es ohne seine besonders schweren Schuhe wegfliegen würde. Im Buch verliebt er sich ebenfalls in Emma, dieses Mädchen kann aber mit seinen Händen Feuer machen. Das federleichte Mädchen kommt im Buch ebenfalls vor, heißt aber Olive und spielt keine größere Rolle.


Zu erwähnen wäre noch die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Romans: Ransom Riggs, der Autor, hatte nämlich zunächst nur eine Sammlung seltsamer, auf Flohmärkten zusammengetragener Bilder und plante ursprünglich, diese als Fotobuch zu veröffentlichen. Sein Verleger machte dann der Vorschlag, sich doch lieber eine Geschichte um die Bilder herum zu überlegen - was Riggs dann in die Tat umsetzte.

Weiß man über die Entstehungsgeschichte des Romans Bescheid, erklärt das auch, dass manche Bilder im Buch doch etwas an den Haaren herbeigezogen scheinen - zumindest ist es aus der Leserperspektive schwer vorstellbar, dass es zu jeder noch so nebensächlichen Handlung ein begleitendes Foto zu geben scheint. Nichtsdestotrotz ist die Idee, einmal von den Illustrationen ausgehend eine Geschichte zu schreiben, natürlich faszinierend.

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Ich weiß nicht, wie anormal das eigentlich ist, also frei heraus damit: Ich habe imaginäre Freunde. Damit meine ich nun nicht die unsicht...

Ein weiterer Podcast - und meine imaginären Freunde


Ich weiß nicht, wie anormal das eigentlich ist, also frei heraus damit: Ich habe imaginäre Freunde. Damit meine ich nun nicht die unsichtbare Variante, die viele Kinder in jungen Lebensjahren kultivieren (ich selbst meines Wissens nicht), sondern lebende Menschen, die atmen, denken und Wein trinken... allerdings ohne dabei zu wissen, dass sie mit mir befreundet sind, oder auch nur, dass ich existiere.

Letztlich würde ich hier vermutlich weniger deutlich seltsam dastehen, wenn ich mich einfach als ganz normaler Fan darstellen würde, und die Unterschiede sind zugegebenermaßen klein. Nehmen wir beispielsweise Stefan Niggemeier: Woher ich den Medienjournalisten kenne, weiß ich gar nicht mehr, jedenfalls las ich seine Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und später auf seinem Blog meist mit häufigem Kopfnicken und dem Gefühl "Ja, der hat Recht, mit dem würdest Du Dich gut verstehen!" Hauptsächlich wegen Niggemeier wurde ich vor einigen Jahren zahlende Unterstützerin des Journalistenprojekts "Krautreporter" und stieg nach einem Jahr wieder aus, als er das tat. Dass ich bislang keine Kundin seines neuen und sicherlich lesenswerten Projekts "Übermedien" bin, verraten wir ihm bitte nicht, ok?


Als Privatfernsehzuschauerin der ersten Stunde (meine Eltern hatten bereits in den späten 80er Jahren Kabelfernsehen) wuchs ich mit MTV und VIVA quasi auf, wobei mir natürlich Sarah Kuttner ein Begriff wurde, die ab 2001 bei VIVA moderierte und später sogar eine eigene Abendshow bekam. Ich kann mich nicht erinnern, die Show sonderlich oft gesehen haben, weil ich in den fortschreitenden 2000ern dem Musikfernsehen langsam entwuchs. Zumindest habe ich Kuttner aber als vergleichsweise un-nervig in Erinnerung (Ja, aus meiner Sicht ist das schon ein Kompliment), was sich in späteren Formaten wie "Kuttners Kleinanzeigen" oder "Bambule" bestätigte. Meine imaginäre Freundin ist sie aber erst, seit ich ihr auf Twitter folge - dort zeigt sie zum einen viel Humor auf eigene Kosten und zum anderen eine Persönlichkeit, die sich erfreulich menschenfeindlich gibt, wenn diese Wortkombination denn einen Sinn ergibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir gemeinsam ähnliche Menschen und Dinge ablehnen könnten. Außerdem waren wir beide nach dem Abitur als Au Pair-Mädchen in London, was allein schon für ein abendfüllendes Gespräch reichen sollte.

Mit der Zeit und via Twitter (wo ich übrigens nur lese und niemals schreibe) bekam ich dann mit, dass Stefan Niggemeier und Sarah Kuttner im echten Leben miteinander befreundet sind. Toll! Juhu! Schön für die beiden! Beide haben Hunde, über die sie viel berichten - als Katzenbesitzerin kann ich mir zwar noch spannendere Tier-Gesprächsthemen vorstellen, aber generell mag ich alle Tiere, das geht also in Ordnung.


Meine dritte imaginäre Freundin ist die Journalistin Anja Rützel, die auf Spiegel Online über Fernsehformate wie das Dschungelcamp berichtet - und das einerseits akkurat und witzig, andererseits aber auch mit durchaus intellektuellem Anspruch. Meist macht das Ansehen eines Trash-Formats wie etwa des "Promikegeln"s auf RTL2 (Ja, das gab es wirklich) signifikant weniger Spaß, als den dazu entstandenen Artikel zu lesen. In den letzten Jahren wartete ich zur Dschungelcamp-Saison im Januar jeden Morgen ungeduldig auf die neueste Rützel-Kritik - meist lohnte sich deren Lektüre weit mehr als die aufs Maximale ausgedehnten Folgen.

Frau Rützel folge ich ebenfalls auf Twitter, weshalb ich auch ihren Hund zumindest optisch schon recht gut kenne, außerdem machen ihre Tweets zu Sendungen wie dem "Bachelor" oder "Germany's Next Topmodel" selbige gleich deutlich erträglicher - tatsächlich sehe ich manchmal, wenn ich bei einem solchen Trashformat hängenbleibe, nach, ob es vielleicht unterhaltsame Rützel-Live-Tweets zum Thema gibt.


Wer bis hierher gelesen hat, kann sicherlich meine unbändige Freude darüber nachvollziehen, als ich erfuhr, dass Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier nun gemeinsam einen Podcast machen. Seit mittlerweile sechs Folgen präsentieren sie "Das kleine Fernsehballet" auf der Streamingplattform Deezer und sprechen darin miteinander teils über aktuelle US-Fernsehserien wie Big Little Lies oder 13 Reasons Why - zwingen einander aber auch, deutsche Fernsehperlen Das große Promibacken oder Kerners Köche durchzustehen und darüber zu berichten.

Nun, besser hätte man ein Podcastthema wohl kaum auf mich zuschneiden können. Zu allem Überfluss war dann in Folge 4 auch noch Dirk von Lowtzow von Tocotronic zu Gast - kein Phantasiefreund von mir, ich mag nicht einmal Tocotronics Musik sonderlich, aber ich wusste bereits seit einem Video vor einigen Jahren, dass er wie ich Buffy-Fan ist. Und prompt versuchte er im Podcast, Niggemeier und Kuttner den Charme dieser Serie näher zu bringen (was, wären wir tatsächlich befreundet, natürlich meine Aufgabe wäre. Aber immerhin schön, dass sie jemand erledigt).

Als ich bereits dachte, besser könne es mit mir und meinen imaginären Freunden , die sich nun ja quasi einmal pro Woche bei mir melden, kaum werden, wurde für Folge 6 auch noch als Gast wer angekündigt? Genau, Frau Rützel. Die besagte Folge gefiel mir dann auch ausgesprochen gut. Anders als vorherige Gäste durfte Anja Rützel bei allen zu besprechenden Fernsehformaten mitdiskutieren, weil sie ohnehin alles bereits angesehen hatte. Die Gespräche zu Fleabag, The Story Of My Life und Curb Your Enthusiasm enthielten genau die richtig Mischung aus Informationen, Enthusiasmus und beißender Kritik, mit der ich mich identifizieren konnte.

Es ist vermutlich schon angekommen: Ich bin, so weit mir das mit meiner eher nüchternen Persönlichkeit möglich ist, begeistert. Und die Beteiligten können sich darüber freuen, dass ich nicht wie sie in Berlin wohne und folglich die Chance gering ist, dass ich demnächst vor ihren Häusern herumhänge oder sie im Supermarkt verfolge.

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