Neulich als nicht die Polizei kam: Enno Bunger in Montabaur

U.

Seit dem Auftritt der Indelicates in unserem Wohnzimmer im Juli hatten wir hinsichtlich weiterer Hauskonzerte den Ball flach gehalten. Die Sommerferien standen an, was durchaus Grund für eine Pause ist, wenn ein Großteil des potenziellen Publikums aus Lehrern und Eltern besteht. Außerdem wollten wir ja auch nicht irgendwelche Musiker engagieren, sondern solche, die wir tatsächlich toll fanden, und hierfür hat man nicht jede Woche Gelegenheit.

Dann kam aber via Facebook ein Aufruf von Enno Bunger rein: Er wolle spontan, noch vor seiner regulären Tournee im November, zur Finanzierung der Produktion seines neuen Albums eine kurze Wohnzimmertour machen, und man sollte sich bei Interesse bewerben. Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen, hatten wir den Künstler doch in den letzten eineinhalb Jahren dreimal live gesehen. Tatsächlich hatten mein Freund und ich beim letzten Konzert im Rahmen der Mannheimer Seebühnen-Regatta sogar kurz miteinander darüber gesprochen, ob Bunger wohl für Wohnzimmerkonzerte in Frage komme. Gesprächsergebnis: Nein, der ist zu erfolgreich.

Die Bewerbung wurde geschrieben und abgeschickt, große Hoffnungen machten wir uns aber nicht, denn wir hatten keine realistische Chance, die im Grunde in der Ausschreibung erbetenen 40 bis 50 Gäste zu erreichen. Tatsächlich kam aber bereits vor dem Bewerbungsschluss eine erste, vorsichtig positive Antwort, dann folgte eine feste Zusage, die hinsichtlich unserer kleinen Warnung, dass Katzenallergiker in unserem Haushalt Schwierigkeiten haben könnten, erklärte: "Hättet ihr sofort gesagt, dass ihr Katzen habt, hätten wir gleich zugesagt". Enno Bunger würde am 20. Oktober bei uns im Wohnzimmer spielen! Dieser Termin lag in den Schulferien, so dass von den bei früheren Konzerten recht zahlreich erschienenen Lehrern aus dem Bekanntenkreis dieses Mal nur ein paar Zeit hatten.


Nachdem wir das Konzert von Enno und dem ihn begleitenden Mitmusiker Onno Dreier auch über unseren Bekanntenkreis hinaus bekannt machen wollten, unternahmen wir so einiges: Die örtliche Zeitung wurde angemailt und gefragt, ob man einen Bericht mit einer Ankündigung veröffentlichen könne. Das erfolgte auch, sogar halbseitig und in der Samstagsausgabe, aber die von uns zur Verfügung gestellte E-Mailadresse für Interessenten blieb beinahe unbenutzt. Zusätzlich luden wir dieses Mal nicht nur unsere direkten Nachbarn, sondern gleich die ganze Straße ein, was immerhin drei zusätzliche Gäste einbrachte. Als am erfolgreichsten erwies sich die Ankündigung von Enno selbst via Facebook: Vier weitere Gäste meldeten sich, jeweils mit Begleitung, an.

Gemeinsam mit unseren Freunden, Verwandten und Bekannten brachten wir es so immerhin auf etwas über 30 erwartete Konzertgäste. Für diese Besucher kauften wir Getränke und Essen ein und bereiteten Gästezimmer vor, denn erstmalig wollten die Konzertgäste nach dem Auftritt auch bei uns übernachten.

Der 20. kam schnell und ebenso die Musiker, denn diese trafen bereits am frühen Nachmittag bei uns ein. Während sie auf ihrem offenbar von MC Escher konstruierten VW Bus (innen größer als außen) eine geradezu absurd erscheinende Anzahl von Musikinstrumenten in unser Wohnzimmer trugen und dort aufbauten, wurde immer klarer, dass 30 Gäste mehr als genug sein würden, um unser Wohnzimmer bis an den Rand zu füllen. Beim Soundcheck bekamen wir dann etwas Angst: Für melancholische Klavierballaden waren die Bunger-Lieder verdammt laut! Ob heute Abend wohl auch die Polizei vorbei schauen würde, weil das Geschirr auch in den Nachbarhäusern im Schrank klirrte?

Zwischen der Ankunft unserer Gäste,die zusätzlich Onnos Bruder Dirk als Trag- und Aufbauhelfer mitgebracht hatten, und dem Konzert gab es noch viel Zeit, in der wir erfuhren, dass die Spielorte und Unterkünfte stark variierten, an einem Ort habe man die angebotene Übernachtungsgelegenheit gar wegen zu großem Schmutzaufkommen ablehnen müssen. Bei einem sehr jungen Mädchen, das sich erfolglos für die Wohnzimmertour beworben hatte, hatten Enno und Onno einfach nachmittags kurz vorbei geschaut und ein paar Songs gespielt.


Nach dem schon beinahe traditionellen Abendessen mit den Musikern tauchten die Gäste dann auch bereits auf und erkämpften sich Plätze auf dem Sofa und Stühlen, während die zusätzlich besorgten und bereit gelegten Sitzkissen deutlich weniger Freunde fanden.

Und dann ging das Konzert los. Enno sagte bei der Begrüßung, dass es viele Bewerbungen für die Wohnzimmertour gegeben habe, was er gar nicht verstehe, denn seine Musik sei ja im allgemeinen eher deprimierend - für Hochzeiten und Familienfeiern also eher schlecht geeignet.

Tatsächlich bestand (natürlich) wieder ein Großteil der Setliste aus Titeln des Trennungsalbums "Wir sind vorbei", wobei die gespielten Versionen, etwa bei "Leeres Boot" (mit einem sehr langen Instrumentalteil) und "Roter Faden", teils erheblich von den uns bereits bekannten abwichen. Vor dem für diese Platte untypischen, da deutlich schnelleren Titel "Die Flucht" erzählte Eno, er kämpfe wie alle Söhne mit dem Problem, dass seine Mutter alles, was er macht, grundsätzlich gut fände. Diesen für seine Verhältnisse geradezu aggressiven Song habe er ihr in der Erwartung vorgespielt, endlich etwas produziert zu haben, das sie kritisieren würde. Und sie habe "Geil Enno, endlich mal was Fetziges!" gesagt.

Enno spielte aber auch ganz neue Titel, etwa "Am Ende des Tunnels", das wir bereits aus Frankfurt kannten, sowie sein untypisch fröhliches neues Lied mit dem (Arbeits-)Titel "Irgendwann", das ich bereits in Mannheim gehört hatte, ebenso "Scheitern". Vor "Irgendwann" erklärte er zur Beruhigung des Publikums, er schreibe stets nach aktueller Gefühlslage, es gehe ihm also mittlerweile besser.


Allerdings erzählte er vor dem älteren "Pass auf dich auf", das er einst bei Inas Nacht vortragen durfte, dass ihn die ARD zwar in einem der teuersten Hotelzimmer Hamburgs untergebracht habe, er aber nur 150 Euro Gage bekommen habe - was dazu geführt habe, dass er, als der von ihm bewunderte Mitgast Ulrich Tukur vorgeschlagen habe, nach der Sendung noch einen trinken zu gehen, vortäuschen musste, zu müde zu sein, weil er kein Geld hatte. Was doch Anlass für einen weiteren neuen, aber traurigen Song wäre.

Auch Onno, der Enno an Keyboards, Trommel, Gitarre und Akkordeon begleitete, hatte einen Soloauftritt, als er einen (angeblich den einzigen) Song seines eigenen Musikprojekts Projektor vortrug. Danach folgte eine Coverversion von Element of Crimes "Bitte bleib bei mir", die Onno auf dem Akkordeon begleitete.

Nach "Roter Faden" war der Hauptteil des Konzertes beendet, wobei uns die Zugabe bereits fest versprochen war und auch umgehend erfolgte. Davor klingelte es allerdings überraschend an der Tür und ich erinnerte mich plötzlich an meine Angst, dass lautstärkebedingt die Polizei kommen könnte. Es handelte sich dann aber zum Glück nur um einen allerletzten Konzertgast.

"Regen" kündigte Enno als Hit an, da Klaas Heufer Umlaufs Band Gloria den Song auf ihrem Debutalbum gecovert hat - was Enno gar nicht recht war, aber immerhin bei ihm für emotionalen Abstand von dem sehr persönlichen Lied gesorgt hat. Auf das neue "Scheitern" folgte noch, quasi als Zugabe der Zugabe, "Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung", das akustisch vorgetragen wurde, erneut mit Enno am Akkordeon.


Nach diesem endgültigen Schlusspunkt des Konzerts konnte man natürlich noch Merchandise kaufen und mit Enno und Onno sprechen. Mir hatte das Konzert bei uns daheim natürlich überaus gut gefallen, und auch die Gäste machten einen sehr zufriedenen Eindruck.

Ein paar Tage später meldeten sich übrigens doch noch Interessenten über die E-Mail-Adresse, die wir in der Zeitung veröffentlicht hatten: Zwei Teams des SWR fragten unabhängig voneinander, ob sie für ihre tägliche Regionalsendung beim nächsten Konzert filmen dürfen. Es bleibt also spannend...

Setliste:

Abspann
Leeres Boot
Ein Astronaut
Blockaden
Die Flucht
Am Ende des Tunnels
Pass auf dich auf
Bear in the woods (Projektor)
Bitte bleib bei mir (Element of Crime Cover)
Herzschlag
Irgendwann
Roter Faden

Regen
Scheitern

Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung

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